"Gedicht der Woche"

(zusammengestellt von Herrn Goldschmidt)

Schuljahr 2003-2004

Im Mittag glänzt die Sonne

Im Mittag glänzt die Sonne,
Es schweigt die See und ruht;
Blaugrün wie eines Pfauen Hals
Herschillert ihre Flut.

Ich lieg' auf warmer Düne,
Vom feuchten Hauch gekühlt,
Und kann nicht satt mich schauen,
Wie Farb' in Farbe spült;

Wie blendend ihre Schwingen
Die Möwe senkt und hebt
Und traumhaft fern am Horizont
Des Dampfschiffs Säule schwebt.

Emanuel Geibel (1815-1884)

aus: Spätherbstblätter. Ostseelieder (1877)
Biographielink: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/geibel.htm


 

Sommerfrische

Der Himmel ist wie eine blaue Qualle.
Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel -
Friedliche Welt, du große Mausefalle,
Entkäm ich endlich dir ... O hätt ich Flügel -

Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten.
Ein jeder übt behaglich seine Schnauze.
Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten,
Hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce.

Wär doch ein Wind ... zerriß mit Eisenklauen
Die sanfte Welt. Das würde mich ergetzen.
Wär doch ein Sturm ... der müßt den schönen blauen
Ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.

Alfred Lichtenstein (1889-1915)

der Autor: geb. am 23. August 1889 als ältestes von fünf Kindern des Textil- fabrikanten David Lichtenstein und seiner Frau Franziska in Berlin,
1899-1909 Besuch des Luisenstädtischen Gymnasiums in Berlin, das früheste erhaltene Gedicht von Lichtenstein entsteht am 27.4.1908,
1909 legt er die Reifeprüfung ab, sein Gedichtzyklus »Mulias« erscheint als Privatdruck,
April 1909 Beginn eines Jurastudiums an der Friedrich-Wilhelm- Universität in Berlin,
1910 erscheint sein erster Prosatext »Mieze Meier« in der von Walden heraus- gegebenen Zeitschrift »Der Sturm«,
1913 Veröffentlichung der Dissertation »Die rechtswidrige öffentliche Aufführung von Bühnenwerken« im Oktober
1913 tritt er als Einjährig-Freiwilliger in das 2. Bayerische Infanterie-Regiment Kronprinz ein, im Oktober veröffentlicht "Die Aktion" ein Lichtenstein-Heft mit einer Porträtzeichnung von Max Oppenheimer,
1914 promoviert er in Erlangen zum Dr. phil.,
August 1914: Abtransport an die Westfront, im September schickt er sein letztes Gedicht ab ("Die Schlacht bei Saarburg").
Er fällt am 25. September 1914 in der Nähe von Vermandovillers bei Reims.

Buchtipp: Dichtungen von Alfred Lichtenstein Arche verlag, 1989


Junifigur

du wirfst einen Kirschkern, noch übrig vom Tag,
gegen die Dünung, als ob du prüfen wolltest, wie schnell
man verschwinden kann vom Landgang - einer Antwort

stellst du dich (Sand aufs Herz) quer,
weil du sofort das Licht eine Seife nennst,
die die von Gischt Geschädigten nachtreif wäscht.

aus einer Schleppe von Worten,
mit der du die Bucht im Fortgehen bestreichst, lese ich
noch: diese Heilanstalt ist dir die liebste.

Ron Winkler (*1973)

Aus: "vereinzelt Passanten" Gedichte
kookbooks _ Reihe Lyrik _ herausgegeben von Daniela Seel _ Band 3;
72 Seiten, 4 Schmuckblätter auf Transparentpapier mit Zeichnungen nach Motiven aus dem Band von Andreas Töpfer, Nachwort von Peter Geist, Klappenbroschur, 13,80 Euro, ISBN 3-937445-04-8 Auflage: 750 Exemplare

Der Autor: geboren 1973, lebt in Berlin und Jena. Seit 1997 Herausgeber der Literaturzeitschrift "intendenzen". Literarische und literaturwissenschaftliche Veröffentlichungen, zuletzt erschienen 2002 die Einzelbände "ins denkmal gesetzt", parasitenpresse, und "Morphosen. Texte", edition sisyphos, sowie 2003 Gedichte in der Anthologie "Lyrik von JETZT", DuMont.

