"Gedicht der Woche"

(zusammengestellt von Herrn Goldschmidt)

"Wer Gedichte veröffentlicht,
wirft ein Rosenblatt in den Grand Canyon
und wartet auf das Echo."

Donald Marquis (1878 - 1937)

neueste Gedichte sind oben

 

Fronleichnamsprozession

O weites Land des Sommers und der Winde,
Der reinen Wolken, die dem Wind sich bieten.
Wo goldener Weizen reift und die Gebinde
Des gelben Roggens trocknen in den Mieten.

Die Erde dämmert von den Düften allen,
Von grünen Winden und des Mohnes Farben,
Des schwere Köpfe auf den Stielen fallen
Und weithin brennen aus den hohen Garben.

Des Feldwegs Brücke steigt im halben Bogen,
Wo helle Wellen weiße Kiesel feuchten.
Die Wassergräser werden fortgezogen,
Die in der Sonne aus dem Bache leuchten.

Die Brücke schwankt herauf die erste Fahne.
Sie flammt von Gold und Rot. Die Seidenquasten
Zu beiden Seiten halten Kastellane
Im alten Chorrock, dem von Staub verblaßten.

Man hört Gesang. Die jungen Priester kommen.
Barhäuptig gehen sie vor den Prälaten.
Zu Flöten schallt der Meßgesang. Die frommen
Und alten Lieder wandern durch die Saaten.

In weißen Kleidchen kommen Kinder singend.
Sie tragen kleine Kränze in den Haaren.
Und Knaben, runde Weihrauchkessel schwingend,
Im Spitzenrock und roten Festtalaren.

Die Kirchenbilder kommen auf Altären.
Mariens Wunden brennen hell im Licht.
Und Christus naht, von Blumen bunt, die wehren
Die Sonne von dem gelben Holzgesicht.

Im Baldachine glänzt des Bischofs Krone.
Er schreitet singend mit dem heiligen Schrein.
Der hohe Stimmenschall der Diakone
Fliegt weit hinaus durch Land und Felderreihn.

Der Truhen Glanz weht um die alte Tracht.
Die Kessel dampfen, drin die Kräuter kohlen.
Sie ziehen durch der weiten Felder Pracht,
Und matter glänzen die vergilbten Stolen.

Der Zug wird kleiner. Der Gesang verhallt.
Sie ziehn dahin, dem grünen Wald entgegen.
Er tut sich auf. Der Glanz verzieht im Wald,
Wo goldne Stille träumt auf dunklen Wegen.

Der Mittag kommt. Es schläft das weite Land,
Die tiefen Wege, wo die Schwalbe schweift,
Und eine Mühle steht am Himmelsrand,
Die ewig nach den weißen Wolken greift.

Georg Heym (1887-1912)

aus: Heym. Ausgewählte Gedichte. (1912)
der Autor : geb. am 30. Oktober 1887 in Hirschberg (Schlesien).
Am 16. Januar 1912 verunglückte er tödlich beim Schlittschuhlaufen auf der Havel, als er einem Freund Ernst Balcke das Leben retten wollte. 1907 Abitur, dem väterlichen Wunsch entsprechend nahm Heym das Jurastudium auf. Er studierte in Würzburg und Jena und in Berlin, 1911 erste juristische Staatsprüfung, er schrieb sich am Orientalischen Seminar der Berliner Universität ein, um Dragoman zu werden; zugleich bewarb er sich bei mehreren Regimentern um eine Stelle als Offiziersanwärter, bereits zu Schulzeiten schrieb er Gedichte und verfasste seit Ende 1904 ein Tagebuch, das er bis zu seinem Tod weiterführte. Das letzte Heft trägt den bezeichnenden Titel 'Tagebuch des Georg Heym. Der nicht den Weg weiß'. Durch seine Lyrik wurde Heym mit dem Kreis des Berliner Neuen Clubs bekannt, in dem die damalige junge Generation von Dichtern sich versammelte. Daneben las er in Kurt Hillers Neopathetischem Cabaret, einem weiteren Forum des Expressionismus. 1911 erschien im Rowohlt-Verlag Heyms erfolgreicher Gedichtband 'Der ewige Tag'. 1912 kam 'Umbra vitae' heraus. Heym schrieb auch Erzählungen, die 1913 posthum im Sammelband 'Der Dieb. Ein Novellenbuch' veröffentlicht wurden. Einen weiteren Text zu Fronleichnam finden Sie hier: http://www.lyrikpost.de/blog/2005/05/26/lyrikmail-1040-grillparzer-fronleichnam/


