Allgemeine Zeitung vom 24.6.2011

Keine Angst vor dem Unbekannten

Austausch Elisabethenschüler zu Besuch am SGG SPRENDLINGEN /BINGEN.

Daniel und Christoph waren sich einig: "Wir kommen wieder. Klar!" Berührungsängste haben die beiden 17 und 18 Jahre alten Jungs der Elisabethenschule in Sprendlingen nicht. Auch nicht vor dem Unbekannten. Vor dem, was sie bei ihrem Besuch des Ethikkurses der zehnten Klassenstufe im Stefan-George-Gymnasium (SGG) erwartete. Unterricht einmal anders. Lebensnah. "Leben mit Behinderten" war Unterrichtsthema, berichtete Egon Goldschmidt. Den Umgang normalisieren, auch durch direkte Begegnungen sei dabei ein wichtiger Aspekt, den die Mutter einer Schülerin ermöglicht habe, die an der Förderschule arbeite. Anfang Mai waren die Binger zu Gast in Sprendlingen , nun erfolgte die "Revanche" mit dem Gegenbesuch. Zwei Gruppen wurden gebildet, zwischen Chemieunterricht und Sport abgewechselt. Sport, weil Bewegung immer gut ist. Und Chemie, weil es das an der Förderschule so nicht gibt. Entsprechend begeistert waren die 18 Schüler. Erleben, wie Farben verlaufen, war das eine. Die Energie, die in einem Gummibärchen steckt, live zu sehen. Christoph strahlte: "Da wurde in kleinen Gläschen etwas wie Speisesalz aufs Bärchen gemacht, erhitzt, und dann wurde es flüssig." Auch Daniel war fasziniert: Erst habe es richtig gebrannt - "und dann war es auf einmal weg!" Bettina Hessing-Krauß lobte den großartigen Umgang miteinander. Ein Gefühl, das die Gymnasiasten teilten. Mehdi (16) fand es sehr angenehm. Es mache Spaß, in Kontakt zu kommen. Wie Nicolas hatte auch er zunächst eine gewisse Scheu. Die war aber schnell abgelegt. Was vor allem an der gegenseitigen Offenheit und Rücksichtnahme, der Akzeptanz und dem unkomplizierten Umgang miteinander lag. Offen und locker seien "ihre" Kinder immer, erzählte Anke Aslanifard, besagte Mutter einer SGG-Schülerin und Pädagogische Fachkraft der Elisabethenschule . Ihren Schülern habe der Besuch der SGGler damals total gut gefallen. Wichtig sei für alle, dass es im Unterricht nicht nur um graue Theorie gehe, sondern dass jeder selbst aktiv sein könne. Eine Sache, die vor allem für die Förderschüler unabdingbar sei: Bewegung und Dinge zum Anfassen seien wichtig. Darüber ließen sich auch leicht Kontakte knüpfen, Menschlichkeit und Miteinander erfahren. Für die Gymnasiasten hieß das, "alles etwas runterzufahren", das Leben abseits des theoretischen Paukstoffes kennen zu lernen. Canel (16) und Alissia (15) gefiel das sehr gut. Außergewöhnlich und schon ein bisschen anstrengend sei alles, meinte der eine. Jeder profitiert vom anderen Und seine jüngere Klassenkameradin hatte die unterschiedlichen Stärken aller erkannt, zumal sie wie die meisten vorher keinerlei Kontakt zu Förderschülern hatte. Hier könne wirklich jeder von dem jeweils Anderen profitieren. Kompliziert sei es schon, bekannte Goldschmidt, war aber vollauf zufrieden: "Es hat wunderbar geklappt!" Mit der Idee, eventuell auch andere Ethik-Jahrgänge einzubinden und zu einer möglichen Kooperation mit der Elisabethen-Schule zu kommen, hat er sich längst angefreundet. Übrigens: Das SGG konnte noch in einer anderen Hinsicht punkten. "Das Essen hat viel besser geschmeckt als bei uns", war Christoph vom Mittagstisch in der Cafeteria begeistert. Auswärts schmeckt's halt eben doch oft besser als zuhause. " Der direkte Kontakt bringt mehr als alle Theorie." Egon Goldschmidt, SGG-Lehrer

Von Jochen Werner