Für seine Arbeiten erhielt er mehrere Auszeichnungen, zuletzt 2004 ein Arbeitsstipendium der Stiftung KulturFonds. "vereinzelt Passanten" ist sein erster Gedichtband.

 


Mignon

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg;
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut,
Kennst du ihn wohl?

Dahin! Dahin
Geht unser Weg! o Vater, laß uns ziehn!

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Goethe wurde am 28.8.1749 in Frankfurt(Main) geboren und starb am 22.3.1832 in Weimar.
Eine sehr gute Linksammlung finden Sie hier: http://www.goethe.de/os/hon/aut/degoe.htm
Buchtipp: Jeder Atemzug für Dich Die 100 beliebtesten deutschen Liebesgedichte
"Das sind nach dem Auswahlprinzip dieser Sammlung diejenigen Liebesgedichte, die am häufigsten in die fünfzig populärsten Lyrikanthologien des 20.Jahhunderts aufgenommen wurden."
Dirk Ippen (Hrsg.) Philip Laubach-Kiani, Philip Ajouri, Verlag C.H.Beck


 

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Quelle: Hermann Hesse,
Die Gedichte, Zweiter Band,
hier: Aus den Jahren 1929 - 1941, Suhrkamp Verlag, Berlin

http://www.lyrik-anthologie.de


 

Himmelfahrt

Bunte Blumen, grüne Büsche,
Burschen, Mädchen Arm in Arm,
In der kühlen Morgenfrische
Locker schlendernder Frühlingsschwarm.
Übernächtige Gesichter,
Lange, lange noch nicht matt,
Lebenslustiges Gelichter,
Lange, lange noch nicht satt.
»Heut lieb' ich die Susanne
Und morgen die Marianne,
Halli, Hallo!
Wir leben so -
Vom lustigen Berge in die lustige Stadt.
Der da mit ihren zerlockerten Haaren
Ist wohl die Unschuld gen Himmel gefahren
Heut in dieser selbigen Nacht;
Maiennächte sind Liebesschulen,
Lieblich ist es im Grünen buhlen,
Und kein Wächter der Sitte wacht.
In den schwärzlichen Augenringen
Kauert schläfrig gebüßte Lust,
Tüchtig hat das Feuer gerußt.
Aber mit silberreinem Singen
Sittige Dirnen vorüberspringen,
Maienglöckchen an keuscher Brust.
Aus dem offenen Bierhaus dringen,
Klingen Schalmei und Harmonika,
Klingen Harmonika und Schalmei;
Italiener mit lautem Geschrei
Feigenkränze zu Häupten schwingen,
Brezelweiber schleifen vorbei.
Schüchterne Sonnenstrahlen blinken,
Schimmerwellen am Waldesrand,
Ach, wie herrlich die Wipfel winken,
Lichte Buchen im Brautgewand!
Und noch ehe mit breitem Strahl
Siegreich mich die Sonne bestreicht,
Seh' ich in der Tiefe das Tal,
Habe des Berges Kulm erreicht.
Wolkenspiegelnd und funkenwiegelnd,
Perlgrau zittert der See.
Dicker Sonnenduft
Hüllt die ferne Luft,
Tief im Flor versinkt der Firnenschnee.

Karl Henckell (1864-1929)

aus: Buch des Lebens
Biographielink: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/henckell.htm

Mai

Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!

Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.

Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

aus: Irrgarten der Liebe

der Autor: auch: Martin Möbius, geb. am 28.06.1865 in Grünberg/ Schlesien als Sohn eines Gastwirts und Konditors, 1889 Abbruch seines Jura- u. Philosophie- studiums (u.a. in Zürich, Leipzig, Dresden u. Berlin), er lebt in München, Oberbayern, Berlin, Italien, Wien u. Dresden, Bierbaum verfasste vor allem Chansons, Erzählungen und satirische Romane, er stirbt am 1.2.1910 in Kötzschenbroda/Dresden

Zum Weiterlesen: Lyrik des Expressionismus, von Silvio Vietta Gedichte des Expressionismus, von Dietrich Bode


Frühling ist wiedergekommen

Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;
viele, o viele.... Für die Beschwerde
langen Lernens bekommt sie den Preis.

Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
an dem Barte des alten Manns.
Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!

Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.

O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,
und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
schwierigen Stammen: sie singts, sie singts!