Gottlieb Konrad Pfeffel (1736-1809)

Die Fackel

An Herrn Doctor Leß.

Als bange Finsterniß Egyptenland
Drey Tage lang auf Moses Wink bedeckte,
Gab Pharao Befehl, daß man am jähen Strand
Des Nils, wo seine Hofburg stand,
Auf einen Obelisk ein großes Windlicht steckte.
Kein Bürger war, wenn er die Straße zog
Und schauernd die Gefahr erwog,
Der den Monarchen nicht gesegnet hätte.
Der Fackelschein lockt aus der dicken Nacht
Auch einen Narrn herbey, der sich von seiner Kette
Mit wilder Stärke losgemacht.
Er gafft sie lachend an, klimmt auf die Pyramide
Und nimmt sie weg. Gleich einer Eumenide
Schwingt er sie durch die Luft, und steckt mit rascher Hand
Das ganze Schloßquartier in Brand.
Der Flamme falber Blitz durchstreift die schwarzen Nebel
Und füllt die Stadt mit Angst und Graus.
Nur das noch brauchten wir, schrie der ergrimmte Pöbel,
Verdammte Fackel, löscht sie aus!
Ihr haben wir dieß Unglück zuzuschreiben!
Nein, rief ein weiser Greis, die Fackel ist nicht Schuld;
Euch schenkte sie des Königs Huld
Die Finsternisse zu vertreiben.
Wie manchen irren Fuß hat sie
Dem Strom entwarnt! Ward sie von einem Tollen
Mißbraucht, so bindet ihn, sie hätte nie
In solche Hände fallen sollen.

Freund Gottes und mein Freund, der die Religion
Und ihres Stifters Ehre rächte,
Wenn doch der Spötter Zunft, wie dieser Alte dächte!
Sie schreibt die Bluthochzeit, die Inquisition
Und ganze Myriaden Uebel,
Geburten des Betrugs, der Tyranney,
Der Dummheit und der Schwärmerey,
Dreist auf die Rechnung unsrer Bibel,
Die lauter Weisheit lehrt und jede That verdammt,
Die nicht aus Menschenliebe stammt.

 

aus: Pfeffel. Fabeln und Erzählungen. 1761

* der Autor: geboren am 19. November 1921 in Bad Kösen/Saale, ist ein deutscher Kinderbuchautor.
geb. am 28.6.1736 in Colmar; gestorben am 1.5.1809 in Colmar.
Biographielink: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/pfeffel.htm
Peffels erfolgreiche Gelegenheitsgedichte wurden von Freunden ohne sein Wissen seit 1759 in der Straßburger Wochenschrift »Der Sammler« gedruckt. Peffel selbst druckte erstmals 1761 eine dreibändige Sammlung: Poetische Versuche, Frankfurt a. M. Diese Sammlung ergänzte u. veränderte Pfeffel später mehrfach, indem er inzwischen erschienene Gedicht- u. Fabelbände berücksichtigte.


Heinrich Heine (1797-1856)

Die Wahlesel

Die Freiheit hat man satt am End',
Und die Republik der Tiere
Begehrte, daß ein einz'ger Regent
Sie absolut regiere.

Jedwede Tiergattung versammelte sich,
Wahlzettel wurden geschrieben;
Parteisucht wütete fürchterlich,
Intrigen wurden getrieben.

Das Komitee der Esel ward
Von Alt-Langohren regieret;
Sie hatten die Köpfe mit einer Kokard',
Die schwarz-rot-gold, verzieret.

