Ruanda – Landschaftsformen und natürliche Vegetation
Es ist November – wir denken an unsere Reise nach Ruanda im Februar, eventuell auch schon an die nächste Sommerreise, die uns vielleicht wieder an einen All-inclusive-Strand führen wird. Unter Umständen denken wir auch ans Abitur, das wir ablegen oder korrigieren müssen. Wir denken also in Zeiträumen von ein paar Monaten, höchstens von wenigen Jahren. Und dabei ist es schon schwer vorstellbar für uns, was in zwei Jahren sein wird, oder schwer erinnerbar, was vor zwei Jahren gewesen ist.
Vorgänge im Erdmantel, Vorgänge auf der Erdoberfläche sind umso schwerer vorstellbar, da sie Zeiträume von tausenden, ja von Millionen von Jahren umfassen.
Die Landschaftsformen Ruandas, wie wir sie heute sehen, begannen sich im Tertiär vor etwa 67 Millionen Jahren zu entwickeln. Davor war es im Mesozoikum (Erdmittelalter) in dem Gebiet relativ ruhig. Im Tertiär bildeten sich rasch der Zentralafrikanische und der Ostafrikanische Graben aus und es brachen die Vulkane aus, die im Norden Ruandas liegen.
Die östliche Randschwelle des Zentralafrikanischen Grabens bildet eine Großlandschaft Ruandas. Der Graben sank zum Kivusee recht steil ab um ca. 2000 m von ca. 3000 m auf 1450 m Seehöhe. Der See erreicht eine Tiefe von 500 m. Die Luftlinie von den höchsten Erhebungen der Grabenrandschwelle bis zum Seeufer beträgt ca. 50 km.
Die Grabensenke ist an der westlichen Staatsgrenze zur D.R. Kongo die zweite Großlandschaft.
Das Gebiet der Virunga-Vulkane liegt im Nordwesten an der Grenze Ruandas zu Uganda und zur D.R. Kongo.
Die geologischen Vorgänge in diesen drei Landschaften waren gewaltig.
Ruhiger verliefen die Vorgänge im Zentralen Hochland, das sich nach Osten an die Grabenrandschwelle anschließt. Es ist das so genannte Land der tausend Hügel, liegt durchschnittlich auf etwa 1600 m Höhe und reicht vom Fluss Nyaborongo im Westen des Landes, der dort von Süd nach Nord fließt, bis zum Abfall zum Lac Muhazi und Lac Mugesera.
Nach Osten schließt sich eine Plateauzone auf etwa 1300 bis 1400 m Höhe mit geringerer Reliefenergie an.
600 km weiter östlich liegt die Störungszone des Ostafrikanischen Grabens. Der Kilimandscharo, der Mount Kenia und der Ngorongoro Krater sind bekannt und verweisen auf sehr starke tektonische Tätigkeiten bis in die Erdneuzeit.
Genannt sei noch der Victoriasee, er liegt zwischen den zwei Gräben. Sein Wasser kommt zum Großteil aus dem Nyaborongo, der durch den Akagera-Park im Osten Ruandas fließt und an der Grenze zwischen Tansania und Uganda als Akagera-Nil in den Victorisee mündet.
Zwei Landschaftsquerschnitte und eine Übersichtsskizze aus dem Band "Ruanda" von Otmar Werle und Karl-Heinz Weichert (Koblenz 1987) dienen der besseren Vorstellung. (A.a.O. S. 9, 10, 17).



Ruanda ist einige Jahre nach dem Genozid wieder überbevölkert. Wenn man davon ausgeht, dass in Ruanda ein Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche eine Familie von etwa acht Menschen in der Subsistenzwirtschaft ernähren kann, täglich aber acht Millionen ernährt werden müssen, werden zwei Sachverhalte augenscheinlich:
Der weitaus größte Teil der heute sichtbaren Landesoberfläche ist landwirtschaftliche Nutzfläche.
Dennoch reicht die Fläche nicht aus, so dass die Erwerbstätigen Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft suchen müssen, um sich ihre Nahrungsmittel kaufen zu können.
Wenn wir durch Ruanda fahren, werden wir also wahrscheinlich von der ehemals vorhandenen natürlichen Vegetation nicht mehr sehr viel sehen.
Im Folgenden werde ich einige Informationen zur natürlichen Vegetation geben, damit wir die vorhandenen Reste wenigstens erkennen und einordnen können. Ich folge dabei dem wahrscheinlichen Verlauf unserer Reise.