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
aus: Die Sonette an Orpheus

Der Autor: geb am 4.12.1875 in Prag als Sohn eines Militärbeamten,
1886 bis 1891 Besuch der Militärschule St. Pölten, danach Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weiß- kirchen, Studium der Kunst- u. Literaturgeschichte in Prag, München u. Berlin,
1899/1900 Rußlandreise mit Lou Andreas-Salomé, Begegnung mit Tolstoi,
1900 lässt er sich in der Malerkolonie Worpswede nieder u. heiratet die Bildhauerin Clara Westhoff, von der er sich 1902 trennt,
1905 wird er für 8 Monate der Privatsekretär von Rodin in Paris, Reisen nach Nordafrika, Ägypten, Spanien,
1911/12 lebt er auf Schloß Duino an der Adria bei der Fürstin Marie v. Thurn u. Taxis, im 1. Weltkrieg in München, aus Gesundheitsgründen wird er aus dem österreichischen Landsturm entlassen, nach Kriegsende
1920 in Berg am Irschel (Schweiz), ab 1921 auf Schloß Muzot im Kanton Wallis, das ihm sein Mäzen Werner Reinhart zur Verfügung stellt, er stirbt am 29.12.1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.

Hörtipp: Rilke Projekt "Überfließende Himmel" Teil III des Rilke Projekts mit den Stimmen von Sir Peter Ustinov, Ben Becker, Hannelore Elsner u.v.a.


 

Die Alten und die Jungen

"Unverständlich sind uns die Jungen",
wird von den Alten beständig gesungen;
meinerseits möchte ich's damit halten:
"Unverständlich sind mir die Alten."
Dieses Am-Ruder-bleiben-Wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
dieses Sich-unentbehrlich-Vermeinen
samt ihrer "Augen stillem Weinen",
als wäre der Welt ein Weh getan -
ach, ich kann es nicht verstahn.
Ob unsere Jungen, in ihrem Erdreisten,
wirklich was Besseres schaffen und leisten,
ob dem Parnasse sie näher gekommen
oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
ob sie mit anderen Neusittenverfechtern,
die Menschheit bessern oder verschlechtern,
ob sie Frieden sä'n oder Sturm entfachen,
ob sie Himmel oder Hölle machen -
eins läßt sie stehn auf siegreichem Grunde:
sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
der Mohr kann gehen, neu Spiel hebt an,
sie beherrschen die Szene, sie sind dran.

Theodor Fontane (1819-1898)

Der Autor: geb. am 30.Dezember 1819 in Neuruppin, als Sohn eines Apothekers, er besucht das Gymnasium in Neuruppin und die Gewerbeschule in Berlin, von 1836-1840 absolviert er eine Apothekerlehre in Berlin, 1949 gibt Fontane seinen Apothekerberuf auf und arbeitet mit Unterbrechung bis 1859 als freier Mitarbeiter im Büro eines Ministeriums, von 1855-1859 lebt er in England als Berichterstatter, von 1860 bis 1870 arbeitet er als Redakteur der Berliner "Kreuz-Zeitung", 1870 bis 1889 ist er Theaterkritiker bei der "Vossischen Zeitung", 1876 wird er Sekretär der Akademie der Künste Berlin und freier Schriftsteller, er stirbt am 20.9.1898 in Berlin.

Hörtipp: Effi Briest von Theodor Fontane, gelesen von Gert Westphal 8 Audio-CDs; 2003, Universal Music


 

Zaezilie soll die Fenster putzen

Zäzilie soll die Fenster putzen, sich selbst zum Gram,
jedoch dem Haus zum Nutzen.

"Durch meine Fenster muß man", spricht die Frau,
"so durchsehn können, daß man nicht genau
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das."

Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen ...
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei -
und schlägt die Fenster allesamt entzwei!

Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht, zunächst verdutzt:
"So hat Zäzilie ja noch nie geputzt."

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und spricht einstimmig: Diese Magd muß gehn.

Christian Morgenstern (1871-1914)

Biographielink: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/morgenst.htm
Buchtipp: Gesammelte Werke in einem Band von Christian Morgenstern Piper Verlag, München


 

April

Und wenn du jetzt aufwachst morgens ...
ganz leis und fein
spielt um die Dächer
der Sonnenschein,
und du bist nicht mehr müde,
wie sonst, und verzagt:
was soll nun wieder voll Mühsal und Plag
der ganze lange endlose Tag!?