Es gab eine kleine Pferdepartei,
Doch wagte sie nicht zu stimmen;
Sie hatte Angst vor dem Geschrei
Der Alt-Langohren, der grimmen.

Als einer jedoch die Kandidatur
Des Rosses empfahl, mit Zeter
Ein Alt-Langohr in die Rede ihm fuhr,
Und schrie: "Du bist ein Verräter!

Du bist ein Verräter, es fließt in dir
Kein Tropfen vom Eselsblute;
Du bist kein Esel, ich glaube schier,
Dich warf eine welsche Stute.

Du stammst vom Zebra vielleicht, die Haut,
Sie ist gestreift zebräisch;
Auch deiner Stimme näselnder
Laut Klingt ziemlich ägyptisch-hebräisch.

Und wärst du kein Fremdling, so bist du doch nur
Verstandesesel, ein kalter;
Du kennst nicht die Tiefen der Eselsnatur,
Dir klingt nicht ihr mystischer Psalter.

Ich aber versenkte die Seele ganz
In jenes süße Gedösel;
Ich bin ein Esel, in meinem Schwanz
Ist jedes Haar ein Esel.

Ich bin kein Römling, ich bin kein Slaw';
Ein deutscher Esel bin ich,
Gleich meinen Vätern. Sie waren so brav,
So pflanzenwüchsig, so sinnig.

Sie spielten nicht mit Galanterei
Frivole Lasterspiele;
Sie trabten täglich, frisch-fromm-fröhlich-frei,
Mit ihren Säcken zur Mühle.

Die Väter sind nicht tot! Im Grab
Nur ihre Häute liegen,
Die sterblichen Hüllen. Vom Himmel herab
Schaun sie auf uns mit Vergnügen.

Verklärte Esel im Glorialicht!
Wir wollen euch immer gleichen
Und niemals von dem Pfad der Pflicht
Nur einen Fingerbreit weichen.

O welche Wonne, ein Esel zu sein!
Ein Enkel von solchen Langohren!
Ich möcht es von allen Dächern schrein:
Ich bin als ein Esel geboren.

Der große Esel, der mich erzeugt,
Er war von deutschem Stamme;
Mit deutscher Eselsmilch gesäugt
Hat mich die Mutter, die Mamme.

Ich bin ein Esel, und will getreu,
Wie meine Väter, die Alten,
An der alten, lieben Eselei,
Am Eseltume halten.

Und weil ich ein Esel, so rat ich euch,
Den Esel zum König zu wählen;
Wir stiften das große Eselreich,
Wo nur die Esel befehlen.

Wir alle sind Esel! I-A! I-A!
Wir sind keine Pferdeknechte.
Fort mit den Rossen! Es lebe, hurra!
Der König vom Eselsgeschlechte!"

So sprach der Patriot. Im Saal
Die Esel Beifall rufen.
Sie waren alle national,
Und stampften mit den Hufen.

Sie haben des Redners Haupt geschmückt
Mit einem Eichenkranze.
Er dankte stumm, und hochbeglückt
Wedelt' er mit dem Schwanze.

 

der Autor : geb. am 13.12.1797 in Düsseldorf, gest. am 17.2.1856 in Paris
Biographielink: http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine


Hugo von Hofmannsthal

Ballade des äußeren Lebens

Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
Und alle Menschen gehen ihre Wege.

Und süße Früchte werden aus den herben
Und fallen nachts wie tote Vögel nieder
Und liegen wenig Tage und verderben.

Und immer weht der Wind, und immer wieder
Vernehmen wir und reden viele Worte
Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.

Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
Und drohende, und totenhaft verdorrte ...

Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
Einander nie? und sind unzählig viele?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?

Was frommt das alles uns und diese Spiele,
Die wir doch groß und ewig einsam sind
Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?

Was frommts, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der "Abend" sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt

Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.

 


Karoline von Günderode (1780-1806)

Ägypten

Blau ist meines Himmels Bogen,
Ist von Regen nie umzogen,
Ist von Wolken nicht umspielt,
Nie vom Abendtau gekühlt.

