"Gedicht
der Woche"
(zusammengestellt von Herrn Goldschmidt)
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"Wer
Gedichte veröffentlicht,
wirft ein Rosenblatt in den Grand Canyon
und wartet auf das Echo."
Donald Marquis
(1878 - 1937)
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Hugo von Hofmannsthal
Vorfrühling
Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.
Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.
Er glitt durch die Flöte
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.
Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten.
Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern Nacht.
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der Autor: geb. am 1.2.1874 in Wien, Besuch des Gymnasiums
in Wien, 1892 Jurastudium, ab 1895 Romanistik, 1898 Ernennung zum Dr. phil.,
er verkehrt mit Arthur Schnitzler u. Stefan George, ab 1906 arbeit er mit
Richard Strauss zusammen, der seine Operntexte vertont, Hofmannsthal stirbt
am 15.7.1929 in Rodaun bei Wien.
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Johann Wolfgang von Goethe
Harzreise im Winter
Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.
Denn ein Gott hat
Jedem seine Bahn
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche
Rasch zum freudigen
Ziele rennt:
Wem aber Unglück
Das Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebens
Sich gegen die Schranken
Des ehernen Fadens,
Den die doch bittre Schere
Nur Einmal lös't.
In Dickichts-Schauer
Drängt sich das rauhe Wild,
Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt.
Leicht ist's folgen dem Wagen,
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Troß
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.
Aber abseits wer ist's?
In's Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.
Ach wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank!
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ung'nügender Selbstsucht.
Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.
Der du der Freuden viel schaffst,
Jedem ein überfließend Maß,
Segne die Brüder der Jagd
Auf der Fährte des Wilds,
Mit jugendlichem Übermut
Fröhlicher Mordsucht,
Späte Rächer des Unbilds,
Dem schon Jahre vergeblich
Wehrt mit Knütteln der Bauer.
Aber den Einsamen hüll'
In deine Goldwolken,
Umgib mit Wintergrün,
Bis die Rose wieder heranreift,
Die feuchten Haare,
O Liebe, deines Dichters!
Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest du ihm
Durch die Furten bei Nacht,
Über grundlose Wege
Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du in's Herz ihm;
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangner Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahndende Völker.
Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt,
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.
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Aus: Vermischte Gedichte / Zweite Sammlung
Im Winter 1777 bestieg Goethe den Brocken - die erste bezeugte
Winterbesteigung des höchsten Berges im Harz. Goethe lebt um diese Zeit schon
in Weimar. "Das Gedicht, zwei Jahre nach der Wanderung geschrieben, ist keine
Naturlyrik, sondern schildert das aufgewühlte Seelenleben des Wanderers, eines
Außenseiters, in damals avantgardistischen freien Versen." (Quelle: wdr.de)
* der Autor Goethe wurde am 28.8.1749 in Frankfurt(Main) geboren
und starb am 22.3.1832 in Weimar.
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Arno Holz
Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln
Die Weihnacht ihre Sterne funkeln!
Die Engel im Himmel hört man sich küssen
Und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen ...
So heimlich war es die letzten Wochen,
Die Häuser nach Mehl und Honig rochen,
Die Dächer lagen dick verschneit
Und fern, noch fern schien die schöne Zeit.
Man dachte an sie kaum dann und wann.
Mutter teigte die Kuchen an
Und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte,
Sass daneben und las und rauchte.
Da plötzlich, eh man sich's versah,
Mit einem Mal war sie wieder da.
Mitten im Zimmer steht nun der Baum!
Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum ...
Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn,
Herrgott, was giebt's da nicht alles zu sehn!
Die kleinen Kügelchen und hier
Die niedlichen Krönchen aus Goldpapier!
Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen
All die unzähligen, kleinen Figürchen:
Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen,
Elephanten und kleine Kälbchen,
Schornsteinfeger und trommelnde Hasen,
Dicke Kerle mit rothen Nasen,
Reiche Hunde und arme Schlucker
Und Alles, Alles aus purem Zucker!
Ein alter Herr mit weissen Bäffchen
Hängt grade unter einem Aeffchen.
Und hier gar schält sich aus seinem Ei
Ein kleiner, geflügelter Nackedei.
Und oben, oben erst in der Krone!!
Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone
Und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen -
Ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!
In den offenen Mäulerchen ihre Finger,
Stehn um den Tisch die kleinen Dinger,
Und um die Wette mit den Kerzen
Puppern vor Freuden ihre Herzen.
Ihre grossen, blauen Augen leuchten,
Indess die unsern sich leise feuchten.
Wir sind ja leider schon längst »erwachsen«,
Uns dreht sich die Welt um andre Achsen
Und zwar zumeist um unser Büreau.
Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh
Aus Zinkblech eine Eisenbahn,
Ein kleines Schweinchen aus Marzipan.
Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr,
Der Reichstag interessirt uns heut mehr;
Auch sind wir verliebt in die Regeldetri
Und spielen natürlich auch Lotterie.
Uns quälen tausend Siebensachen.
Mit einem Wort, um es kurz zu machen,
Wir sind grosse, verständige, vernünftige Leute!
Nur eben heute nicht, heute, heute!
Ueber uns kommt es wie ein Traum,
Ist nicht die Welt heut ein einziger Baum,
An dem Millionen Kerzen schaukeln?
Alte Erinnerungen gaukeln
Aus fernen Zeiten an uns vorüber
Und jede klagt: Hinüber, hinüber!
Und ein altes Lied fällt uns wieder ein:
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!
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* der Autor Geboren am 26.4.1863 in Rastenburg (Ostpreußen);
gestorben am 26.10.1929 in Berlin.
"Wozu noch der Reim? Der erste, der - vor Jahrhunderten! - auf
Sonne Wonne reimte, auf Herz Schmerz und auf Brust Lust, war ein Genie; der
tausendste, vorausgesetzt, daß ihn diese Folge nicht bereits genierte, ein
Kretin."
Arno Holz, Die neue Wortkunst Biographieklink: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/holz.htm
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Morgen, Kinder, wird's was geben,
Morgen werden wir uns freu'n!
Welch ein Jubel, welch ein Leben
Wird in unsrem Hause sein!
Einmal werden wir noch wach,
Heissa, dann ist Weinachtstag!
Wie wird dann die Stube glänzen
Von der großen Lichterzahl!
Schöner als bei frohen Tänzen
Ein geputzter Kuppelsaal!
Wißt ihr noch, wie voriges Jahr
Es am Heiligen Abend war?
Wißt ihr noch die Spiele, Bücher
Und das schöne Schaukelpferd,
Schöne Kleider, woll'ne Tücher,
Puppenstube, Puppenherd?
Morgen strahlt der Kerzen Schein,
Morgen werden wir uns freu'n.
Wißt ihr noch mein Räderpferdchen,
Malchens nette Schäferin,
Jettchens Küche mit dem Herdchen
Und dem blankgeputzten Zinn?
Heinrichs bunten Harlekin
Mit der gelben Violin?
Wißt ihr noch den großen Wagen
Und die schöne Jagd von Blei?
Unsre Kinderchen zum Tragen
Und die viele Nascherei?
Meinen fleiß'gen Sägemann
Mit der Kugel unten dran?
Welch ein schöner Tag ist morgen!
Neue Freuden hoffen wir.
Unsere guten Eltern sorgen
Lange, lange schon dafür
O gewiß, wer sie nicht ehrt
Ist der ganzen Lust nicht wert!
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Der Text stammt vom Berliner Schulvorsteher Martin Friedrich
Philipp Bartsch (1770-1833)
"...eine erste Melodievariante soll 1783 von Johann Philipp
Kirnberger komponiert worden sein und tauchte 1795 in Splittegarbs Liedersammlung
in Berlin auf. Die heute noch bekannte Melodie stammt von Karl Gottlieb Hering
(1766 -1853), der zuletzt Kantor in Zittau war." (Quelle: MDR.de)
* Buchempfehlungen - Theo Breuer: Aus dem Hinterland. Lyrik
nach 2000
"Eine ungeheure Anzahl an Namen, Lyriktiteln und Verlagen, von denen Sie bislang
weder gehört noch gelesen haben dürften." (titel-forum.de)
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Stefan George : Waller
im Schnee
Die steine die in meiner strasse staken
Verschwanden alle in dem weichen schooss
Der in der ferne bis zum himmel schwillt
Die flocken weben noch am bleichen laken
Und treibt an meine wimper sie ein stoss
So zittert sie wie wenn die träne quillt.