Froh und munter
geht's ihm entgegen,
und alles ist so wunderbar
frisch und stark und hell und klar,
das ganze Leben so frei, so leicht,
daß du dich selber drüber wunderst:
von was für töricht dummen Dingen
du das Herz dir ließest zwingen
und kaum begreifst:
mit welch erbärmlichen Kleinigkeiten
die Menschen sich das Leben verleiden ...

Kleinigkeiten, ob denen es kaum
der Mühe wert, ein Wort zu verlieren,
geschweige denn tage- und wochenlang
zu quälen sich und zu schikanieren ...
und vollends jetzt, da's Frühling wird
und, wenn du aufwachst morgens,
ganz leis und fein
um die Dächer spielt
der Sonnenschein
und alles rings so wunderbar
frisch und stark und hell und klar ...
wozu sich da grämen und betrüben!
nein, weg mit all den Schererei'n!
es lohnt sich da wahrlich nur: zu lieben!
es lohnt sich da wahrlich nur: froh zu sein!

Cäsar Flaischlen (1864-1920)

aus: Höhen-entlang Brief- und Tagebuchblätter

Biografielink: http://www.flaischlen.de/biografie.htm

 


 

Mit einem gemalten Band

Kleine Blumen, kleine Blätter
Streuen mir mit leichter Hand
Gute junge Frühlingsgötter
Tändelnd auf ein luftig Band.

Zephyr, nimm's auf deine Flügel,
Schling's um meiner Liebsten Kleid;
Und so tritt sie vor den Spiegel
All in ihrer Munterkeit.

Sieht mit Rosen sich umgeben,
Selbst wie eine Rose jung.
Einen Blick, geliebtes Leben!
Und ich bin belohnt genung.

Fühle, was dies Herz empfindet,
Reiche frei mir deine Hand,
Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosenband!

Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)

Goethe wurde am 28.8.1749 in Frankfurt(Main) geboren und starb am 22.3.1832 in Weimar.

Eine sehr gute Linksammlung finden Sie hier: http://www.goethe.de/os/hon/aut/degoe.htm
Buchtipp: Jeder Atemzug für Dich. Die 100 beliebtesten deutschen Liebesgedichte
"Das sind nach dem Auswahlprinzip dieser Sammlung diejenigen Liebesgedichte, die am häufigsten in die fünfzig populärsten Lyrikanthologien des 20.Jahhunderts aufgenommen wurden."
Dirk Ippen (Hrsg.) Philip Laubach-Kiani, Philip Ajouri, Verlag C.H.Beck


 

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland (1787-1862)

 

Biografielink: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/uhland.htm

Buchtipp: Deutsche Lyrik herausgegeben von Hanspeter Brode Suhrkamp Taschenbuch,
9,00 Euro, 300 Gedichte vom frühen Mittelalter bis in die siebziger Jahre des 20. Jhrd.


 

Pfeifen

Klavier und Geige, die ich wahrlich schätze,
Ich konnte mich mit ihnen kaum befassen,
Mir hat bis jetzt des Lebens rasche Hetze
Nur zu der Kunst des Pfeifens Zeit gelassen.

Zwar darf ich mich noch keinen Meister nennen,
Lang ist die Kunst und kurz ist unser Leben.
Doch alle, die des Pfeifens Kunst nicht kennen,
Bedaure ich. Mir hat sie viel gegeben.

Drum hab ich längst mir innigst vorgenommen,
In dieser Kunst von Grad zu Grad zu reifen,
und hoffe endlich noch dahin zu kommen,
Auf mich, auf euch, auf alle Welt zu pfeifen.

Hermann Hesse (1877 - 1967)

http://www.schwarzaufweiss.de/Schwarzwald/hesse.htm


 

Frühlingsahnung

Wenn des Winters starrer Traum
Berg und Flur mit Schnee bedecket,
Jeder dürre Zweig am Baum
Jammernd sich gen Himmel strecket:

Kannst du da begreifen, sag'
Wie nach wen'gen Mondesneigen
Der jetzt frosterstarrte Hag
Einen Blüthenflor wird zeigen?

Doch du weißt, der lichte Trost
Naht auf unsichtbaren Wegen
Und im rauhen Winterfrost
Lächelst du dem Lenz entgegen.

Und so kann, so kann auch ich
Nicht begreifen und nicht fassen,
Wie in meiner Seele sich
Noch ein Glück wird ziehen lassen.

