Vegetationskundliche Betrachtung einer Station unserer Reise:

der Nebelwald

  1. Einleitung
  2. "Die ursprüngliche Vegetation Ruandas ist heute weitgehend zerstört" (Fischer/Hinkel 1992, S. 29). Dieser Satz fehlt in keinem der von mir ausgewerteten Texte.

    Trotzdem birgt Ruanda eine große Vielfalt an Naturräumen: So lassen sich Savannen mit offenen Graslandschaften, Baumsavannen und Trockenwäldern unterscheiden. Ebenso finden sich sogenannte Galeriewälder, ein Auwaldtyp in Flussnähe, der in der Regenzeit teilweise überschwemmt und auch in Trockenzeiten immer feucht ist, das Ruisizi-Tal als tiefster Punkt Ruandas (950m über dem Meeresspiegel) sowie anthropogene Savannen und Kulturlandschaft, die über 80% der Fläche Ruandas einnehmen. Nicht zu vergessen sind die Lavafelder im Bereich der westlichen Virunga-Vulkane, an denen sich die sukzessive Besiedlung durch Organismen studieren lässt sowie die Thermalquellen der Rutshuru-Ebene im P.N. Virunga/Zaire mit Wassertemperaturen von über 90° C oder die niedrigertemperierten Quellen z.B. bei Ruhengeri (nicht über 40° C), die eine stark spezialisierte, an diesen Lebensraum angepasste Flora und Fauna aufweisen. Ebenso beeindruckend sind die Virunga-Vulkane an der Nordgrenze Ruandas mit ihrer typischen vertikal zonierten Vegetation - der Heimat der vom Aussterben bedrohten Berggorillas. Eine Vorstellung all dieser Lebensräume ist im Rahmen dieser Ausführungen nicht möglich. Im Anhang findet sich jedoch ein Bestimmungsschlüssel, mit dessen Hilfe sich während unserer Reise zumindest die Vegetationsformationen erkennen lassen (entnommen aus Fischer/Hinkel 1992).

    Im Folgenden möchte ich auf ein Biotopsystem näher eingehen, das wir möglicherweise während unserer Reise kennen lernen werden: die Höhen- und Nebelwälder Ruandas. Insbesondere soll die typische Zonierung dieses Lebensraumes und seine Charakterarten vorgestellt werden, sodass es möglich sein müsste, vor Ort die ein oder andere Pflanze zu benennen.

     

  3. Der Höhen- und Nebelwald

Die östliche Randschwelle des zentralafrikanischen Grabenbruches in einer Höhe zwischen 1700 und 3000 m ist das Verbreitungsgebiet eines Waldtyps, der in Erscheinungsbild und floristischer Zusammensetzung vom Regenwald des angrenzenden Zairebeckens abweicht. Er wird als immergrüner Nebelwald bezeichnet. Aufgrund verschiedener Kondensationsniveaus ist der Wald häufig in Wolken gehüllt, was zur Namensgebung führte.

Nebelwälder finden sich in Ruanda im Westen des Landes nur noch in Form von Restbeständen, deren flächenmäßig größter der Foret de Nyungwe ist (vgl. Abb.1). Der ehemals großflächige Foret de Gishwati ist heute zu mehr als zwei Dritteln entwaldet.

Kennzeichen des Nebelwaldes:

Abb.1: Aktuelle Verbreitung der Nebelwälder in Ruanda (aus Fischer 1997, S. 22)

 

    1. Vegetationsgeschichte
    2. Die Vorstellung von einem Jahrmillionen alten Regenwald im west- und zentralafrikanischen Raum ist unzutreffend. Aufgrund von Pollenanalysen und u.a. Rekonstruktionen von Wasserspiegelschwankungen der Seen (z.B. Kivu-See) geht man davon aus, dass es als Folge mehrerer Klimaveränderungen zu Vegetationsfluktuationen kam. Im Verlauf von warmen Feuchtphasen waren stets die Wälder auf dem Vormarsch, während zu Zeiten kühler Trockenphasen sich Savannenformationen großzügig ausdehnten. Von relativ kleinflächigen Rückzugsgebieten ging bei erneutem Klimawechsel die Wiederbesiedlung aus. So kommt den Nebelwäldern eine große Bedeutung als Refugialräume für die tropischen Feuchtwälder in den Trockenperioden Afrikas zu. Die Lagen zwischen 1600 und 3000 m NN boten immer noch ausreichend Niederschläge für die Existenz vieler Arten der feuchten Wälder.