Zu Sternen schau ich führerlos hinan
Sie lassen mich mit grauser nacht allein.
Ich möchte langsam auf dem weissen plan
Mir selber unbewusst gebettet sein.
Doch wenn die wirbel mich zum abgrund trügen
Ihr todeswinde mich gelinde träft:
Ich suchte noch einmal nach tor und dach.
Wie leicht dass hinter jenen höhenzügen
Verborgen eine junge hoffnung schläft!
Beim ersten lauen hauche wird sie wach.
Mir ist als ob ein blick im dunkel glimme.
So bebend wähltest du mich zum begleite
Dass ich die schwere wandrung benedeite
So rührte mich dein schritt und deine stimme.
Du priesest mir die pracht der stillen erde
In ihrem silberlaub und kühlen strahle
Die frei der lauten freude und beschwerde.
Wir nannten sie die einsam keusche fahle
Und wir bekannten ihren rauhen mächten
Dass in den reinen lüften töne hallten
Dass sich die himmel füllten mit gestalten
So herrlich wie in keinen maien-nächten.
Mit frohem grauen haben wir im späten
Mondabend oft denselben weg begonnen
Als ob von feuchten bluten ganz beronnen
Wir in den alten wald der sage träten.
Du führtest mich zu den verwunschnen talen
Von nackter helle und von blassen duften
Und zeigtest mir von weitem wo aus grüften
Die trübe liebe wächst im reif der qualen.
Ich darf nicht dankend an dir niedersinken
Du bist vom geist der flur aus der wir stiegen :
Will sich mein trost an deine wehmut schmiegen
So wird sie zucken um ihm abzuwinken.
Verharrst du bei dem quälenden beschlusse
Nie deines leides nähe zu gestehen
Und nur mit ihm und mir dich zu ergehen
Am eisigklaren tief-entschlafnen flusse ?
Ich trat vor dich mit einem segenspruche
Am abend wo für dich die kerzen brannten
Und reichte dir auf einem sammtnen tuche
Die höchste meiner gaben : den demanten.
Du aber weisst nichts von dem opferbrauche
Von blanken leuchtern mit erhobnen ärmen
Von schalen die mit wolkenreinem rauche
Der strengen tempel finsternis erwärmen
Von engeln die sich in den nischen sammeln
Und sich bespiegeln am kristallnen lüster
Von glühender und banger bitte stammeln
Von halben seufzern hingehaucht im düster
Und nichts von wünschen die auf untern sprossen
Des festlichen altars vernehmlich wimmern . .
Du fassest fragend kalt und unentschlossen
Den edelstein aus gluten tränen schimmern.
Ich lehre dich den sanften reiz des zimmers
Empfinden und der trauten winkel raunen
Des feuers und des stummen lampen-flimmers
Du hast dafür das gleiche müde staunen.
Aus deiner blässe fach ich keinen funken
Ich ziehe mich zurück zum beigemache
Und sinne schweigsam in das knie gesunken :
Ob jemals du erwachen wirst ? erwache !
So oft ich zagend mich zum vorhang kehre :
Du sitzest noch wie anfangs in gedanken
Dein auge hängt noch immer an der leere
Dein schatten kreuzt des teppichs selbe ranken.
Was hindert dann noch dass das ungeübte
Vertrauenslose flehen mir entfliesse :
O gib dass - grosse mutter und betrübte !
In dieser seele wieder trost entspriesse.
Noch zwingt mich treue über dir zu wachen
Und deines duldens schönheit dass ich weile
Mein heilig streben ist mich traurig machen
Damit ich wahrer deine trauer teile.
Nie wird ein warmer anruf mich empfangen ·
Bis in die späten stunden unsres bundes
muss ich erkennen mit ergebnem bangen
Das herbe Schicksal winterlichen fundes.
Die blume die ich mir am fenster hege
Verwahrt vorm froste in der grauen scherbe
Betrübt mich nur trotz meiner guten pflege
Und hängt das haupt als ob sie langsam sterbe.
Um ihrer frühern blühenden geschicke
Erinnerung aus meinem sinn zu merzen
Erwähl ich scharfe waffen und ich knicke
Die blasse blume mit dem kranken herzen.
Was soll sie nur zur bitternis mir taugen
?
Ich wünschte dass vom fenster sie verschwände
Nun heb ich wieder meine leeren augen
Und in die leere nacht die leeren hände.
Dein zauber brach da blaue flüge wehten
Von grabesgrünen und von sichrem heile ·
Nun lass mich kurz noch da ich bald enteile
Vor dir wie vor dem grossen schmerze beten.
Zu raschem abschied musst du dich bequemen
Denn auf dem weiher barst die starre rinde
Mir däucht es dass ich morgen knospen finde ·
Ins frühjahr darf ich dich nicht mit mir nehmen.
Wo die strahlen schnell verschleissen
Leichentuch der kahlen auen
Wasser sich in furchen stauen
In den sümpfen schmelzend gleissen
Und zum strom vereinigt laufen :
Türm ich für erinnerungen
Spröder freuden die zersprungen
Und für dich den Scheiterhaufen.
Weg den schritt vom brande lenkend
Greif ich in dem boot die ruder -
Drüben an dem Strand ein bruder
Winkt das frohe anner schwenkend.
Tauwind fährt in ungestümen
Stössen über brache schollen ·
Mit den welken seelen sollen
Sich die pfade neu beblümen.
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* der Autor geb. am 12.7.1868 in Büdesheim, gest. am 04.12.1933
in Locarno
Biographielinks: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/GeorgeStefan/
http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_George
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10. Aufl. Rowohlt: Reinbek 2000.
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Oktoberlied
Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!
Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!
Und wimmert auch einmal das Herz -
Stoß an und laß es klingen!
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.
Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!
Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.
Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen
Storm, Theodor (1817-1888)
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Christian Fürchtegott Gellert
Hans Nord
Ein Mann, der sich auf vielerlei verstund,
That durch den Druck in London kund,
Daß er ein seltnes Kunststück wüßte,
Und lud auf sein erbaut Gerüste
Den künft'gen Tag die Bürger ein;
Ließ einen engen Krug und sich in Kupfer stechen;
In diesen Krug, war sein Versprechen,
Kriech ich, Hans Nord, mit Kopf und Bein
Um zehn Uhr durch den Hals hinein.
Der Preis für einen Platz soll nur acht Groschen sein.
Nun ging das Blatt durch alle Gassen.
"In einen Krug? Was? rast der Mann?
Das soll er mir wohl bleiben lassen.
Mit einem Wort, es geht nicht an;
Der dümmste Kopf muß das verstehen:
Allein acht Groschen wag' ich dran.
Komm', Bruder, komm', den Narren muß ich sehen!"
Kurz, einer riß den andern fort.
Dem Pöbel folgten schon Karossen um die Wette,
Worin der Kaufmann und der Lord
Aus Gründen der Physik bewiesen, daß Hans Nord
Unmöglich Raum in einem Kruge hätte.
"Gesetzt auch", wandte Lady ein,
"Gesetzt, dies könnte möglich sein:
So wird doch stets der Kluge fragen:
Wie kömmt der Narr denn durch den Hals hinein? -
Doch unser Kutscher schläft ganz ein,
Fahrt zu, Johann! itzt wird es neune schlagen."
Halb London saß nunmehr an dem bestimmten Ort
Und sah den Krug erstaunt auf dem Theater stehen.
"Wird nicht das Werk bald vor sich gehen?"
Man wartet, pocht und lärmt. Indessen schlich Hans Nord
Sich heimlich mit dem Gelde fort.
Wer war nunmehr der größte Tor zu nennen?
Nord oder eine halbe Stadt,
Die sich, von Neugier blind, auf sein phantastisch Blatt
Vor seine Bühne drängen können?
Du lachst; doch weißt du auch, daß du durch gröbre List
So leicht, wohl leichter noch, zu hintergehen bist?
Was braucht wohl ein Hans Nord, versehn zum Bücherschmieren,
Was braucht er, um dich zu verführen?
Ein wunderbares Titelblatt,
Das den Betrug schon bei sich hat.