Doch ich weiß: zur Wonne geht,
Wer da wallt auf Dornenbahnen,
Und durch meinen Winter weht
Ein tief selig Frühlingsahnen!

Betty Paoli (1814-1894)

Die Autorin:
geb. am 30.12.1814 als Tochter eines ungarischen Adeligen u. einer Belgierin in Wien, eigentlich: Babette Elisabeth Glück, sie stammte aus ärmlichen Verhältnissen u. verdiente sich in jungen Jahren ihren Lebensunterhalt u.a. als Erzieherin in Russland u. Polen,

1832/33 veröffentlichte sie erste Gedichte in Prager und Wiener Zeitungen, sie war als Sprachlehrerin u. Übersetzerin (u.a. von Puschkin u. Turgenjew) tätig,

von 1841-43 als Gesellschafterin im Hause des Philanthropen u. Schriftstellers Josef Wertheimer, wo sie u.a. Adalbert Stifter, Franz Grillparzer u. Nikolaus Lenau kennenlernte,

1849-52 hielt sie sich im Ausland auf,

sie lebte ab 1852 meist in Wien u. war Literatur- u. Kunstkritikerin des 'Wiener Lloyd' u. der 'Österreichischen Zeitung' in Wien u. betätigte sich auch als Burgtheater-Referentin, zusammen mit ihrer Freundin Ida von Fleischl war Paoli später kunstkritische Beraterin Marie von Ebner-Eschenbachs, von der sie gezielt gefördert wurde, Grillparzer nannte sie den "ersten Lyriker Österreichs",

sie starb am 5. 7. 1894 in Baden bei Wien.

Buchtipp: FRAUEN DICHTEN ANDERS.
Herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki. 181 Gedichte aus der Feder von 54 Autorinnen werden vorgestellt und kommentiert, gedeutet und interpretiert, 859 Seiten, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2002


 

Aschermittwoch

Gestern noch ging ich gepudert und süchtig
In der vielbunten tönenden Welt.
Heute ist alles schon lange ersoffen.

Hier ist ein Ding.
Dort ist ein Ding.
Etwas sieht so aus.
Etwas sieht anders aus.
Wie leicht pustet einer die ganze
Blühende Erde aus.

Der Himmel ist kalt und blau.
Oder der Mond ist gelb und platt.
Ein Wald hat viele einzelne Bäume.

Ist nichts mehr zum Weinen.
Ist nichts mehr zum Schreien.
Wo bin ich -

Alfred Lichtenstein (1889-1915)

Der Autor: geb. am 23. August 1889 als ältestes von fünf Kindern des Textilfabrikanten David Lichtenstein und seiner Frau Franziska in Berlin, 1899-1909
Besuch des Luisenstädtischen Gymnasiums in Berlin, das früheste erhaltene Gedicht von Lichtenstein entsteht am 27.4.1908,
1909 legt er die Reifeprüfung ab, sein Gedichtzyklus »Mulias« erscheint als Privatdruck,
April 1909 Beginn eines Jurastudiums an der Friedrich-Wilhelm- Universität in Berlin,
1910 erscheint sein erster Prosatext »Mieze Meier« in der von Walden heraus- gegebenen Zeitschrift »Der Sturm«,
1913 Veröffentlichung der Dissertation »Die rechtswidrige öffentliche Aufführung von Bühnenwerken« im Oktober
1913 tritt er als Einjährig-Freiwilliger in das 2. Bayerische Infanterie-Regiment Kronprinz ein, im Oktober veröffentlicht "Die Aktion" ein Lichtenstein-Heft mit einer Porträtzeichnung von Max Oppenheimer,
1914 promoviert er in Erlangen zum Dr. phil.,
August 1914: Abtransport an die Westfront, im September schickt er sein letztes Gedicht ab ("Die Schlacht bei Saarburg"). Er fällt am 25. September 1914 in der Nähe von Vermandovillers bei Reims.

Buchtipp: Dichtungen von Alfred Lichtenstein Arche verlag, 1989


 

Die alte Waschfrau

Du siehst geschäftig bei dem Linnen
die Alte dort in weißem Haar,
die rüstigste der Wäscherinnen
im sechsundsiebenzigsten Jahr.
So hat sie stets mit sauerm Schweiß
ihr Brot in Ehr und Zucht gegessen
und ausgefüllt mit treuem Fleiß
den Kreis, den Gott ihr zugemessen.

