Von "Innerheit" und "Tiefigkeit"
Hildegardisschule und Stefan George Gymnasium präsentieren
das Binger Musik-Duo Blume-Spencer mit Hölderlin-Vertonungen
Von Egon Goldschmidt
Wahrlich ein Alternativprogramm der besonderen Art zum Auftakt des
diesjährigen Winzerfestes, ein Konzert der leisen, aber eindringlichen
Töne! Zum nunmehr 4. Male hatten Hildegardisschule und Stefan-George-Gymnasien
in Kooperation zu einem "Dichterlieder-Abend" der bekannten Binger
Künstler Gernot Blume und Julie Spencer geladen. Dabei erschien Blume
als ehemaliger Schüler und Abiturient des SGG und derzeitiger Musiklehrer
der Hildegardisschule in besonderer Weise geeignet, diese Kooperation
zu repräsentieren. Nach Heine, Hesse und Rilke war es nun Friedrich
Hölderlin, der mit seinen Texten zur Vertonung inspirierte. Das überschaubare,
aber interessiert lauschende Publikum wurde abermals nicht enttäuscht.
Gesanglich und instrumental zeigte sich das Ehepaar Blume-Spencer
kongenial auf höchstem Niveau. Dabei erwiesen sich die Texte des als
"sperrig" geltenden Dichters Hölderlin in der Vertonung gar nicht
mehr so abgehoben. Zu verdanken war dies dem einfühlsamen Nachspüren
der Zwischen- und Gegenräume in Hölderlins Texten durch die musikalische
Umsetzung. Aber auch die ironischen Erläuterungen Gernot Blumes ermöglichten
dem Publikum einen unterhaltsamen Zugang. Schließlich nicht zu vergessen
das Zusammenspiel von Klavier, Vibraphon und Schlagzeug, wobei Julie
Spencers ganz eigene Spieltechnik und angenehme Singstimme die Musikstücke
zu einem wunderbaren Klangerlebnis werden ließen.
"Brecht ist zwar ohne Goethe, aber nicht ohne Hölderlin zu denken",
kommentierte Blume augenzwinkernd einen Wesenszug Hölderlinschen Schaffens.
In fast dialektischer, ja Brechtscher Weise kennzeichnen immer wieder
die Kontraste "hoch und tief", "oben und unten", "innen und außen",
"Ich und Welt" das Denken des Dichters. Dabei genügen Hölderlin ganz
offenbar geläufige Begriffe und Bilder wie "Tiefe" und "Innerlichkeit"
nicht mehr, er erfindet Wortschöpfungen wie "Innerheit" und "Tiefigkeit",
mit denen er versucht, existentielle Befindlichkeiten zu verarbeiten.
Eigensinnig, aber einleuchtend wirkte schließlich die Zusammenfügung
der Begriffe Freundschaft und Bildung im Lied "Freundschaft“, das
am Ende des Abends als Zugabe wiederholt wurde, auch als Verbeugung
"an die anwesenden und nicht anwesenden SchülerInnen", denen Blume
für Inspiration bei der Kompositionsarbeit dankte. Das sichtlich beeindruckte
Publikum antwortete mit langem und herzlichem Beifall, der von den
Schulleiterinnen beider Schulen, Frau Lier-Kories und Frau Seipel
in Dankesworten zusammengefasst wurde, auch in der Hoffnung, "nicht
erst wieder in 15 Jahren" mit einem Dichterlieder-Abend rechnen zu
können, wenn die Rechte an den Brecht-Texten freigegeben sein werden.
Derweil liegen nämlich Brecht-Vertonungen von Gernot Blume schon in
der Schublade. Auf andere Projekte des Duos in den nächsten Jahren
darf man jedenfalls sehr gespannt sein!