Er will die ganze Welt durch Goldtinktur kurieren;
Durch einen Schluß dich klug und glücklich demonstrieren;
Sein gründlich Wörterbuch erspart dir das Studieren;
Er lehrt ohn' Umgang dich die Kunst zu konversieren;
Er lehrt dich, ohne Müh' sinnreich poetisieren;
Dich ohne Kosten Wirtschaft führen;
Und glücklich läßt du dich das Wunderbare rühren,
Erstaunst und eilst und kaufst und liest -
Was denn? - daß du betrogen bist.
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Heimweh nach Rügen
O Land der dunklen Haine,
O Glanz der blauen See,
O Eiland, das ich meine,
Wie tut's nach dir mir weh!
Nach Fluchten und nach Zügen
Weit über Land und Meer,
Mein trautes Ländchen Rügen,
Wie mahnst du mich so sehr!
O wie, mit goldnen Säumen
Die Flügel rings umwebt,
Mit Märchen und mit Träumen
Erinnrung zu mir schwebt!
Sie hebt von grauen Jahren
Den dunkeln Schleier auf,
Von Wiegen und von Bahren,
Und Tränen fallen drauf.
O Eiland grüner Küsten!
O bunter Himmelschein!
Wie schlief an deinen Brüsten
Der Knabe selig ein!
Die Wiegenlieder sangen
Die Wellen aus der See,
Und Engelharfen klangen
Hernieder aus der Höh'.
Und deine Heldenmäler
Mit moosgewobnem Kleid,
Was künden sie, Erzähler
Aus tapfrer Väter Zeit,
Von edler Tode Ehren
Auf flücht'gem Segelroß,
Von Schwertern und von Speeren
Und Schildesklang und -stoß?
So locken deine Minnen
Mit längst verklungnem Glück
Den grauen Träumer hinnen
In alter Lust zurück.
O heißes Herzenssehnen!
O goldner Tage Schein
Von Liebe reich und Tränen!
Schon liegt mein Grab am Rhein.
Fern, fern vom Heimatlande
Liegt Haus und Grab am Rhein.
Nie werd' an deinem Strande
Ich wieder Pilger sein.
Drum grüß' ich aus der Ferne Dich,
Eiland lieb und grün:
Sollst unterm besten Sterne
Des Himmels ewig blühn!
Ernst Moritz Arndt, 1842.
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*der Autor Arndt wurde am 26.12.1769
in Groß-Schoritz als Sohn eines ehemaligen Leibeigenen auf Rügen geboren.
Er studierte Geschichte und Theologie. 1805 wurde er Professor in Greifswald.
Wegen seiner antinapoleonischen Flugschrift "Geist der Zeit" mußte er nach
Stockholm fliehen. Er folgte 1812 dem Freiherrn vom Stein als Privatsekretär
nach Petersburg. Arndt starb am 29.01.1860 in Bonn.
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Ein Kindergedicht
Spann dein kleines Schirmchen auf;
denn es möchte regnen drauf.
Denn es möchte regnen drauf,
halt nur fest den Schirmchen-Knauf.
Halt nur fest den Schirmchen-Knauf -
und jetzt lauf! und jetzt lauf!
Und jetzt lauf! und jetzt lauf!
Lauf zum Kaufmann hin und kauf!
Lauf zum Kaufmann hin und sag:
Guten Tag! guten Tag!
Guten Tag, Herr Kaufmann mein,
gib mir doch ein Stückchen Sonnenschein.
Gib mir doch ein Stückchen Sonnenschein;
denn ich will mein Schirmchen trocknen fein.
Denn ich will mein Schirmchen trocknen fein.
Und der Kaufmann geht ins Haus hinein.
Und der Kaufmann geht hinein ins Haus,
und er bringt ein Stückchen Sonne heraus.
Und er bringt ein Stückchen Sonne heraus.
Sicht es nicht wie gelber Honig aus?
Sieht es nicht wie gelber Honig schier?
Und er tut es sorgsam in Papier.
Und er tut es sorgsam in Papier.
Und dies Päckchen dann, das bringst du mir.
Und zu Haus da packen wir es aus -
sieht es nicht wie gelber Honig aus?
Und die Hälfte kriegst dann Du,
mein Irmchen, und die andre Hälfte kriegt das Schirmchen.
Und jetzt spann dein Schirmchen auf -
und lauf! und lauf!
Christian Morgenstern (1871-1914)
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* Biographielink http://gutenberg.spiegel.de/autoren/morgenst.htm
**Buchtipps Christian Morgenstern. Gedichte 956 Seiten, Insel Verlag, 12,50
EUR
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Der Bär und der Liebhaber seines Gartens
Ein unerfahrner Bär voll wilder Traurigkeit,
Den in den dicksten Wald sein Eigensinn verstecket,
Vertrieb, unausgeforscht, durch Klipp' und Berg gedecket,
Wie ein Bellerophon die Zeit.
Hier sträubet sich der Petz; er liebt nur
diese Kluft,
Und meidet stets die Spur der Bären, seiner Brüder.
Mit Brummen wälzt er sich im Felsen auf und nieder;
Sein schwaches Haubt scheut freie Luft.
Dies macht ihn ganz verwirrt. Ihm gleicht
vielleicht die Zunft
Der Weisen dunkler Art, der schweren Sonderlinge;
Die fliehen Licht und Welt, und haschen Wunderdinge;
Nur nicht die Gabe der Vernunft.
Einst, da er saugend sinnt, wird ihm sein
Lebenslauf
(Wenn das ein Leben ist) auf einmal sehr verdrießlich.
Er will gesellig sein; dies hält er für ersprießlich.
Und kurz: er macht sich taumelnd auf.
Wohin? das weiß er nicht: das Glück mag Führer
sein,
Das Glück, der Thoren Witz. Nicht weit von seiner Höhle
Lebt' ein bejahrter Mann mit einer trägen Seele,
Fast wie der Petz, stumm, und allein.
Auch der sucht keinen Scherz, der andern artig
scheint.
Was Herbst und Sommer zollt, des grünen Frühlings Gaben
Vergnügen seinen Fleiß. Ich müßt' ein mehrers haben:
Was aber? Einen klugen Freund.
Der Fluren bunter Schmelz entzücket das Gesicht;
Pomonens Ueberfluß kann tausend Freude machen;
Man darf mit Blum' und Frucht vertraulich reden, lachen;
Doch nur in Fabeln: weiter nicht.
Nicht wahr? die Einsamkeit ist nicht auf ewig
schön.
Unmitgetheilte Lust muß Ueberdruß erwecken;
Der bringt den Greis ins Feld, um Menschen zu entdecken.
Mein Timon wird zum Diogen.
Er wandert nach dem Forst; hier irrt er hin
und her,
Und mißt und sucht die Bahn auf unbekanntem Stege.
Zuletzt begegnet ihm, in einem hohlen Wege,
Ein andrer Eremit, der Bär.
Er stutzt. Was soll er thun? Zur Flucht ist
keine Spur.
Er fasset sich; hält Stand: das wird gut aufgenommen.
Petz sieht ihn gnädig an, und spricht: Mein Freund, willkommen,
Besuche mich, und eile nur.
Der Greis versetzt gebückt: Die Gunst verpflichtet
mich.
O würde mir erlaubt, in meinem nahen Garten
Mit einem schlechten Mahl gehorsamst aufzuwarten!
Der Vorzug wäre königlich.
Ich habe Milch und Obst; zwar weiß ich gar
zu wohl,
Die Kost ist ziemlich schmal für euch, ihr Herren Bären;
Ihr Großen dieser Welt, ihr könnet besser zehren:
Doch auch mein Honigtopf ist voll.
Der Vorschlag wird beliebt; noch zeigt sich
nicht das Haus,
Da die Bekanntschaft schon recht preislich angegangen.
Es will sogar der Bär den neuen Freund umfangen;
Doch der bedankt sich, und weicht aus.
Bald haben diese zween den schönsten Bund
gemacht.
Sie bleiben ungetrennt, und werden Hausgenossen.
Der eine pflanzet, impft, und wartet seiner Sprossen;
Der andre legt sich auf die Jagd.
Unwissenheit und Ernst schließt öfters beider
Mund;
Ihr Umgang nähret sich durch beider stumme Blicke.
Man machet sich die Lust aus diesem Eintrachtsglücke
Einsilbigt, auch nur selten, kund.
