Am 21.02.2004 bin ich mit 8 Mitschülern und sieben Lehrer des Stefan-George-Gymnasiums in Bingen unter der Leitung von Herrn Dr. Peter Becker (Fridtjof-Nansen-Akademie, Ingelheim), zu einer Studienreise nach Ruanda aufgebrochen, um dort die Partnerschule des Stefan-George-Gymnasiums zu besuchen. Diese zehn Tage waren wohl die strapaziösesten aber auch beeindruckendsten meines bisherigen Lebens.
Die Schulpartnerschaft zu der École Feminine d’Agronomie in Nyagahanga besteht seit 1987 war jedoch zu den Zeiten des Genozids 1994 fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Im letzten Jahr wurde erfolgreich versucht mit der Schule wieder in Kontakt zu treten. Es wurde im Rahmen der Aktion Tagwerk von den Schülern des SGGs ein Geldbetrag erarbeitet der, der Schule in Ruanda zur Verfügung gestellt werden sollte. Ziel der jetzigen Reise war es sich von den politischen, geographischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Landes und den persönlichen Lebensumständen der Schüler in Nyagahanga ein eigenes Bild zu machen, um somit einen sinnvollen Verwendungszweck für die Geldspende vorschlagen zu können. Auch wollten wir gemeinsam Ideen entwickeln wie eine Schulpartnerschaft zu einem Entwicklungshilfeland mit Leben gefüllt werden könnte damit beide Seiten davon profitieren können.
Nach zwölfstündigem Nachtflug von Frankfurt über Addis Abeba landeten wir in Kigali. Eine Stadt die nicht sofort offenbart, in einem der ärmsten Länder der Welt angekommen zu sein. Breite Straßen, neugebaute Häuser, Kirchen, und vor allem sehr bunte Plakate erinnerten eher an eine Kleinstadt der 60 iger Jahre. Dort trafen wir dann auf unseren Busfahrer Muhamed und es begann eine für europäische Verhältnisse abenteuerliche Busreise durch das Land der 1000 Hügel hin zu der Partnerschule im Nordosten des Landes.
Schon die Fahrt dorthin veranschaulichte mir einige der Probleme des Landes von denen wir in den Vorbereitungsseminaren theoretisch erfahren hatten. Ruandas vorrangiges Problem ist die Überbevölkerung und in der Tat waren unter jedem Bananenbaum, der unseren Weg säumte, soviel winkende Kinder zu sehen, wie bei uns in einem gutbesuchten Kindergarten.
Die Straßen, die wir wohl eher als Feldwege bezeichnen würden, waren in einem schlechten teilweise unbefahrbaren Zustand. Vor allem dann wenn gewaltige Regenschauer das Erdreich unterspülten. Ein Umstand der auch die Landwirtschaft oft vor das Problem stellt, dass mühevoll Arbeit noch vor der Ernte durch Bodenerosion zerstört wird. Spontan musste ich mich an Erdkundestunden und dem Prinzip des Terrassenanbaus erinnern, der mich ehrlich gesagt bis zu diesem Zeitpunkt nicht so sehr interessiert hat, plötzlich aber bildhaft als einzig vernünftige Lösung des Problems dann vor meinen Augen auftauchte, wenn wir abgerutschte Berghänge beim Vorüberfahren entdeckten.
Um so weiter wir uns von der Stadt entfernten umso mehr mutete mir die Reise auch wie eine Reise in die Vergangenheit an. Kleine Dörfer, Frauen bei der Feldarbeit, spielende Kinder, Männer die Ziegen schlachteten, ärmlich, kärglich, mühsam - für unsere Verhältnisse – aber sehr oft hätte ich bei dieser Reise meine über 90 jährige Urgroßmutter fragen wollen ob dies ähnliche Bilder sind die sie mit ihrer Kindheit verbindet wenn sie uns davon erzählt.