      Pollenanalysen belegen Phasen von Ausbreitungen der Höhen- und Nebelwälder aufgrund feuchter und warmer Bedingungen vor 32 000 bis 27 000 Jahren, 13 000 bis 5 000 mit einem Klimaoptimum für Nebelwälder vor 6 000 Jahren. In dieser Zeit entwickelten sich dichte und geschlossene Waldformationen in Ruanda. Nach erneuter Ausbreitung der Savannen kehren ab etwa 3000 vor heute humidere Bedingungen zurück, unterbrochen durch zwei Trockenzeiten zwischen 1600 und 1500 sowie 1000 bis 200 Jahren vor heute. Hier beginnt bereits die anthropogene Zerstörung der Wälder. Im Verlauf dieser Fluktuationen änderte sich nicht nur das Verbreitungsgebiet, sondern auch die Artenzusammensetzung, die durch Pollenanalysen sehr gut belegt sind.

       

       

    3. Zonierung und Charakterarten
    4. Die Nebelwälder Ruandas zeigen in vertikaler Richtung folgende großräumige Zonierung:

      Die Untere Nebelwaldstufe (1700 –2300m)

      Die Mittlere Nebelwaldstufe (2300 – 2600m)

      Die Obere Nebelwaldstufe (oberhalb 2600m)

      Großflächig findet sich die Untere Nebelwaldstufe nur noch im westlichen Bereich des Foret de Nyungwe.

      Die obere Baumschicht von insgesamt drei gut zu unterscheidenden Schichten hat eine Höhe von ca. 30 m und kann durch sogenannte "emergent trees" (herausragende Bäume) unterbrochen sein. Im Gegensatz zum Regenwald verfügen Nebelwälder über eine gut ausgeprägte Krautschicht. Auffallend ist auch der hohe Epiphytenreichtum , vor allem an Moosen, Farnen und Orchideen. In der Nähe von Gewässern findet man reiche Bestände des Baumfarns Cyathea manniana, eine international geschützte Art.

      Klicken zum Vergrößern:

      Abb. 2: Profil der Unteren Nebelwaldstufe mit Charakterarten (aus Fischer/Hinkel 1992, S. 26)

      Eine Reihe von Arten ist in Ruanda nur aus dem Reliktwald von Cyamudongo bekannt. So z.B. zwei völlig blattgrünlose Wurzelparasiten von Urwaldbäumen. Die purpurfarbenen Blütenstände von Thonningia sanguinea durchbrechen für nur kurze Zeit den Boden, während der übrige Teil der Pflanze als stark reduzierter Parasit in den Wurzeln des Wirtes schmarotzt. Der Rachenblüter Harveya alba, auch ein Wurzelparasit, steht den heimischen Sommerwurzarten nahe, Spross und Blüten sind aber völlig weiß.

      Mit zunehmender Höhe ändert sich das Erscheinungsbild des Nebelwaldes. In der Mittleren Nebelwaldstufe erreicht die obere Baumschicht nur noch ca. 15 m Höhe. Insgesamt lassen sich nur noch zwei Schichten voneinander abgrenzen. In der Epiphytenvegetation häufen sich die Flechten, insbesondere die Bartflechten.

      Abb. 3: Mittlere Nebelwaldstufe mit Charakterarten (aus Fischer/Hinkel 1992, S. 34)

      In der Oberen Nebelwaldstufe treten je nach Bodenverhältnissen Bambuswälder in Verbindung mit anderen baumförmigen Arten (Hagenia abyssinica, Kossobaum, Baumheiden, z.B. Erica rugegensis) auf. Die Baumhöhe beträgt in den oberen Bereichen nur noch 5 – 10 m Höhe. Der Besatz an Epiphyten (insbes. Moose und Flechten) nimmt weiter zu.

