Standortgerechter Landbau
1. Voraussetzungen für die ruandische Landwirtschaft
Grundlage der ruandischen Wirtschaft ist die Landwirtschaft. Etwa 90 % der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, die für den überwiegenden Teil der Menschen (ca. 85 %) eine reine Subsistenzwirtschaft ist.
Die klimatischen Voraussetzung sind günstig: Die milden Temperaturen (Jahresdurchschnittstemperaturen von 18-21°C) und die geringen Temperaturschwankungen im Laufe des Jahres ermöglichen bis zu zwei Ernten im Jahr. Die Nähe zum Äquator bedingt zwei Regenzeiten (März bis Juni, Oktober bis November) mit etwa 150-300 mm Niederschlag im Monatsdurchschnitt, die von einer großen und einer kleinen Trockenzeit mit durchschnittlich 20-50 mm Niederschlag im Monat unterbrochen werden.
Abb. 1: Anbaugebiete wichtiger Exportkulturen

Quelle: PZ-Information 6 /97, S. 20.
Die Niederschlagsmengen sind vom Relief des Landes abhängig. So liegen die Anbaugebiete wichtiger Exportkulturen in den Gebieten, in denen der meiste Niederschlag fällt (vgl. Abb. 1). In dem Gebiet östlich der 1000 mm Isohyete wird hauptsächlich Viehwirtschaft betrieben. Das bedeutet, dass etwa die Hälfte des Landes landwirtschaftlich genutzt wird.
Erschwerend für die Landwirtschaft ist das Relief des Landes ("Land der tausend Hügel").
Geht man von diesen Voraussetzungen aus, so könnten etwa 4,5 Millionen Menschen in Ruanda (über-)leben. Im Jahr 2001 hatte Ruanda aber bereits 8,7 Millionen Einwohner. Ruanda gehört damit zu den am dichtesten besiedelten Ländern Afrikas. In einigen Regionen beträgt die Bevölkerungsdichte bereits bis zu 1000 Einwohner pro Quadratkilometer (Landesdurchschnitt: 330 EW je km², zum Vergleich: Deutschland hat 231 EW je km²). Bereits heute ist die durchschnittliche Nutzfläche für eine Familie auf unter 1 ha pro Betrieb gesunken. Die Grenze der landwirtschaftlichen Tragfähigkeit ist damit längst erreicht.
Der wachsende Bevölkerungsdruck führt zu großen Beeinträchtigungen des ökologischen Gleichgewichtes, denn die notwendige Ertragssicherung erfolgt durch eine noch intensivere Nutzung der Flächen. Dies führt langfristig zu einer Ertragsminderung, da sich die ausgelaugten Böden durch einen Wegfall der Brache nicht ausreichend regenerieren können. Die starken Hangneigungen, der Wegfall der Brache, Überweidung und die Abholzung an Bergkuppen und –hängen, bedingen ein weiteres ökologisches Problem: die Bodenerosion. Der Anbau einjähriger Kulturen verstärkt dieses Problem, da zur Zeit der Aussaat und nach der Ernte der Boden ohne schützende Pflanzendecke den starken Niederschlägen während der Regenzeiten ausgesetzt ist.
2. Merkmale des standortgerechten Landbaus
Ein Ansatz zur Lösung der Landwirtschaftsprobleme ist der standortgerechte Landbau, der seit 1969 in Nyabisindu (Präfektur Butare) von der GTZ in Verbindung mit einheimischen Mitarbeitern implementiert wurde.
Abb. 2: Ideal gegliederter Kleinbetrieb mit typischen Anbauelementen

Quelle: WEICHERT; WERNE 1987
Wie es in einer Terrasse des ökologischen des ökologischen Landbaus aussehen kann, zeigt Abbildung 2. Mischkulturen, d.h. verschiedene Pflanzen werden auf dem gleichen Feld kombiniert (hier: Bananenhain mit Unterkulturen). Diese Pflanzen ergänzen sich gegenseitig in der Nährstoffaufnahme, sie konkurrieren also nicht um die gleichen Nährstoffe. Auch werden beim Anbau Nutzpflanzen unterschiedlicher Wuchsform und Höhe im gleichen Feld kombiniert (z.B.: Bäume, Bananen, Getreide, Bohnen). Vorteile des gleichzeitigen Anbaus von Bäumen sind Erosionskontrolle, Verbesserung des Mikroklimas und die Gewinnung von Brennholz. In Ruanda ist diese Integration von Bäumen in die Landwirtschaft die einzige Möglichkeit, den Brennholzbedarf ohne Schädigung der Umwelt zu decken.
Die Bodenfruchtbarkeit wird durch organische Düngung mit Grünbrache, Mulch, Kompost und tierischen Dung erreicht. Dies verringert eventuelle Mineraldünger-Importe.
Abb. 3: Stoffkreislauf im System des standortgerechten Landbaus

Quelle: PZ-Information 6 /97, S. 22.
Die Viehhaltung (Stallhaltung oder auf beweidetem Ödland) wird in den Ackerbau integriert. Es entsteht ein Kreislauf (siehe Abb. 3), in dem Abfallprodukte der Feldwirtschaft zur Viehfütterung genutzt werden und gleichzeitig der Dung wieder als Nährstofflieferant in die Feldwirtschaft eingebracht wird. Verwendet werden lokale Rinder-, Ziegen- und Schafrassen, die an die Standortbedingungen bestens angepasst sind.
In Form von Hecken- und Miniwäldern werden "Öko-Nischen" eingerichtet, um möglichst viele Kleintiere heimisch zu halten. Dies hat positive Auswirkungen auf Schädlinge wie auf Nützlinge und bewirkt daher ein natürliches Gleichgewicht. Gleichzeitig dient es der Erosionsbekämpfung und der Erhaltung des Mikroklimas.
Der standortgerechte Landbau ist somit ideal angepasst an Höhenlage und Relief. Der Nährstoffkreislauf wird nicht unterbrochen und eine intensive Nutzung wird ermöglicht.
3. Ausblick
Eine landesweite Verbreitung des standortgerechten Landbaus scheiterte bislang, da viele Bauern aufgrund ihrer extrem begrenzten Anbaufläche keinerlei Risiko in Form von neuen Anbaumethoden eingehen. Daher wiegen kurzfristige Überlegungen zur Sicherung der Ernährung der Familie stärker als die langfristige Erhöhung der Erträge. Einzelne Elemente wie die hangparallelen Erosionsschutzlinien oder die Stallviehhaltung werden dagegen allmählich übernommen.
Literaturhinweise
ENGELHARDT, Klaus; HEIL, Karl; STRÖHLEIN, Gerhard (1986): Ruanda. Probleme der Gegenwart und Lösungsmöglichkeiten aus historisch-politischer Verantwortung. – In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Dritte Welt und Entwicklungspolitik. Bonn 1986. S. 250-295.
KLAER, Wendelin: Bevölkerungsentwicklung und Landwirtschaft in Ruanda. – In: LÖBER, Ulrich; RICKAL, Elisabeth (Hrsg.): Ruanda. Begleitpublikation zur gleichnamigen Wanderausstellung des Landesmuseums Koblenz. Landau 1991. S. 163-185.
Pädagogisches Zentrum (PZ) Rheinland-Pfalz; Ministerium des Inneren und für Sport (Hrsg.): Alltag in Ruanda. PZ-Information 6 / 97. Bad Kreuznach 1997.
WEICHERT, Karl-Heinz; WERNE, Ottmar: Ruanda. Ein landeskundliches Portrait. Koblenz 1987.
Sabine Mrugalla