Immer wenn wir von den Bewohnern der Dörfer in unserem Bus entdeckt wurden , wurden wir freudig und freundlich begrüßt. Klar der Besuch von "Umosongos" (den Weißen) ist natürlich nicht alltäglich, genauso wenig wie für uns eine Reise nach Afrika. Aber es tat gut in lachende Gesichter zurück winken zu können, war doch eine Frage vor der Abreise die sich wohl jeder von uns gestellt hatte, wie wir dort wohl empfangen werden.
Diese Sorge , dass man uns nicht freundlich begegnen würde war also grundlos. Auch in der Schule war der Empfang so überaus herzlich, dass man davon schon gerührt war. Nach einem reichlichem und sehr gastfreundlichem Abendessen wurden wir offiziell mit einer beeindruckenden Begrüßungszeremonie Willkommen geheißen und durch ein Spalier uns zujubelnder Schüler zu der Aula geleitet, in der man für uns Tänze und Theaterstücke vorführte. Am Ende der üblichen gegenseitigen Ansprachen haben wir dann versucht uns für die freundliche Aufnahme mit der Darbietung von deutschen Volksliedern zu revanchieren.
Die Nacht verbrachten wir in uns von der Schule zur Verfügung gestellten Betten. So bekamen wir dann auch einen Einblick in die sehr kargen, für uns kaum vorstellbaren, Lebensbedingungen der Schule. Nicht alle der ca: 500 Schüler haben Betten, manche müssen in Matratzen auf dem Boden schlafen. Die Küche besteht aus zwei verrosteten Kesseln und jeweils 60-70 Schülerinnen stehen gerade mal neun Duschen zur Verfügung. Alle Installationen sind marode und reparaturbedürftig. Der Stromgenerator wird nur selten in Betrieb genommen und funktioniert nicht einwandfrei. Dabei ist diese Schule im Vergleich zu anderen Schule in Ruanda noch gut ausgestattet. Es gibt immerhin ausreichend Schlafgelegenheiten, Tafeln, eine Bibliothek, ein Krankenzimmer, sanitäre Anlagen wie Stehtoiletten und Duschen und die Möglichkeit Filme vorzuführen. Dennoch schlief ich an diesem Abend mit dem Gedanken ein, dass unsere Spende eher den berühmten Tropfen auf den heißen Stein darstellen würden.
Am nächsten Tag hatten wir dann Gelegenheit die Schule zu besichtigen, und mit den Schülern zu reden,uns ihren Alltag erklären zu lassen. Seit dem Genozid nimmt die Schule auch Jungen auf. Schwerpunkt der Ausbildung ist Agrar- und Naturwissenschaft wozu zu letzterem - nach Angaben des Direktors Herrn MULISA Aloys - die Lehrmittel fehlen würden. Die Schule versorgt sich fast selbst und zwar durch einen zur Schule gehörenden Bauernhof. Viele der Schüler sind Waisen und müssen in den Ferien arbeiten um das Schulgeld bezahlen zu können. Neben den uns bekannten Schulfächern wird auch Disziplin unterrichtet und das Klima an der Schule ist weitaus hierarchischer geprägt als wir es von unserem Schulalltag kennen. Unwillkürlich zog ich Parallelen zu meinem Alltag, der eben der eines typischen deutschen Jugendlichen ist, ausgefüllt mit Hobbys , Freizeit, Kinobesuchen, Tanzstunden und nicht wirklich der Notwendigkeit sich über ausreichend Ernährung, Schulgeld oder ein Bett Gedanken machen zu müssen. Unterschiedlicher dürften Lebenswege wohl kaum sein, dachte ich. Ein gemeinsames Basketballspiel wischte aber diese Gedanken wieder weg und man spürte, dass bei aller Unterschiedlichkeit auch viele Gemeinsamkeiten zu verzeichnen sind, man über die gleichen Dinge lachen oder sich ärgern kann und später dann zeigte sich, dass die Wünsche die man als Schüler so äußert, auch gar nicht so sehr divergieren.