Petz kehret einmal heim; da schlummert sein
Orest
Zur schwülen Mittagszeit. Er gehet bei ihm liegen,
Bewacht den Schlafenden, zerstreut den Schwarm der Fliegen,
Der seinen Wirth nicht ruhen läßt.
Er schnappt, fängt, scheuchet, lauscht, gafft
nach dem Alten hin,
Und sieht auf dessen Stirn sich eine Raupe regen;
Ha! brummt er: dir will ich das Handwerk zeitig legen!
Geschmeiße, wißt ihr, wer ich bin?
Er holt den größten Stein; und, weil er's
treulich meint,
So muß durch einen Wurf so Raup' als Greis erkalten.
Fürwahr, den klugen Feind muß man für schädlich halten;
Doch ja so sehr den dummen Freund.
Friedrich von Hagedorn (1708-1754)
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der Autor: geboren am 23.04.1708 in Hamburg, als Sohn des dänischen
Staats- und Konferenzrats Hans Statius von Hagedorn, 1722 löst der Tod des
Vaters finanzielle Schwierigkeiten aus, Hagedorn studiert Jura und Literatur
in Jena, sein "leichtsinniger" Lebenswandel als Student führt 1727 zum Abbruch
des Studiums, er kehrt nach Hamburg zurück und wird Hofmeister, 1729 zieht
er nach London, kehrt aber 1731 nach Hamburg zurück, um dort 1733 zum Sekretär
des "English Court", einer englischen Handelsgesellschaft, berufen zu werden,
er stirbt im Alter von 46 Jahren an Wassersucht am 28.10.1754 in Hamburg
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Wellenspiel
Heiteres Leuchten im braunen Gesicht,
Wählig der Himmel hinrollendes Licht
Prächtige Bläue so unten, so oben
Singender Jubel, freudiges Toben.
Greifende Arme ins tolle Gemisch
Kinder mit Flossen, zappelnder Fisch
Fassen und fliehen, krähen und haschen,
Taumeln und tauchen, spritzen und waschen.
Siehe der Väter verwunderlich Treiben
Wissen vor Freude nirgends zu bleiben
Greifende Arme ins tolle Gemisch
Fassen die Kinder, fassen den Fisch.
Schauen ihr lachendes Weltwunder an
Ja, so ein Vater, das ist euch ein Mann.
In seinem Kinde ist nochmal sein Leben,
Kann sich nun selber ja schwingen und heben.
Wie eine Sonne die selber sich scheint
Einmal rosig, das andere gebräunt
Wirft an das Licht sein fliegendes Wunder,
Das an der Brust hält glattzackigen Flunder.
Auf grünem Gestein rotflossige Hand
Goldüberrollt ins verschwimmende Land
Schauen zwei Augen,
Sterne stiller Freude
Ins verschwindende Weite.
Lustige Väter, junge berauscht
Schleudern mit Flossen ausspannender Hand
Schuppenumglitzerte Kinder krähend ans Land -
Mutter lauscht.
So ist es, daß die Erden
Von allem Wachsen schöner werden.
Peter Hille (1854-1904)
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aus: Peter Hille: Blätter vom fünfzigjährigen Baum.
* der Autor geb. am 11.09.1854 in Erwitzen/Kreis Höxter, Besuch
der Gymnasien in Warburg und Münster, nach schulischem Scheitern des Lehrersohnes
und kurzem Aufenthalt in Höxter zieht er nach Leipzig, dort ist er Gasthörer
an der Universität und Mitarbeiter einer Verlagsredaktion, 1882-1884 lebt
Hille in den Niederlanden, die Gründung einer Theatergruppe misslingt, völlig
verarmt kehrt er nach Deutschland zurück, 1891 lebt er bei seinem Bruder in
Hamm, 1895 zieht er nach in Berlin, dort wechselt er häufig seine Bleibe,
schläft öfters im Freien und gilt zeitweilig seinen Freunden als verschollen,
im Haus der "Neuen Gemeinschaft" der Brüder Hart findet er schließlich einen
ständigen Wohnort, 1896 publiziert Hille zahlreiche Gedichte, Prosaskizzen,
Essays und vor allem Aphorismen in Zeitschriften, im Winter 1902/03 gründet
Hille, der bald eine Kultfigur der Berliner Boheme wird, mit Hilfe seiner
Freunde (u.a. Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam, Richard Dehmel, Otto Julius
Bierbaum) das "Cabaret zum Peter Hille", in dem er literarisch-musikalische
Abende von hohem Anspruch hält, er stirbt am 7. Mai 1904 in Berlin-Großlichterfelde;
Zum Weiterlesen: http://www.peter-hille-gesellschaft.de/
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Ballade in U-dur
Es lebte Herr Kunz von Karfunkel
Mit seiner verrunzelten Kunkel
Auf seinem Schlosse Punkpunkel
In Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte war dunkel,
Es murmelte manch Gemunkel
Um seinen Turm.
Täglich ließ er sich sehen
Beim Auf- und Niedergehen
In den herrlichen Ulmenalleen
Seines adlichen Guts.
Zuweilen blieb er stehen
Und ließ die Federn wehen
Seines Freiherrnhuts.
Er war just hundert Jahre,
Hatte schneeschlohweiße Haare
Und kam mit sich ins klare:
Ich sterbe nicht.
Weg mit der verfluchten Bahre
Und ähnlicher Leichenware!
Hol sie die Gicht!
Werd ich, neugiertrunken
Ins Gartengras hingesunken,
Entdeckt von dem alten Halunken,
Dann grunzt er plump:
Töw Sumpfhuhn, ick wil di glieks tunken
In den Uhlenpfuhl zu den Unken,
Du schrumpliger Lump.
Einst lag ich im Verstecke
Im Park an der Rosenhecke,
Da kam auf der Ulmenstrecke
Etwas angemufft.
Ich bebe, ich erschrecke:
Ohne Sense kommt mit Geblecke
Der Tod, der Schuft.
Und von der andern Seite,
Mit dem Krückstock als Geleite,
In knurrigem Geschreite,
Kommt auch einer her.
Der sieht nicht in die Weite,
Der sieht nicht in die Breite,
Geht gedankenschwer.
Hallo, du kleine Mücke,
Meckert der Tod voll Tücke,
Hier ist eine Gräberlücke,
Hinunter ins Loch!
Erlaube, daß ich dich pflücke,
Sonst hau ich dir auf die Perücke,
Oller Knasterknoch.
Der alte Herr, mit Grimassen,
Tut seinen Krückstock fest fassen:
Was hast du hier aufzupassen,
Du Uhu du!
Weg da aus meinen Gassen,
Sonst will ich dich abschrammen lassen
zur Uriansruh!
Sein Krückstock saust behende
Auf die dürren, gierigen Hände,
Die Knöchel- und Knochenverbände:
Knicksknucksknacks.
Freund Hein schreit: Au, mach ein Ende!
Au, au, ich lauf ins Gelände
Nach Haus schnurstracks.
Noch heut lebt Herr Kunz von Karfunkel
Mit seiner verrunzelten Kunkel
Auf seinem Schlosse Punkpunkel
In Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte ist dunkel,
Es murmelt und raunt manch Gemunkel
Um seinen Turm.
Detlev von Liliencron (1844-1909)
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* der Autor geb. am 3. Juni 1844 in Kiel als Sohn eines dänischen
Zollbeamten, Liliencron, eigentlich Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron,
besucht nach Abbruch des Gymnasiums die Realschule in Erfurt u. eine Berliner
Kadettenschule, nach Auszeichnungen im Deutschen Krieg (1866) bzw. im Deutsch-Französischen
Krieg (1870/71), muss er später wegen Glücksspieles die Armee verlassen, danach
Aufenthalt in Amerika, wo er seinen Lebensunterhalt als Sprachlehrer, Klavierspieler
u. Maler bestreitet, von dort zurück tritt er 1882 in den Verwaltungsdienst,
nach 1887 freier Schriftsteller in München u. Berlin, 1883 erscheint sein
erster Gedichtband Adjutantenritte u. andere Gedichte, nachfolgende Bände
verschaffen ihm genügenden Bekanntheitsgrad, er erhält ein Ehrengehalt von
Wilhelm II. u. die Ehrendoktorwürde der Universität Kiel, er stirbt am 22.