      Abb. 4: Profil des Oberen Nebelwaldes (aus Fischer/Hinkel 1992, S. 52)

    5. Flachmoore mit Charakterarten
    6. In allen drei Stufen des Nebelwaldes können Flachmoore mit angrenzenden Sumpfwäldern auftreten. Charakterart ist hier sicherlich die auffällige Wollkerzenpflanze Lobelia mildbraedii (Riesenlobelie, Mildbraed Lobelie), die eine Höhe von 4 m erreichen kann (1-2 m hoher Blütenstand). Bei dem Kamiranzovu-Sumpf (Untere Nebelwaldstufe) beispielsweise handelt es sich um einen ehemaligen Krater, dessen See mit der Zeit verlandete. Den Großteil der Sumpfoberfläche deckt ein dichter Rasen aus Zyperngräsern, der sogar Elefanten tragen kann (!). Viele dieser Naturräume sind durch den Menschen trockengelegt und in Kulturland umgewandelt worden.

      In den Flachmooren der Mittleren - und Oberen Nebelwaldstufe tritt eine sogenannte afromontane Flora auf: es zeigen sich Arten und Gattungen, die auch in Mitteleuropa zu finden sind (z.B. Königsfarn, Frauenmantel, Weideröschen, Enziane und Distel. Die Flachmoore gehören nicht nur wegen ihrer Bedeutung für den Wasserhaushalt zu den besonders schützenswerten Biotopen.

      Abb. 5: Profil eines Flachmoors mit Charakterarten

    7. Nutzung der Wälder durch die Bevölkerung / Gefährdung

Die natürlichen Ressourcen von Primärwäldern werden von der Bevölkerung traditionell in vielfältiger Weise genutzt. Die Twa betrieben von jeher die sanfteste Nutzung ihrer Wälder, da sich ihre Kulturstufe bis vor kurzem noch auf dem Niveau der Jäger und Sammler befand. Traditionell betreiben sie keinen Holzeinschlag. Doch aufgrund der stark dezimierten Bestände stellt auch Jagen und Sammeln im Primärwald eine potentielle Bedrohung verschiedener Arten dar. Weniger gefährdend erscheint das Sammeln von Früchten (z.B. Myrianthus holstii) oder verschiedene Brombeeren sowie das Honigsammeln ohne Brand. Die später zugewanderten Volksgruppen der Hutu und Tutsi haben die gleiche Nutzung der Wälder erlernt. Jedoch kommt bei ihnen der Holzeinschlag zur Gewinnung von Stammholz zur Bau- und Werkstoffgewinnung hinzu. Außerdem roden sie Flächen zur Anlage von Äckern. Traditionell fertigen sie bestimmte Haushaltsgegenstände aus bestimmten Hölzern, so z.B. die Bananenbiertröge aus Newtonia buchanani, mit deren Holz man inzwischen Höchstpreise erzielen kann. Diese Nutzung sowie das neuerliche Hinzukommen des gezielten Einschlags von Edelholzarten zur Vermarktung hat in der Vergangenheit zu einer erheblichen Dezimierung der Waldbestände geführt. Die Behörden sind nicht in der Lage illegalen Einschlag zu unterbinden.

Zu erwähnen bleibt noch das Besammeln von Primärbeständen zur Herstellung traditioneller Medikamente (Heilpflanzen) und zur Zauberei. So werden z.B. die Späne von Ficus gnaphalocarpa im Haus zum Schutz gegen Dämonen verstreut.

Nach einem Einschlag werden die entstandenen Lichtungen sofort als Waldweiden genutzt, was eine natürliche Sukzession mit schnellwüchsigen Baumarten verhindert.