Sie hat in ihren jungen Tagen
geliebt, gehofft und sich vermählt;
sie hat des Weibes Los getragen,
die Sorgen haben nicht gefehlt;
sie hat den kranken Mann gepflegt,
sie hat drei Kinder ihm geboren;
sie hat ihn in das Grab gelegt
und Glaub' und Hoffnung nicht verloren.

Da galt's, die Kinder zu ernähren;
sie griff es an mit heiterm Mut,
sie zog sie auf in Zucht und Ehren,
der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut.
Zu suchen ihren Unterhalt
entließ sie segnend ihre Lieben,
so stand sie nun allein und alt,
ihr war ihr heitrer Mut geblieben.

Sie hat gespart und hat gesonnen
und Flachs gekauft und nachts gewacht,
den Flachs zu feinem Garn gesponnen,
das Garn dem Weber hingebracht;
der hat's gewebt zu Leinewand.
Die Schere brauchte sie, die Nadel,
und nähte sich mit eigner Hand
ihr Sterbehemde sonder Tadel.

Ihr Hemd, ihr Sterbehernd, sie schätzt es,
verwahrt's im Schrein am Ehrenplatz;
es ist ihr Erstes und ihr Letztes,
ihr Kleinod, ihr ersparter Schatz.
Sie legt es an, des Herren Wort
am Sonntag früh sich einzuprägen;
dann legt sie's wohlgefällig fort,
bis sie darin zur Ruh sie legen.

Und ich, an meinem Abend, wollte,
ich hätte, diesem Weibe gleich,
erfüllt, was ich erfüllen sollte
in meinen Grenzen und Bereich;
ich wollt', ich hätte so gewußt
am Kelch des Lebens mich zu laben,

und könnt' am Ende gleiche Lust
an meinem Sterbehemde haben.

Adalbert von Chamisso

 

Info-LinkAdalbert von Chamisso:
http://www.pinselpark.de/literatur/c/chamisso/2_chamisso.html


An das Publikum

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: Bist du wirklich so dumm?
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: "Das Publikum will es so!"
Jeder Filmfritze sagt: "Was soll ich machen?"
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!"
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
"Gute Bücher gehn eben nicht!"
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahlreichen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte....
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

Ja, dann...
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser -?
Ja, dann Ja, dann verdienst du's nicht besser.

Kurt Tucholsky (1890 - 1935)

Bibliografie des Deutschen Historischen Museums:

http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/TucholskyKurt/index.html


 

Was die Rose im Winter tut

Was tut wohl die Rose zur Winterszeit?
Sie träumt einen hellroten Traum.
Wenn der Schnee sie deckt um die Adventszeit,
Träumt sie vom Holunderbaum.
Wenn Silberfrost in den Zweigen klirrt,
Träumt sie vom Bienengesumm,
Vom blauen Falter, und wie er flirrt....
Ein Traum und der Winter ist um!

Und was tut die Rose zur Osterzeit?
Sie räkelt sich, bis zum April.
Am Morgen, da weckt sie die Sonne im Blau,
Und am Abend besucht sie der Frühlingstau,
Und ein Engel behütet sie still.
- Der weiß ganz genau, was Gott will!
Und dann über Nacht, wie ein Wölkchen, ein Hauch,
Erblüht sie zu Pfingsten am Rosenstrauch.

Mascha Kaléko (1912 - 1975)

Literatur-Tipp:
Mascha Kaléko, "Die paar leuchtenden Jahre" ,
mit Lyrik, Prosa und Biographie, DTV, 400 Seiten, 10 Euro

 

Februar

Schneeflöckchen flattern in der Luft,
Schneeglöckchen dir am Busen,
Mein Herz durchquillt ein Weiheduft,
Die Quintessenz der Musen;
Mit Sang, Geschrei und Schellenklang
Zieht Mummenschanz die Stadt entlang,
Heut lärmt das rohe Volk wie toll
Und wirft sich morgen reuevoll
Im Beichtstuhl auf die Kniee!

Uns strahlt ein höh'res Geisteslicht,
Wir brauchen nicht bereuen,
Wir wollen uns mit Asche nicht
Die freie Stirn bestreuen;
Uns stört die Reue nicht die Lust,
Wir sind uns keiner Schuld bewußt,
Wir hassen und wir lieben frei,
Wir kennen keine Heuchelei
Und kennen keine Sünde!