Juli 1909 in Alt-Rahlstedt (heute ein Stadtteil Hamburgs) an einer Lungenentzündung.
** Buchtipps Detlev von Liliencron: Gedichte. Hrsg. v. Günter
Heintz Reclam Universal-Bibliothek Nr.7694, 5 EUR
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Kassandra
Freude war in Trojas Hallen,
Eh die hohe Feste fiel,
Jubelhymnen hört man schallen
In der Saiten goldnes Spiel.
Alle Hände ruhen müde
Von dem tränenvollen Streit,
Weil der herrliche Pelide
Priams schöne Tochter freit.
Und geschmückt mit Lorbeerreisern,
Festlich wallet Schar auf Schar
Nach der Götter heilgen Häusern,
Zu des Thymbriers Altar.
Dumpferbrausend durch die Gassen
Wälzt sich die bacchantsche Lust,
Und in ihrem Schmerz verlassen
War nur eine traurge Brust.
Freudlos in der Freude Fülle,
Ungesellig und allein,
Wandelte Kassandra stille
In Apollos Lorbeerhain.
In des Waldes tiefste Gründe
Flüchtete die Seherin,
Und sie warf die Priesterbinde
Zu der Erde zürnend hin:
"Alles ist der Freude offen
Alle Herzen sind beglückt,
Und die alten Eltern hoffen,
Und die Schwester steht geschmückt.
Ich allein muß einsam trauern,
Denn mich flieht der süße Wahn,
Und geflügelt diesen Mauern
Seh ich das Verderben nahn.
Eine Fackel seh ich glühen,
Aber nicht in Hymens Hand,
Nach den Wolken seh ichs ziehen,
Aber nicht wie Opferbrand.
Feste seh ich froh bereiten,
Doch im ahnungsvollen Geist
Hör ich schon des Gottes Schreiten,
Der sie jammervoll zerreißt.
Und sie schelten meine Klagen,
Und sie höhnen meinen Schmerz,
Einsam in die Wüste tragen
Muß ich mein gequältes Herz,
Von den Glücklichen gemieden
Und den Fröhlichen ein Spott!
Schweres hast du mir beschieden,
Pythischer, du arger Gott!
Dein Orakel zu verkünden,
Warum warfest du mich hin
In die Stadt der ewig Blinden
Mit dem aufgeschloßnen Sinn?
Warum gabst du mir zu sehen,
Was ich doch nicht wenden kann?
Das Verhängte muß geschehen,
Das Gefürchtete muß nahn.
Frommts, den Schleier aufzuheben,
Wo das nahe Schrecknis droht?
Nur der Irrtum ist das Leben,
Und das Wissen ist der Tod.
Nimm, o nimm die traurge Klarheit,
Mir vom Aug den blutgen Schein,
Schrecklich ist es, deiner Wahrheit
Sterbliches Gefäß zu sein.
Meine Blindheit gib mir wieder
Und den fröhlich dunkeln Sinn,
Nimmer sang ich freudge Lieder,
Seit ich deine Stimme bin.
Zukunft hast du mir gegeben,
Doch du nahmst den Augenblick,
Nahmst der Stunde fröhlich Leben,
Nimm dein falsch Geschenk zurück!
Nimmer mit dem Schmuck der Bräute
Kränzt ich mir das duftge Haar,
Seit ich deinem Dienst mich weihte
An dem traurigen Altar.
Meine Jugend war nur Weinen,
Und ich kannte nur den Schmerz,
Jede herbe Not der Meinen
Schlug an mein empfindend Herz.
Fröhlich seh ich die Gespielen,
Alles um mich lebt und liebt
In der Jugend Lustgefühlen,
Mir nur ist das Herz getrübt.
Mir erscheint der Lenz vergebens,
Der die Erde festlich schmückt,
Wer erfreute sich des Lebens,
Der in seine Tiefen blickt!
Selig preis ich Polyxenen
In des Herzens trunkenem Wahn,
Denn den besten der Hellenen
Hofft sie bräutlich zu umfahn.
Stolz ist ihre Brust gehoben,
Ihre Wonne faßt sie kaum,
Nicht euch Himmlische dort oben
Neidet sie in ihrem Traum.
Und auch ich hab ihn gesehen,
Den das Herz verlangend wählt,
Seine schönen Blicke flehen,
Von der Liebe Glut beseelt.
Gerne möcht ich mit dem Gatten
In die heimsche Wohnung ziehn,
Doch es tritt ein stygscher Schatten
Nächtlich zwischen mich und ihn.
Ihre bleichen Larven alle
Sendet mir Proserpina,
Wo ich wandre, wo ich walle,
Stehen mir die Geister da.
In der Jugend frohe Spiele
Drängen sie sich grausend ein,
Ein entsetzliches Gewühle,
Nimmer kann ich fröhlich sein.
Und den Mordstahl seh ich blinken
Und das Mörderauge glühn,
Nicht zur Rechten, nicht zur Linken
Kann ich vor dem Schrecknis fliehn,
Nicht die Blicke darf ich wenden,
Wissend, schauend, unverwandt
Muß ich mein Geschick vollenden,
Fallend in dem fremden Land." -
Und noch hallen ihre Worte,
Horch! da dringt verworrner Ton
Fernher aus des Tempels Pforte,
Tot lag Thetis' großer Sohn!
Eris schüttelt ihre Schlangen,
Alle Götter fliehn davon,
Und des Donners Wolken hangen
Schwer herab auf Ilion.
Friedrich Schiller
(1759-1805)
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Biographielink: http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/schiller.htm
* der Autor: geboren am 10. November 1759 in Marbach a. Neckar,
gestorben am 9. Mai 1805 in Weimar
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Frühlingsliebe
Ostern 1783.
Die Lerche sang, die Sonne schien,
Es färbte sich die Wiese grün,
Und braungeschwollne Keime
Verschönten Büsch' und Bäume:
Da pflückt' ich am bedornten See
Zum Strauß ihr, unter spätem Schnee,
Blau, rot und weißen Güldenklee.
Das Mägdlein nahm des Busens Zier,
Und nickte freundlich Dank dafür.
Nur einzeln grünten noch im Hain
Die Buchen und die jungen Mai'n;
Und Kresse wankt' in hellen
Umblümten Wiesenquellen:
Auf kühlem Moose, weich und prall,
Am Buchbaum, horchten wir dem Schall
Des Quelles und der Nachtigall.
Sie pflückte Moos, wo wir geruht,
Und kränzte sich den Schäferhut.
Wir gingen atmend, Arm in Arm,
Am Frühlingsabend, still und warm,
Im Schatten grüner Schlehen
Uns Veilchen zu erspähen:
Rot schien der Himmel und das Meer;
Mit einmal strahlte, groß und hehr,
Der liebe volle Mond daher.
Das Mägdlein stand und ging und stand,
Und drückte sprachlos mir die Hand.
Rotwangicht, leichtgekleidet saß
Sie neben mir auf Klee und Gras,
Wo ringsum helle Blüten
Der Apfelbäume glühten:
Ich schwieg; das Zittern meiner Hand,
Und mein bethränter Blick gestand
Dem Mägdlein, was mein Herz empfand.
Sie schwieg, und aller Wonn' Erguß
Durchströmt' uns beid' im ersten Kuß.
Johann Heinrich Voß (1751-1826)
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* der Autor geb. am 20. Februar 1751 in Sommersdorf/Mecklenburg
als Sohn eines verarmten Gastwirts und Zollverwalters, der als Schulmeister
starb, Besuch der Stadtschule in Penzlin und der Lateinschule in Neubrandenburg,
wegen seiner Armut musste er von 1769 bis 1772 unter widrigen Bedingungen
als Hofmeister auf einem Gut in Ankershagen arbeiten, sein späterer Schwager
Heinrich Christian Boie, der Herausgeber des »Göttinger Musenalmanachs«, förderte
ihn, in dem er ihn in Erwiderung auf eingesandte Gedichte, zum Studium nach
Göttingen einlud und unterstützte, Voß studierte Theologie, dann Philologie;
Hölty, Bürger, Boie, Miller, die Brüder Stolberg, Leisewitz, Cramer, Overbeck
u.a. gehörten zu seinem Freundeskreis, der den »Göttinger Hain« gründete,
1774 traf er mit Klopstock zusammenen, ein Aufenthalt in Wandsbek ließ ihn
mit Claudius, Lessing, Campe, Bode und Carl Philipp Emanuel Bach zusammenkommen,
1778 wurde er Rektor an der Lateinschule in Otterndorf an der Unterelbe, 1782
ging er nach Eutin, 1802 übersiedelte er nach Jena, wo er von Goethe besucht
wurde, 1805 erhielt er eine Professur an der Heidelberger Universität, er
starb am 29. März 1826 Heidelberg.