Die größte Gefährdung der Nebelwälder geht also von der ständig wachsenden Bevölkerung aus. Der Holzbedarf pro Einwohner und Jahr kann bereits nicht mehr gedeckt werden und bedürfte in Ruanda einer Aufforstung von ca. 300 000 ha Wald. Neben den jährlichen Verlusten im Randbereich der Wälder erfolgen inzwischen auch Holzeinschläge, Rodungen und Waldweide sowie Straßenbau im Waldinnern. Weitere Gefahr geht von der ständigen Neuanlage von Teeplantagen aus. Erfreulicherweise ist der Nyungwe-Wald inzwischen unter Schutz gestellt worden.

Die ökologischen Folgen werden zur Zeit in einem gemeinsamen Projekt des Institut de Recherche Scientifique et Technologique und der Universität Mainz erforscht. Man befürchtet jedoch Klimaveränderungen (Verschiebung der Regenzeiten, Rückgang der Niederschlagsmengen), Erosion und Gefährdung der Trinkwasserversorgung. Leider ist über die Ökologie der Nebelwälder nur wenig bekannt – wie so oft, wenn der Mensch kurz vor der Auslöschung solcher Naturräume steht.

  1. Exkurs Epiphyten
  2. Epiphyten sind Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen, ohne diese zu parasitieren. Ihre Wurzeln reichen in der Regel nicht zum Boden, sondern breiten sich in dem Substrat aus, das sich auf den besiedelten Untergründen – Stämmen, Ästen, usw. – ablagert. Daher beziehen sie auch ihr Wasser und ihre Mineralstoffe. Häufiger Nebel begünstigt ihr Vorkommen, da die Feuchtigkeit an der Pflanzenoberfläche kondensiert und die Transpiration verringert. Weltweit existieren etwa 25 000 Pflanzen-Arten, die epiphytisch leben. Mit etwa 15 000 stammen die meisten aus der Familie der Orchideen. In unseren Breitengraden gibt es nur wenige Epiphyten, die alle zu den Flechten und Moosen gehören.

    Im Laufe der Evolution haben diese Pflanzen die verschiedensten Anpassungen an ihren Mangelstandort hervorgebracht. Bei manchen sind Teile der Sprossachse oder Blätter zu einem Wasserspeichergewebe umgewandelt. Manche haben auch Einrichtungen zur schnellen Wasseraufnahme entwickelt: so z.B. die Bromelien, die mit ihren Blatttrichter Wasser sammeln oder die Orchideen mit ihren "Luftwurzeln". Aufgrund ihrer großen Widerstandsfähigkeit gegenüber Mangelbedingungen zählen viele Zimmerpflanzen zu dieser Gruppe (seltenes Gießen und düngen, trockene Heizungsluft sind hier häufige Umstände): der Weihnachtskaktus, viele Orchideen und die häufigste "Büropflanze" überhaupt: Ficus benjamini, ein Semiepiphyt, der seinen Lebenszyklus als Sämling auf einem Baum beginnt, später Wurzeln bis auf den Boden austreibt und seinen Trägerbaum völlig überwächst und ihn letztlich absterben lässt.

  3. Anhang:
  1. Literatur
  1. Fischer, E., Hinkel, H.: Natur Ruandas. Einführung in die Flora und Fauna Ruandas. Materialien zur Partnerschaft Rheinland-Pfalz/Ruanda 1992/1. Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz in Zusammenarbeit mit der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Hrsg.).
  2. Fischer, E.: Vegetation von Ruanda: Zur Biodiversität und Ökologie eines zentralafrikanischen Landes. (Hrsg. Von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, in Verbindung mit der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung des Landes Rheinland-Pfalz. Stuttgart, Steiner, 1997.
  3. Löber, U., Rickal, E. (Hrsg.): Ruanda. Begleitpublikation zur gleichnamigen Wanderausstellung des Landesmuseums Koblenz. Landesmuseum Koblenz und Pfälzische Verlagsanstalt GmbH, Landau/Pfalz 1991.
  4. Nieder, J.: Locken, Täuschen, Überraschen – tropische Epiphyten und ihre Bestäuber. In: Unterricht Biologie, Heft 290, Dez. 2003.