Da das Land Rheinland-Pfalz seit Jahren sehr engagiert Hilfe zu leisten versucht, knüpfte man natürlich auch an unseren Besuch hohe Erwartungen und es wurde uns sozusagen ein "Wunschzettel" mit den dringlichsten Dingen, die die Schule benötige, ausgehändigt .Die Liste war so lang und manche Wünsche so utopisch, dass wir in gemeinsamer Runde sehr lange darüber diskutiert haben inwiefern wir tatsächlich helfen können und auch sollen. So wünschte sich der Schulleiter Bunsenbrenner und Mikroskope für seine Schüler und manche Schüler äußerten den Wunsch nach Musikinstrumenten wie z.B. E-Gitarren .Wünsche die uns schon deswegen nicht sinnvoll erschienen, weil an der Schule die Strom und Gasversorgung nicht wirklich gewährleistet ist und auch ein Computer bei den örtlichen Bedingungen eher ein Statussymbol als ein tatsächlich verwendbares Lehrmittel darstellen dürfte. Zunächst waren wir eher ratlos, zeigten uns doch die Wünsche, dass wir die notwendigen Bedürfnisse so ganz anders eingeschätzt hätten, aber auch, dass die afrikanischen Schüler sehr wenig von unserem Schullalltag wissen.
Ihre Wünsche waren nicht unverschämt und dreist sondern einfach von dem Gedanken geprägt, dass in unserer Schule solche Lehrmittel im Überfluss vorhanden wären, dabei könnten wir uns den Wünschen nach modernen Lehrmitteln, besserer Computerausstattung und spielbarer Leihinstrumente an unserer Schule durchaus mit anschließen. Wissen aber auch, dass der Ruf danach angesichts der leeren Kassen ins Nichts verhallen wird. Aber durch diese Gedanken wurde schon eine erste Idee greifbarer wie zukünftig die Schulpartnerschaft u.A gestaltet werden könnte. Wir haben ganz viele Adressen mitgebracht und diese jetzt auch an unserer Schule verteilt um so ein breites Netz von Brieffreundschaften etablieren zu können. Es soll ein Dialog entstehen, indem wir uns dauerhaft besser kennen lernen und unsere Lebenssituationen aber auch unsere Wünsche besser einschätzen lernen können.
Darüber hinaus soll der Schule natürlich auch konkret geholfen werden, aber, und das war uns besonders wichtig, jede Hilfe soll nicht gönnerhaft Gaben verteilen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen. So überlegen wir, dass die maroden sanitären Anlagen und elektrischen Installationen saniert werden, aber nicht durch eine deutsche Firma sondern durch die Einstellung eines ruandischen Hausmeisters, der damit Lohn verdient und andere anlernen kann leichtere Reparaturarbeiten selbst zu erledigen. Anstatt eines Computers, der auf Grund der nicht ausreichenden Stromversorgung wahrscheinlich oft ungenutzt und nur wenigen zugänglich wäre, haben wir uns dazu entschieden z.B. einem Erdkundelehrer der Schule ein Fachzeitschriftenabonnement zu ermöglichen. Auch so ist es ihm möglich sich auf dem neusten Stand zu halten und viele Schüler können davon ebenfalls profitieren.
Als wir uns am Abend von den Schülern verabschiedeten um noch weitere Teile des Landes zu bereisen waren wir alle sehr froh, dass wir diese ungewöhnliche Reise gewagt und einen Grundstein zum Kennen lernen gelegt hatten. Von mancher Seite wurde unsere Reise im Vorfeld kritisiert. Es wurde uns entgegengehalten, dass es sinnvoller gewesen wäre die Reisekosten zu spenden um so mit noch mehr Geld Hilfe leisten zu können . Denen möchte ich entgegenhalten das Geld geben alleine keine wirkliche Hilfe darstellt. Wichtiger als möglichst viel Geld zu geben ist die Auseinandersetzung mit den Problemen vor Ort, die Diskussion darüber was machbar, sinnvoll und dauerhaft hilfreich ist.