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Wetterregeln des Bunten Vogels
(Meinem Vater und meiner Mutter.)
Januar
An Fabian und Sebastian
Geh in den Keller, dreh auf den Hahn.
Februar
Wenn es um Lichtmeß stürmt und tobt,
Sei Grogk und Punsch gleich hochgelobt.
März
Gute Dinge sind Märzen-Ferkel und Märzen-Fohlen,
Aber die meisten Märzlieder soll der Kuckuck holen.
April
So lange die Dichter schweigen vor Georgi und Markustag
So lange dichten sie hernach.
Mai
Warmer Mai: Viel Stroh und Heu;
Ein paar Gedichte sind auch dabei.
Juni
Das erste Wetter brüllt,
Die erste Rose lacht,
Nun, bitt ich, Menschenkind,
Ein klar Gesicht gemacht!
Juli
Magdalene, Margarethe
Weinen gern allebeede.
Brauchst dir nichts daraus zu machen;
Andre Mädel giebts, die lachen.
August
Kräht der Dichter auf dem Mist,
Nennt er sich feierlich Naturalist,
Aber das Wetter bleibt doch, wies ist.
September
An Mariä Geburt Fliegen die ersten Schwalben furt,
Aber am Geburtstag der lieben Frau
Werden auch die ersten Trauben blau.
Oktober
Nach dem Tag Sankt Gall
Bleib die Kuh im Stall,
Nach dem Tag Lukas
Bleib der Mann am Faß.
November
Sankt Martin:
Feuer im Kamin;
Nun singe mit Luthern:
Laß fahren dahin!
Dezember
Eis hängt an den Weiden,
So ists an der Zeit.
Hat sichs ausgeschneit,
Wirst du Palmen schneiden.
Otto Julius Bierbaum (1865-1910)
aus: Irrgarten der Liebe
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der Autor: auch: Martin Möbius, geb. am 28.06.1865 in
Grünberg/ Schlesien als Sohn eines Gastwirts und Konditor, 1889 Abbruch seines
Jura- u. Philosophiestudiums (u.a. in Zürich, Leipzig, Dresden u. Berlin),
er lebt in München, Oberbayern, Berlin, Italien, Wien u. Dresden, Bierbaum
verfasste vor allem Chansons, Erzählungen und satirische Romane, er stirbt
am 1.2.1910 in Kötzschenbroda/Dresden
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Franziskas Abendlied
Weiß die Mutter doch so gut,
Wann die Apfel reifen,
Und ihr eigen Fleisch und Blut
Will sie nicht begreifen!
Wenn ich nicht so trostlos wär,
Ging's mir wohl um Treue;
Kommt das Glück von ungefähr.
Folgt ihm keine Reue.
Seht euch nur dies Leben an,
Hühner, Enten, Gänse -
Drüben schwingt der Schnittersmann
Schon die blanke Sense.
Baut ich auf den lieben Gott,
Baut auf meine Karten,
Ward bei beiden mir zum Spott,
Lernte fleißig warten!
Zwanzig Sommer sind vorbei,
Armes, kurzes Leben -
Hast nun einen süßen Mai
Heimlich doch gegeben!
Ist die Nacht nicht gar so still,
Stiller wird's am Tage;
Weiß man einmal, was man will,
Scheut man keine Plage.
Frank Wedekind (1864-1918)
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* der Autor geb. am 24.07.1864 als Sohn eines Arztes in Hannover,
Jura-Studium in München u. Zürich, Abbruch des Studium, Texter in der Werbebranche
u. Journalist (in den Jahren 1886 u. 1887 arbeitet er als Reklamechef des
Gewürzmittelherstellers Maggi), danach Zirkussekretär u. Dramaturg, zunächst
steht er unter Einfluss von Gerhart Hauptmann, später wendet er sich von Hauptmanns
Naturalismus ab u. bevorzugt neue dramatische Formen, wie (wie z.B. August
Strindberg u. Georg Büchner), ab 1895 freier Schriftsteller in Berlin, München,
Zürich, Dresden u. Leipzig, 1899 muss er wegen Majestätsbeleidigung für zwei
Jahre in Haft, um die Jahrhundertwende tritt er als Schauspieler in seinen
eigenen Stücken und als Kabarettist auf, Mitarbeiter der satirischen Zeitschrift
Simplicissimus, zwischen 1905 u. 1908 gehört er zum Ensemble des Deutschen
Theaters in Berlin, Heirat 1908, danach lässt er sich dauerhaft in München
nieder. Dort stirbt er am 9. März 1918.
** Buchempfehlungen Frank Wedekind. Mit Selbstzeugnissen und
Bilddokumenten.von Günther Seehaus
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Zur Beruhigung
Wir schlafen ganz, wie Brutus schlief -
Doch jener erwachte und bohrte tief
In Cäsars Brust das kalte Messer!
Die Römer waren Tyrannenfresser.
Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak.
Ein jedes Volk hat seinen Geschmack,
Ein jedes Volk hat seine Größe;
In Schwaben kocht man die besten Klöße.
Wir sind Germanen, gemütlich und brav,
Wir schlafen gesunden Pflanzenschlaf,
Und wenn wir erwachen, pflegt uns zu dürsten,
Doch nicht nach dem Blute unserer Fürsten.
Wir sind so treu wie Eichenholz,
Auch Lindenholz, drauf sind wir stolz;
Im Land der Eichen und der Linden
Wird niemals sich ein Brutus finden.
Und wenn auch ein Brutus unter uns wär,
Den Cäsar fänd er nimmermehr,
Vergeblich würd er den Cäsar suchen;
Wir haben gute Pfefferkuchen.
Wir haben sechsunddreißig Herrn
(Ist nicht zuviel!), und einen Stern
Trägt jeder schützend auf seinem Herzen,
Und er braucht nicht zu fürchten die Iden des Märzen.
Wir nennen sie Väter, und Vaterland
Benennen wir dasjenige Land,
Das erbeigentümlich gehört den Fürsten;
Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten.
Wenn unser Vater spazierengeht,
Ziehn wir den Hut mit Pietät;
Deutschland, die fromme Kinderstube,
Ist keine römische Mördergrube.
Heinrich Heine (1797-1856)
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aus: Neue Gedichte (1844)
* der Autor geb. am 13.12.1797 in Düsseldorf, gest. am 17.2.1856
in Paris Biographielink: http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine
** Buchempfehlungen Heine für Kinder Lebet wohl, wir kehren
nie, nie zurück von Bimini! Ausgewählt von Peter Härtling
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An die oberen Zehntausend
O kehrtet einmal Ihr aus den Palästen
Im dunstigen Dunkel enger Gassen ein!
O kehrtet einmal Ihr von Euren Festen
In's vierte Stockwerk, wo beim Oellichtschein
Blutarme Nähterinnen um den Bissen
Des lieben Brods zehn Stunden nähen müssen!
Kröcht' einmal Ihr mit Eurem Schmuck behangen
Zur Kellerwohnung, wo der Schuster flickt,
Sein armes Weib mit hungerbleichen Wangen
Den Säugling an die welken Brüste drückt,
Von Einer Mark oft sieben Menschen leben,
Die doch dem Kaiser noch den Groschen geben!
Es würd' Euch grausen, und in Eure Stirnen
Käm' flammengleich das Krösusblut gerollt,
Und durch den Puder Eurer feilen Dirnen
Bräch' sich die Schamgluth um das Sündengold,
Und wie, wenn Eise sich mit Feuern mischen,
Würd' Euch das Herz in frost'gen Schaudern zischen.
Ihr müßtet zittern, dächtet Ihr im Düster
Des Vorstadtelends an der Schlösser Pracht,
An Baldachin und Purpurbett und Lüster,
An Wein und Sillery und Wonnenacht
Und tausendfach müßt' Euch von allen Mauern
Vernichtung flammengrell entgegenschauern ...
