Guido Blume singt jiddische Lieder Mai 05

Auf die Frage, warum singst du jiddische Lieder?, möchte ich ein wenig aus meiner eigenen Geschichte erzählen:

1983 ist geprägt von drei wichtigen Ereignissen: ich mache Abitur mit Ach und Krach, die Grünen werden gegründet, Kohl wird gewählt. Bis dahin habe ich mehr Zeit in der KSJ, im Juz und beim bdp verbracht als im Gymnasium. Es gibt die letzten Song-Festivals auf der Burg Waldeck, die ich besuchte, das Ingelheimer Folk-Festival zeigt sich letztmalig als internationaler Treffpunkt von Folkmusikern und Songwritern, bevor die alle in Nischen verschwinden. In den Ingelheimer Lagerfeuern verbrennen die Jägerzäune der Anwohner,

in den Haschpfeifen erstklassiger shit aus den benachbarten US-militär-basen.

Zuhause im Neubaugebiet hören wir Langspielplatten. Die einzige U-Musik-Lp, die meine Eltern besitzen, heißt die Ofarim-Story und ich höre seit meinem fünften Lebensjahr immer wieder die großartige Stimme von Esther Ofarim, wie sie internationale Folklore und deutsche Schlager interpretiert. Ich singe mit. Hier taucht das erste jüdische Lied auf: "Laila, laila".

Wir singen im Gottesdienst, wir singen an Lagerfeuern, wir singen zuhause und in der Schule. Die erste selbstgekaufte Lp ist von Reinhard Mey. Nach wenigen Tagen kann ich sie auswendig und begleite mich auf dem Klavier dazu. Während in anderen Jugendzimmern Judas Priest, Deep Purple, BAP und Nina Hagen abrocken, beginne ich deutsche Liedermacher und irische Folk-Musik zu hören. Ich singe mit. Ich höre Zigeunerlieder, gesungen von Ninas Mutter. Franz Josef Degenhardt ätzt mit seiner Stimme und seinen beißenden Texten in die Nachkriegsidylle hinein. Er bohrt und fragt "wo sind die alten Lieder", hinterfragt alles und jeden. Wir auch. Es wird politisch.

Wir verweigern den Kriegsdienst, die Haare wachsen, erste Unterhemden werden vorzugsweise in hellblau und rosa gebatikt, Latzhosen werden zu Markenzeichen, die Mutter näht uns Flicken auf die Jeans. Wir spielen noch einmal Woodstock, morgens um sieben schiebe ich die Hair Kassette in den Telefunken-Rekorder, ich beherrsche stimmgewaltig die komplette Partitur von Jesus Christ Superstar, wir quälen unsere Eltern mit endlosen Diskussionen und riskanten Selbsterfahrungen.

Ich beginne respektlos alles nachzusingen, was mir zu Gehör kommt und mich bewegt. Das ist eine Menge. Wir arbeiten uns durch’s Beatles-Songbook, Neil Young treibt die Stimmen in die Höhe, der amerikanische Akzent kommt immer lockerer über die Lippen.

Rene Bardet tourt mit Texten von Indianerhäuptlingen, in Dortmund Dorstfeld gibt’s sogar welche, Walter Moßmann schnauzt gegen Atomkraftwerke, die ersten Punker laufen rum, Reaggae lebt und Bob Marley stirbt.

Wir machen das, was später fusion oder world music genannt wird: ohne Grenzen nehmen wir alle Stile und Musikrichtungen als gleichwertig, hörenswert und interessant wahr. Das Zauberwort heißt folkmusic. Neidisch blicken wir auf die Nachbarländer, in denen Jung und Alt in der eigenen Sprache singen.

Wir tun uns schwer damit und das hat Gründe.

In dieser Zeit trifft mich eine Vinyl-Scheibe wie ein Blitzschlag: "`chob gehert sogn" von der Gruppe mit dem unsäglichen Namen "Zupfgeigenhansel", deren Musik mich fortan begleiten wird. Lieder kommen und gehen. Man wagt sich an Don McLean, Cat Stevens, und immer wieder die Beatles heran, die jiddischen Lieder aber werden zu festen Wurzeln des Repertoires. Der große Sänger und Liederforscher Thomas Friz wird mein Lehrmeister, ohne das er es weiß. Die Spur führt zurück zu Peter Rohland, dem jung gestorbenen Volkssänger der fünfziger Jahre, dessen Wirken die Burg Waldeck bis heute prägt.

Lieder von anderswo, Vagabunden-Lieder, demokratische Lieder, Lieder des Francois Villon, jiddische Lieder. Sein Lebenswerk, zuhause auf Tonband aufgezeichnet, wird auf Platte herausgebracht. Ich verschulde mich dafür. Ab nun explodiert die Plattensammlung. Jede Scheibe ist eine Errungenschaft, der Kosmos des jiddischen Liedgutes erweitert sich, prägende Konzerterlebnisse mit Thomas Friz, Hay und Topsy Frankl, Esther Bejarano sind Sternstunden und beflügeln mich, immer mehr Lieder in dieser poetischen Sprache zu lernen.

Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus ist das Resümee unserer Kinderjahre und steht auf den Fahnen all dieser politisch motivierten Sänger und SängerInnen, Zeitzeugen und unermüdlichen Hütern eines gigantischen Schatzes, Vermächtnisses.

Kaum beherrschen wir drei Akkorde auf der Gitarre, treten wir auf. Die Programme sind gemischt, von allem etwas, eigene Lieder in deutscher Sprache entstehen. "Schnitzel" mit Rainer Trunk, Gernot und Guido Blume macht Furore, wir spielen auch Säle leer und probieren uns in verschiedenen Folk-Duos und Trios und der Straßenmusik.

In den 80er Jahren hat die ganze Herrlichkeit ein Ende.

Der Pläne-Verlag geht fast pleite, der Handelshof verkauft die wertvollsten Explorer-World-Music-Schallplatten für 50 Pfennig, die Festivals verschwinden vom Erdboden, Zupfgeigenhansel trennt sich, Liederjan macht Comedy.

Tschernobyl.

New Age.

Eine Katastrophe jagt die nächste.

Nur Hannes Wader steht wie ein Rohr im Wind.

Dann stirbt auch noch Rio Reiser.

Aber zum Glück gibt’s jetzt Stefan Stoppok, Grönemeyer

und die unbestechliche Ulla Meinecke.

Wir gehen in alle Himmelsrichtungen und probieren neues.

Einmal kaufen wir den gesamten Restbestand von Langspielplatten

eines linken Buchladens auf. 500 Mark für ebensoviel Scheiben...

Meine Plattensammlung und Liederrepertoire wachsen beständig.

Die alten Lieder begleiten mich und reifen wie ein guter Wein.

2005: Blume brothers back on stage.

Zusammen mit dem Hamburger Volkmar Döring.

Und zwar in Bingen.

Im Publikum unsere alten Lehrer, die SchülerInnen bleiben zuhause.

Jetzt wollen wir sehen, ob das was uns bewegt neue Zuhörer findet und auf offene Ohren trifft.