Geld allein macht nicht glücklich sagt man bei uns und dies ist mir bei der Reise oft sehr deutlich geworden, wichtiger als als Gastgeschenk einen Lederfußball mitzubringen, der nach drei Monaten kaputt ist und ihre eigenen Fußbälle plötzlich als so wenig wertvoll erscheinen lässt, ist es mit den Kindern und Jugendlichen dort Fußball zu spielen und ihnen den Erfolg zu gönnen uns schlagen zu können. Besser als einem Kind einen Bonbon zu schenken, der nur einen einmaligen süßen Moment in seinem Leben darstellt, er dafür von anderen bestenfalls nur beneidet wird, ist es mit ihm die Bananen des Landes zu teilen und ihm zu versichern, dass wir keine solchen süßen Bananen kennen. Wichtiger als "nur" Geld spenden ist das teilen von Erfahrungen und Erlebnissen. Wichtig ist es den jungen Menschen dort zu vermitteln, dass sie selbst ihre Probleme lösen können und müssen, dass wir sie auf diesem Weg mit Rat, Know-How und Anteilnahme begleiten möchten , auch aber nicht nur mit Geld, dass es aber ihr Weg sein muss, den sie suchen und finden müssen und, dass wir ebenfalls Probleme haben, die wir gerne mit ihnen teilen, ihnen mitteilen möchten. In diesem Sinne hoffen wir auch in Zukunft die Partnerschaft mit der Schule in Nyhanaganga leben zu können.
Ob uns dies gelingt und ob die eine oder andere Aktion die wir zukünftig planen werden den Schüler dort in irgendeiner Form hilfreich sein wird, muss die Zukunft zeigen für mich war diese Reise sehr bereichernd und ich habe viel dabei gelernt und auch das ist ja ein Ziel einer Studienreise. Ich nehme Dankbarkeit mit nach Hause. Dankbarkeit und Zufriedenheit darüber, dass wir zufällig in eine wohlhabende und zivilisierte Welt hineingeboren worden sind und , dass es uns bisher erspart geblieben ist einen Krieg im eigenen Land erleben zu müssen. Ich habe Geduld gelernt, wer von uns hätte nicht schon mal genörgelt, weil er eine halbe Stunde auf ein Essen warten musste? Wenn man 30 ruandische Minuten, die durchaus zwei Stunden sein können, auf sein Essen gewartet hat, weil die Küche wie sooft Stromausfall hatte, ist man froh am Ende eines langen Tages überhaupt etwas zu essen zu bekommen. Ich habe die Einsicht gewonnen, dass Motivation etwas selbst erreichen zu wollen viel wichtiger ist als darauf zu warten, dass man es geschenkt bekommt. Es wurde mir deutlich, dass Lernen soviel leichter und nachhaltiger ist wenn der vermittelte Stoff an"schau"lich und somit be"greif"barer ist. Ich nehme mit nach Hause wie wichtig Fremdsprachen sind um sich auch im entlegensten Winkel der Erde zurecht zu finden, das Schulstoff tatsächlich etwas mit dem realen Leben zu tun hat und nicht nur in Büchern steht und man ihn auch nutzbringend anwenden kann und ich haben etwas über mich gelernt. Wir haben erfahren, dass wir weitaus belastbarer sind als man uns vielleicht zugetraut hätte und wir durften gemeinsam eine sehr beeindruckende Reise erleben mit einer mehr als harmonischen Reisegruppe.
Für manche mögen die Ergebnisse nicht weitreichend genug sein, aber ein Weg entsteht dadurch, dass man ihn geht und wir stehen erst am Anfang des Weges der Schulpartnerschaft. Wir möchten in der Zukunft viele andere Schüler, die diese Reise nicht mitmachen konnten daran teilhaben lassen, durch gemeinsame Arbeitsgruppen, Aktionen und Vorträge oder Ausstellungen. Der Besuch der Schule war schließlich nur ein Programmpunkt der Reise es gäbe noch soviel mehr zu berichten, von Handwerkerkooperativen, Straßenkinderprojekten von Vulkanbesteigungen und einem Bad im Kivusee. Wir haben eine ganze Kette mit bunten Erinnerungssteinchen mit nach Hause gebracht aber vor allem die Erkenntnis: Die beste Investition in die Zukunft eines Landes ist die Bildung und das gilt sowohl für Afrika wie für Deutschland.
Pola Hirschmann