Oskar Jerschke (1861-1928)
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aus: Wilhelm Arent (Hrg.): Moderne Dichter-Charaktere
Mit Einleitungen von Hermann Conradi und Karl Henckell.
Leipzig: Wilhelm Friedrich o.J. (1885)
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Der Fruehling kocht sich aus des Winters Reifen
Der Frühling kocht sich aus des Winters Reifen
Den Tau, den seine Kinder sollen trinken;
Er stimmt zum Morgenlied die muntern Zinken
Und schmückt sein grünes Haus mit Blütenschleifen.
Wohlauf, mein Herz, laß deine Blicke schweifen
Nach Blumen, die auf allen Fluren winken!
Landmädchen sind's, zur Rechten und zur Linken
Stehn sie geputzt; nach welcher willst du greifen?
Ach weh! statt zu ergreifen, selbst ergriffen
Bist du von einer jungen wilden Hecke,
Die scheint, sie wolle künftig Rosen tragen.
Jetzt trägt sie Dorne nur für dich geschliffen.
Ach, armes Herz, mir ahnt, es wird die kecke
Dir bitter dieses Sommers Lust zernagen.
Friedrich Rückert 1788-1866)
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Aus: Amaryllis, ein Sommer auf dem Lande Biographielink: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/rueckert.htm
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Gute Nacht
Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh' ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh' -
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.
Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit:
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such' ich des Wildes Tritt.
Was soll ich länger weilen,
Bis man mich trieb' hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus!
Die Liebe liebt das Wandern, -
Gott hat sie so gemacht -
Von Einem zu dem Andern -
Fein Liebchen, Gute Nacht!
Will dich im Traum nicht stören,
Wär' Schad' um deine Ruh',
Sollst meinen Tritt nicht hören -
Sacht, sacht die Thüre zu!
Ich schreibe nur im Gehen
An's Thor noch gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
Ich hab' an dich gedacht.
Wilhelm Müller (1794-1827)
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aus:
Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten
Die Winterreise
der Autor:
geb. am 7.10.1794 in Dessau; einziger überlebender von sechs Kindern einer
Dessauer Handwerkersfamilie, nach dem Schulbesuch widmet er sich ab 1812 in
Berlin philosophischen und historischen Studien,
1813 tritt er als Freiwilliger in das preußische Heer ein u. beteiligt sich
an den Schlachten gegen Napoleon bei Lützen, Bautzen, Hanau u. Kulm, im Anschluss
an das Studium tritt er im Auftrag der Berliner Akademie der Wissenschaften
eine Ägyptenreise an, die ihn aber wegen der Pest in Konstantinopel zunächst
nach Italien führt, 1819 Rückkehr nach Dessau, Tätigkeit als Gymnasiallehrer
für Latein u. Griechisch, kurze Zeit später wird er Bibliothekar der Hofbibliothek,
1824 zum Hofrat ernannt, er stirbt am 1.10.1827 an einem Herzschlag.
Seine Gedichte (z.B. "Der Lindenbaum", "Das Wandern ist des Müllers Lust")
wurden im 19. Jahrhundert häufig vertont.
Buchempfehlungen:
Die Winterreise
von Martina Bick, Franz Schubert, Wilhelm Müller
Ein Liederbuch, ein Gedichtband, ein Kurzgeschichtenbuch und ein Bilderbuch.
367 Seiten - Gerstenberg Verlagin November 2005 Taschenbuch, 144 Seiten
ISBN 3-938436-01-8, Preis: 9,90 EUR
|
Winterliche Stanzen
Nun sollen wir versagte Tage lange
ertragen in des Widerstandes Rinde;
uns immer wehrend, nimmer an der Wange
das Tiefe fühlend aufgetaner Winde.
Die Nacht ist stark, doch von so fernem Gange,
die schwache Lampe überredet linde.
Laß dichs getrösten: Frost und Harsch bereiten
die Spannung künftiger Empfänglichkeiten.
Hast du denn ganz die Rosen ausempfunden
vergangnen Sommers? Fühle, überlege:
das Ausgeruhte reiner Morgenstunden,
den leichten Gang in spinnverwebte Wege?
Stürz in dich nieder, rüttele, errege
die liebe Lust: sie ist in dich verschwunden.
Und wenn du eins gewahrst, das dir entgangen,
sei froh, es ganz von vorne anzufangen.
Vielleicht ein Glanz von Tauben, welche kreisten,
ein Vogelanklang, halb wie ein Verdacht,
ein Blumenblick (man übersieht die meisten),
ein duftendes Vermuten vor der Nacht.
Natur ist göttlich voll; wer kann sie leisten,
wenn ihn ein Gott nicht so natürlich macht.
Denn wer sie innen, wie sie drängt, empfände,
verhielte sich, erfüllt, in seine Hände.
Verhielte sich wie im Übermaß und Menge
und hoffte nicht noch Neues zu empfangen,
verhielte sich wie Übermaß und Menge
und meinte nicht, es sei ihm was entgangen,
verhielte sich wie Übermaß und Menge
mit maßlos übertroffenem Verlangen
und staunte nur noch, dass er dies ertrüge:
die schwankende, gewaltige Genüge.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
|
Buchempfehlung:
Wie soll ich meine Seele halten
Liebesgedichte von Rainer M. Rilke
Insel Verlag, 9,80 EUR
|
Schneeflocken
Gnädige Frau, es schneit, es schneit!
Tragen Sie heut Ihr weißes Kleid?
Gnädige Frau, hier in der Ferne
schneit's bei hellichtem Tage Sterne.
Und diese Sterne flimmern genau
wie die Zähne der gnädigen Frau.
Oder wie Blüten von weißem Flieder,
gnädige Frau, an Dero Mieder.
Oder die Blicke des Herrn Gemahls
am Tage Ihres Hochzeitsballs.
Nein, sie flimmern, ich kann mir nit helfen,
gnädige Frau, wie tanzende Elfen.
Hänseln jeglichen Parapluie;
will man sie fassen, zerflimmern sie.
Flimmern in Wirbeln, flimmern in Bildern,
die sind wirklich nit zu schildern.
Gnädige Frau, so wild, so mild
wie ein opalisch flimmerndes Bild.
Und, ach Gnädigste, diese Sterne
tanzen auf manchermanns Nase gerne.
Und auf solchermanns Nase, gnädige Frau,
zertanzen sie zu Thränentau.
Zertanzen sie wie kichernde Lieder:
morgen, morgen tanzen wir wieder!
Gnädige Frau, leb wohl! Schluß, Kuß!
Frechheit - aber wer muß, der muß.
Richard Dehmel (1863-1920)
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* der Autor: geb. am 18. November 1863 in Wendisch-Hermsdorf/Brandenburg,
Sohn eines Försters, Studium der Natur- u. Staatswissenschaften sowie Philosophie,
im Alter von 24 Jahren promoviert er in Leipzig, nach dem Studium 8-jährige
Tätigkeit in einer Versicherungsanstalt in Berlin, Kontakt zum Kreis der Berliner
Naturalisten um die Gebrüder Hart, zu ihm gehören u.a. Arno Holz, Michael
Georg Conrad und Otto Erich Hartleben, 1899 heiratet er Paula Oppenheimer,
die er schon seit 1886 kennt u. mit der er drei Kinder hat, seine ersten Gedichtbände
machen ihn wegen "Verletzung der religiösen und sittlichen Gefühle" deutschland-
weit bekannt, 1902 lässt er sich in Hamburg nieder, 1912 gründet er die Kleiststiftung,
bei Kriegsausbruch 1914 meldet er sich freiwillig, am 8. Februar 1920 stirbt
er an den Folgen einer Venenentzündung.
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Liebeslied
Ich bin eine Harfe
Mit goldenen Saiten,
Auf einsamem Gipfel
Über die Fluren
Erhöht.
Du lass die Finger leise
Und sanft darübergleiten,
Und Melodien werden
Aufraunen und aufrauschen,
Wie nie noch Menschen hörten.
Das wird ein heilig Klingen
Über den Landen sein.
Ich bin eine Harfe
Mit goldenen Saiten,
Auf einsamem Gipfel
Über die Fluren
Erhöht,
Und harre Deiner,
Oh Priesterin!