1. Das Plateau im Osten hat Niederschlagswerte um und unter 900 mm im Jahr. Somit bildeten sich tropische Trockensavannen und Feuchtsavannen aus. Wir werden die typischen Gräser, Gebüsche, Baumgruppen, Schirmakazien, Euphorbien, Sukkulenten, Dornbüsche sehen.
Diese Savannen werden durchzogen von Sumpf- und Feuchtgebieten entlang der Flüsse und Seen.
Im Tertiär verhinderte massive vulkanische Aktivität den Abfluss der Flussläufe nach Norden. Am Nyaborongo lässt sich das heute sehr gut sehen, der auf seinem Weg nach Norden plötzlich abknickt und in die Plateauzone fließt. Die Mulden und tiefgelegenen Gebiete dieser Zone (Bugesera-Gebiet) wurden überflutet, Nebenflüsse stauten sich auf. Entlang der ruhig dahinfließenden oder stehenden Gewässer wächst u.a. Papyrus. Außerdem gibt es an den Fluss- und Seeufern Galeriewälder. Diese Gebiete sind Räume, in denen Malaria und Schlafkrankheit verbreitet sind.
Die menschlichen Eingriffe sind unübersehbar:
Durch Trockenlegungen schaffte und schafft man neue landwirtschaftliche Nutzflächen und vernichtet im Nebeneffekt Insekten, die Krankheiten übertragen. Trockenere Gebiete werden als Weiden oder als Siedlungsfläche genutzt.
Baumbestände werden gerodet, da man Brennholz braucht.
Die Jagd dezimierte Wildbestände.
Touristen entfachen aus Leichtsinn Brände.
Parkwächter und Jäger entfachen mit Absicht Brände, um Tierbestände anzulocken, denen die neu nachwachsende Vegetation nach den Bränden als guter Ernährungsraum dient.
2. Das zentrale Hochland Ruandas hob sich im Teritär nach oben, die Flüsse gruben sich rasch ein; es entstanden Rücken, Riedel, Hügel, die teilweise schon an Gebirgsformationen denken lassen. Dieser Raum ist am dichtesten besiedelt, wobei wegen der Feucht- und Sumpfräume in den Tälern die landwirtschaftlichen Höfe, die Rugos, und die Wege zwischen den Höfen an den Hängen und auf den Gipfeln entstanden.
Die natürliche Vegetation (Strauch-, Baumsavanne, Trockenwald und tropischer Berg- und Nebelwald) ist völlig der landwirtschaftlichen Nutzfläche gewichen. Bodenerosion ist ein Hauptproblem.
In den teilweise sehr breiten Tälern lassen sich durch Trockenlegung der Feuchtgebiete noch wenige Ackerflächen schaffen.
Durch den Eucalyptus ersetzt man andere Baumarten, da er schnell wächst. Aber er laugt die ohnehin nicht fruchtbaren tropischen Böden vollends aus.
3. Die Randschwelle des Zentralafrikanischen Grabens ist die Wasserscheide zwischen Nil und Kongo und erreicht eine Höhe von fast 3000 Metern. Wir finden in ihr die zwei größten Flecken der ursprünglichen Bergregen- und Bergnebelwälder. Im Norden ist es das Gebiet des Waldes von Gishwati, im Süden der Wald von Nyungwe.
Aber auch hier sind die menschlichen Eingriffe immens und offensichtlich nicht zu stoppen. Manche Baumarten sind durch gezielte Abholzung verschwunden: Die Ränder der Wälder werden gerodet zur Schaffung von Teeplantagen; den Brennholzbedarf deckt man durch Rodung an den Waldrändern; Bauern schaffen sich neue landwirtschaftliche Nutzflächen.
4. Im Gebiet der Virunga-Vulkane (Karisimbi mit 4507 m, Bisoke mit 3711 m, Sabynyo mit 3674 m, Gahinga mit 3474 m, Muhabura mit 4127 m) findet man noch die ursprüngliche Vegetation, die im Nationalpark relativ geschützt ist. Beim Aufstieg lassen sich die Höhenstufen der tropischen Vegetation erkennen:
- der Bambuswald (2200 bis 2800 m),
- Hagenia-Hypericum-Waldstufe (bis 3500 m) mit anschließender Baumheide (bis 3700 m),
- afro-alpine Vegetation (Senecie, Baumlobelie; bis 4000 m) und
- Flechten, Moose, Immortellen (über 4000 m).
5. Im Raum der Grabensenke findet man unterschiedliche Vegetationsformen: Bergwälder, Gebüschformationen, Papyrus- und Schilfdickichte in Wassernähe. Aber auch hier fallen die menschlichen Eingriffe wie in anderen Zonen auf.
Micha B. Rudolph