Die Maske fort, das Antlitz bloß,
Die Lippen frei zum Küssen!
All unsre Lust kann schleierlos
Die ganze Menschheit wissen.
Solang dein Herz für mich noch warm,
Umschlingt dich fest mein starker Arm,
Du wirst mein ehlich Treugemahl,
Trotz Priesterfluch und Kirchbannstrahl,
Zum Hohn der großen Lüge!

Münster 1890

Hermann Löns (1866-1914)

 

Der Autor:
geb. am 29.8.1866 in Kulm/Westpreußen als Sohn eines Gymnasialprofessors, er wächst als ältestes von 14 Kindern in Deutsch-Krone/Pommern auf, wo er erste systematische Naturstudien und literarische Versuche unternimmt, er macht das Abitur in Münster, wegen eines angestrebten Studiums der Naturwissenschaften bricht Löns mit dem Elternhaus und scheitert wegen exzessiven Alkoholkonsums, er wird Journalist, 1891 in Kaiserslautern, 1892 in Gera, 1893-1909 bei verschiedenen Zeitungen in Hannover, 1904 erscheint Löns' erste wöchentliche Satire "Spiegelbilder" unter dem Pseudonym "Ulenspeigel" im "Hannoverschen Tageblatt", von 1909 an lebt er als freier Schriftsteller, 1911/12 reist er ein Jahr durch Europa, zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldet er sich als Freiwilliger, er fällt am 26.9.1914 bei Reims. Nach Presseberichten über den Fund der "Löns-Gebeine" beauftragt Adolf Hitler 1934 die Sturmabteilung (SA) mit deren Rückführung. Am 10.10.1934 werden die "Löns-Gebeine" exhumiert und nach Deutschland gebracht. Am 30.11.1934 werden sie an der Straße Soltau-Hamburg vergraben, um die Diskussion um ihre Authentizität zu beenden.

Quelle: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/LoensHermann/
Zum Weiterlesen: Hermann Löns, Mythos und Wirklichkeit, von Thomas Dupke 214 Seiten - Claassen Verlag


 

Sehnsucht nach dem Frühling

O wie ist es kalt geworden
Und so traurig, öd' und leer!
Rauhe Winde weh'n von Norden
Und die Sonne scheint nicht mehr.

Auf die Berge möcht' ich fliegen,
Möchte seh'n ein grünes Thal,
Möcht' in Gras und Blumen liegen
Und mich freu'n am Sonnenstrahl;

Möchte hören die Schalmeien
Und der Heerden Glockenklang,
Möchte freuen mich im Freien
An der Vögel süßem Sang.

Schöner Frühling, komm doch wieder,
Lieber Frühling, komm doch bald,
Bring' uns Blumen, Laub und Lieder,
Schmücke wieder Feld und Wald!

Ja, du bist uns treu geblieben,
Kommst nun bald in Pracht und Glanz,
Bringst nun bald all deinen Lieben
Sang und Freude, Spiel und Tanz.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
(1798-1874)

Biographielink:
http://gutenberg.siegel.de/autoren/fallersl.htm

 

Friedrich Rückert, "Noch nie war ein Januar ..."

Nie noch war ein Januar
So gelind,
Und so gar im Februar
Frühlingswind,
Wie in diesem Jahr Wunderbar
Beide Monde sind.

Nie doch war im Januar
Sturm und Wind,
Nie im Jahr der Februar
Ungelind,
Wie auf immerdar
Mir dies Paar
Unglücksmonde sind.

Auf der Bahr im Januar
Lag mein Kind;
Bringst du dar, o Februar,
Kranzgewind?
Deine Tage klar
Nehmen wahr Augen thränenblind.

Friedrich Rückert (1788-1866)

Buchtipp: Die Weisheit des Brahmanen.
Ein Lehrgedicht in Bruchstücken. von Friedrich Rückert, Hans Wollschläger (Hrsg.), Rudolf Kreutner (Hrsg.)

Das Hauptwerk einer der erstaunlichsten Gestalten der deutschen Geistesgeschichte erscheint hier erstmalig in einer ungekürzten, historisch- kritischen Ausgabe. 1115 Seiten - Wallstein Verlag