Zwei Wochen in Ruanda
von Sebastian Knura und Katharina Majer (Februar 2011)

Im Rahmen der Landespartnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und
Ruanda brachen am 22.1.11 die Lehrer Karoline Daum, Dr. Volker Wilhelmi
und Micha B. Rudolph sowie 18 Schülerinnen und Schüler des Stefan-George-Gymnasiums
in Bingen bereits zum dritten Mal zu einer zweiwöchigen Rundreise
durch Ruanda auf. Begleitet wurden wir außerdem von dem Boehringer-Betriebsarzt
Dr. Michael Schneider sowie von Jaques Nshimyumukiza, der als Ruander
eine wichtige Mittlerrolle einnahm und uns half, sprachliche und
kulturelle Barrieren zu überwinden. So hatten wir die Möglichkeit,
einen tiefen Einblick in das Land und die Lebensweise seiner Menschen
zu bekommen.
Ruanda wird bei uns oft ausschließlich mit dem Genozid von 1994
assoziiert. Auch wenn wir auf unserer Reise viele andere Aspekte
dieses Landes kennenlernten, beschäftigten uns doch die ganze Fahrt
über die Eindrücke, die wir am ersten Tag beim Besuch von Genozid-Gedenkstätten
gesammelt hatten. Beim Kontakt mit den vielen fröhlichen und freundlichen
Menschen im Land war es für uns schwer vorstellbar, wie es überhaupt
zu diesen Massakern kommen konnte. Ebenso konnten wir eigentlich
nicht begreifen, wie die Menschen mit diesen traumatischen Erlebnissen
leben können. Zwar erlangten viele Täter durch öffentliche Entschuldigungen
bei den Betroffenen offiziell Vergebung, aber trotzdem müssen Opfer
und Täter unter Umständen Tür an Tür miteinander leben.
Eigentlicher Anlass unserer Reise war die Schulpartnerschaft mit
der École d´Agriculture in Nyagahanga, einer Sekundarschule im ländlichen
Raum nordöstlich der Hauptstadt Kigali. Die sechsstündige Fahrt
auf holprigen Pisten führte uns die Abgelegenheit vor Augen, die
der Schule manche Probleme bereitet und Unterstützung nötig macht.
Der Kontrast zwischen den Zuständen, die uns auf der Fahrt über
das Land begegneten und dem Leben in der boomenden Hauptstadt Kigali
ist nur einer von vielen Widersprüchen in Ruanda. Während die Menschen
auf dem Land hauptsächlich von der Landwirtschaft leben, wird in
Kigali vor allem der IT-Sektor ausgebaut. Kigali soll sich zur Drehscheibe
Ostafrikas entwickeln. Dabei setzt die Regierung auf die Unterstützung
Chinas, das in zahlreichen Bauprojekten in der Hauptstadt aktiv
ist und durch den Straßenbau die Infrastruktur verbessert. In diesem
Zusammenhang haben wir die Arbeiten am Kigali Convention Center
besichtigt, einem repräsentativen Kongress und Bürokomplex, der
ab 2013 für alle wichtigen nationalen und internationalen Zusammenkünfte
genutzt werden soll.
Von zentraler Bedeutung für den Fortschritt eines Landes ist auch
die Energieproduktion. Da die Energieversorgung im Moment noch sehr
unzureichend ist, versucht die Regierung in einem Pilotprojekt das
Methanvorkommen im Kivusee nutzbar zu machen. Des Weiteren besuchten
wir ein von den Stadtwerken Mainz finanziertes Solarkraftwerk, mit
einer Leistung von 250kW das größte in Ostafrika.
Neben diesen positiven Entwicklungen beschäftigten wir uns mit
zahlreichen Projekten für all diejenigen, die trotz den allgemeinen
Fortschritten im Land Unterstützung benötigen; Straßenkinder, Kranke,
Waisen und arme Familien auf dem Land. Besonders beeindruckt waren
wir dabei von zwei Projekten, die sich durch ihre unermüdliche humanitäre
Arbeit und Nachhaltigkeit auszeichnen. Zum einen das Straßenkinderprojekt
der Salesianer in Kigali, das jungen Menschen eine handwerkliche
Ausbildung ermöglicht und daneben rund 3000 Kindern und Jugendlichen
einen Ort bietet, an dem sie sich treffen, spielen und kreativ sein
können. Zum anderen faszinierte uns das Gesundheitszentrum in Gikonko
unter der Leitung der Ordensschwester und Chirurgin Uta Düll. Neben
der medizinischen Versorgung und Aufklärung über Hygiene und Krankheitsvermeidung
werden die Menschen hier ganz individuell in ihrem Alltag unterstützt.
Es bleibt nicht bei einer anonymen Behandlung, sondern die Mitarbeiter
des Zentrums, das ein Einzugsgebiet von ca. 20000 Menschen hat,
besuchen diese auch "auf den Hügeln" und unterstützen z.B. Familien,
die das von der Regierung beschlossene Gesetz, strohgedeckte Rundhütten
durch größere Häuser mit Wellblechdach zu ersetzen, aus finanziellen
Gründen nicht umsetzen können. Beide Projekte haben wir direkt vor
Ort durch Spenden unterstützt; gleichzeitig wurde uns aber klar,
dass Geld allein nicht viel nützt. Was diese Projekte so effektiv
macht und dafür sorgt, dass die Hilfe angenommen wird, sind die
Menschen, die dahinterstecken. Menschen, die praktisch ihr ganzes
Leben dieser Arbeit widmen und so die lokale Bevölkerung tatsächlich
verstehen lernen.
Allerdings mussten wir bei dem Besuch eines Projektes zur Förderung
des standortgerechten Landbaus erfahren, dass auch bei gutgemeinten
Bemühungen Hilfe nicht immer ankommt. Denn trotz eines rasanten
Bevölkerungswachstums scheitert eine Intensivierung der Anbaumethoden
u.a. an alten Traditionen.
Neben der Kultur Ruandas ist ebenso seine Natur eine genauere Betrachtung
wert. Dies erfuhren wir ganz besonders bei der Fahrt über den malerischen
Kivusee und bei den Wanderungen im Vulcanoes National Park im Nordwesten
des Landes, wo einige Schüler die letzten freilebenden Berggorillas
besuchten und andere den Kratervulkan Bisoke erklommen.
Hinter uns liegen also zwei aufregende Wochen, und es wird wohl
eine Zeit lang dauern, bis wir all die neuen und vielfältigen Eindrücke
verarbeitet haben werden. Manches wird uns noch lange beschäftigen
und hat uns dazu gebracht, die eigene Situation und Meinung kritisch
zu überdenken.