Dass meine Geheimnisse
Aus mir brechen
Und meine Tiefen
Zu reden beginnen
Und wie ein Mantel
Meine Töne
Um Dich fallen -
Ein Purpurmantel
Der Unsterblichkeit.
Christian Morgenstern (1871-1914)
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Biographielink: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/morgenst.htm
Buchtipp: Christian Morgenstern: Gesammelte Werke in einem Band
Piper Verlag, München, 615 Seiten, 13,90 Euro
|
Katzenpastete
Bewährt den Forscher der Natur
Ein frei und ruhig Schauen,
So folge Meßkunst seiner Spur
Mit Vorsicht und Vertrauen.
Zwar mag in einem Menschenkind
Sich beides auch vereinen;
Doch daß es zwei Gewerbe sind,
Das läßt sich nicht verneinen.
Es war einmal ein braver Koch,
Geschickt im Appretieren;
Dem fiel es ein, er wollte doch
Als Jäger sich gerieren.
Er zog bewehrt zu grünem Wald,
Wo manches Wildpret hauste,
Und einen Kater schoß er bald,
Der junge Vögel schmauste.
Sah ihn für einen Hasen an
Und ließ sich nicht bedeuten,
Pastetete viel Würze dran
Und setzt' ihn vor den Leuten.
Doch manche Gäste das verdroß,
Gewisse feine Nasen:
Die Katze, die der Jäger schoß,
Macht nie der Koch zum Hasen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
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Selbstgeworfnes
Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn -;
erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
den eine ewige Mitspielerin
dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
aus Gottes großem Brücken-Bau:
erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, -
nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar
zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,
nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
und schon geworfen hättest .....(wie das Jahr
die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
die eine ältre einer jungen Wärme
hinüberschleudert über Meere -) erst
in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
das Meteor und rast in seine Räume...
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
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der Autor geb am 4.12.1875 in Prag als Sohn eines Militärbeamten,
1886 bis 1891 Besuch der Militärschule St. Pölten, danach Militär-Oberrealschule
in Mährisch-Weißkirchen, Studium der Kunst- u. Literaturgeschichte in Prag,
München u. Berlin,
1899/1900 Rußlandreise mit Lou Andreas-Salomé, Begegnung mit Tolstoi,
1900 lässt er sich in der Malerkolonie Worpswede nieder u. heiratet die Bildhauerin
Clara Westhoff, von der er sich 1902 trennt,
1905 wird er für 8 Monate der Privatsekretär von Rodin in Paris, Reisen nach
Nordafrika, Ägypten, Spanien,
1911/12 lebt er auf Schloß Duino an der Adria bei der Fürstin Marie v. Thurn
u. Taxis, im 1. Weltkrieg in München, aus Gesundheitsgründen wird er aus dem
österreichischen Landsturm entlassen, nach Kriegsende
1920 in Berg am Irschel (Schweiz), ab 1921 auf Schloß Muzot im Kanton Wallis,
das ihm sein Mäzen Werner Reinhart zur Verfügung stellt, er stirbt am 29.12.1926
im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.
Hörempfehlung Rilke Projekt "Überfließende Himmel" Teil
III des Rilke Projekts mit den Stimmen von Sir Peter Ustinov, Ben Becker,
Hannelore Elsner u.v.a.
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In den Nachmittag geflüstert
Sonne, herbstlich dünn und zag,
Und das Obst fällt von den Bäumen.
Stille wohnt in blauen Räumen
Einen langen Nachmittag.
Sterbeklänge von Metall;
Und ein weißes Tier bricht nieder.
Brauner Mädchen rauhe Lieder
Sind verweht im Blätterfall.
Stirne Gottes Farben träumt,
Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel.
Schatten drehen sich am Hügel
Von Verwesung schwarz umsäumt.
Dämmerung voll Ruh und Wein;
Traurige Guitarren rinnen.
Und zur milden Lampe drinnen
Kehrst du wie im Traume ein.
Georg Trakl (1887-1914)
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der Autor: geb. am 3.02.1887 als Sohn
eines wohlhabenden Eisenhändlers in Salzburg, nach Abbruch der Schule versucht
er sich erfolglos als Pharmazeut, zu Beginn des 1. Weltkrieges geht er als
Militärapotheker an die Front, aufgrund seiner Erlebnisse während der Schlacht
bei Gródek, erleidet er einen Nervenzusammenbruch,
neben G. Heym, E. Stadler u. F. Werfel gehört er zu den bedeutendsten Vertretern
des deutschen Frühexpressionismus, das inzestuöse Verhältnis zu seiner Schwester
Margarethe fand in zahlreichen Gedichten seinen Niederschlag, in seiner von
Baudelaire u. Rimbaud beeinflussten Dichtung dominieren Metaphern der Trauer
und des Weltekels, seine Lyrik ist geprägt von Resignation Untergangsahnung,
er stirbt am 4.11.1914 im Feldlazarett bei Krakau an einer Überdosis Kokain,
nachdem er zuvor schon einige Male erfolglos versucht hatte, sich umzubringen
Buchtipp: Und wenn ich sonst nichts
von Belang mehr täte
Gedichte aus Lyrikmail 01-100
Koall Verlag, Berlin 2005, 144 S., 9,90 EUR, ISBN 3-938436-00-X
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Der Tag, der gestern vergangen
Gestern ist nicht heute mehr: Es ist weg,
es ist dahin.
Es verspührt, empfindet, fühlet, sieht und höret unser Sinn
Nichts von seiner Gegenwart. Gestern ist, wie ein Geschrey,
Das im Augenblick verschwindet, auch verschwunden und vorbey.
Alles gestrige Vergnügen, Lachen, Fröhlichkeit und Schertz
Ist nunmehr ein leeres Nichts. Aber auch ein bittrer Schmertz,
Der uns gestern drückt' und fraß, der uns Marck uns Bein durchwühlet,
Hat mit gestern aufgehört, und wird heute nicht gefühlet.
Eines Reichen fröhlichs Gestern ist mit allem seinen Prangen,
Und des Armen elend Gestern auch mit aller Noth vergangen.
Beydes bringt besondern Trost. Denn die kurtze Daur der Freuden
Tröstet alle, die nicht glücklich: Und, die Pein und Schmertzen leiden,
Werden ungemein gestärckt, wenn sie dieses überlegen,
Und die unleugbare Wahrheit dieser Lehre wohl erwegen:
Indem du gestern keine Plagen
Mehr fühlen kannst, noch darfst ertragen;
So mind're Kummer und Verdruß,
Und kräncke dich nicht mehr so sehr auf Erden.
Es wird, mit ungehemmtem Fluß,
Ein jedes Heute Gestern werden.
Barthold Hinrich Brockes (1680-1747)
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aus Brockes: Irdisches Vergnügen in Gott.
der Autor: geb. am 22.09.1680 in Hamburg, nach dem Tod des Vaters (1694) wächst
er allein bei seiner Mutter auf,
ab 1700 studiert er Jura und Philosophie in Halle,
1704 promoviert er in Leiden und kehrt dann nach Hamburg zurück,
1704 heiratet er, aus seiner Ehe gingen zwölf Kinder hervor,
1720 wird er Ratsherr in Hamburg, er tritt 1724 der Patriotischen Gesellschaft
bei,
wird 1728 Stadtrichter und zwei Jahre später Landrichter von 1742 an ist er
erster Landherr von Hamm und Horn,
er stirbt am 16.01.1747 in Hamburg.
Buchtipp: Irdisches Vergnügen in Gott. Naturlyrik und Lehrdichtung.
von Barthold Hinrich Brockes, Hans-Georg Kemper (Herausgeber)
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Genug oft
Genug oft, daß zwei Menschen sich berühren,
- nicht leiblich, geistig nur - daß sie sich»sehn«,
daß sie sich einmal gegenüberstehn -
um sich danach vielleicht auf immer zu verlieren.
Genug oft, daß ein Lächeln Zweier Seelen
vermählt - oh nicht vermählt! nur dies: sie führt,
so vor einander schweigend und erschüttert,
daß ihnen alle Wort' und Wünsche fehlen,
und jede, unaussprechlich angerührt,
nur tief vom Zittern der verwandten zittert.
Christian Morgenstern (1871-1914)
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Biographielink: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/morgenst.htm
Buchtipp: Christian Morgenstern: Gesammelte Werke in einem Band
Piper Verlag, München, 615 Seiten, 13,90 Euro