Meine Bäche fließen träge,
Oft verschlungen auf dem Wege
Von der durstgen Steppe Sand
Bei des langen Mittags Brand.

Meine Sonn', ein gierig Feuer,
Nie gedämpft durch Nebelschleier,
Dringt durch Mark mir und Gebein
In das tiefste Leben ein.

Schwer entschlummert sind die Kräfte,
Aufgezehrt die Lebenssäfte;
Eingelullt in Fiebertraum
Fühl' ich noch mein Dasein kaum.

Die Autorin: geb. am 11. 2. 1780 in Karlsruhe, frühe Feundschaft mit Clemens Brentano u. Bettina v.n Arnim, Brentano entdeckt ihr dichterisches Talent, Goethe nennt ihr 1804 unter dem Pseudonym "Tian" erschienenes Buch: "eine wirklich merkwürdige Erscheinung", 1805 veröffentlicht sie die "Poetischen Fragmente", am 26. Juli 1806 ertränkt sie sich im Rhein aus unglücklicher Liebe zu dem für sie unerreichbar erscheinenden Heidelberger Sprachforscher Friedrich Creutzer.

Buch-Tipp: Bettina von Arnim: Die Günderode "Man kann das Buch aufschlagen, wo man will, auf jeder Seite trifft man auf Sätze, die bedacht und unterstrichen, herausgenommen und gewendet werden wollen" (Die Zeit). Insel Verlag Frankfurt, 15 Euro


 

Theodor Fontane

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: "Junge, wiste 'ne Beer?"
Und kam ein Mädel, so rief er: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn".
So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: "Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab."
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Bündner mit Feiergesicht
Sangen "Jesus meine Zuversicht".
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
"He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?"
So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was er damals tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.
Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: "Wiste 'ne Beer?"
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn."
So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

 


 

Anonym

Merseburger Zaubersprüche

I
Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuoniowidi:
insprinc haptbandun, invar vigandun.
I
Einmal setzten sich Frauen, saßen hier, saßen dort.
Einige hefteten Fesseln fest, einige hielten das Heer auf,
einige griffen an die starken Stricke:
"Entspring den Fesseln, entkomm den Feinden!"

II
Phol ende Wuodan vuorun zi holza.
du wart demo Balderes volon sin vuoz birenkit.
thu biguol en Sin gunt, Sunna era swister;
thu biguol en Friia, Volla era swister;
thu biguol en Wuodan, so he wola conda:
sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin.

 

II
Vol und Wodan ritten in den Wald.
Da wurde dem Fohlen von Balder der Lauf verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, [und] Sonne, ihre Schwester;
da besprach ihn Freia, [und] Volla, ihre Schwester;
da besprach ihn Wodan, wie er es vollendet konnte:
"Wie die Knochenheilung, so die Blutheilung, so die Gliederheilung:
Knochen zu Knochen, Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, als ob sie aneinander geleimt seien!"

Die ausführlichen Anmerkungen zu diesem Text lesen Sie hier: http://lyrikpost.de/blog/index.php/2007/06/14/355/ ---
Text des Originals: Frühe deutsche Literatur und lateinische Literatur in Deutschland 800-1150.
Herausgegeben von Walter Haug und Benedikt Konrad Vollmann. Frankfurt am Main 1991.
Übersetzung: Martin Schuhmann Kontakt:
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/inst_ii/ADL/mitglieder/schuhmann/


 

Walther von der Vogelweide

Saget mir ieman, waz ist minne?

I
Saget mir ieman, waz ist minne?
weiz ich des ein teil, sô west ich es gerne mê.

der sich baz denne ich versinne,
der berihte mich, durch waz si tuot sô wê.
minne ist minne, tuot si wol;
tuot si wê, so enheizet si niht rehte minne.
sus enweiz ich, wie si denne heizen sol.

Walther von der Vogelweide

Sagt mir jemand, was die Liebe ist?

I
Sagt mir jemand, was die Liebe ist?
Auch wenn ich einiges darüber weiß,
                so wüsst' ich gern noch mehr.
Wer klüger ist als ich,
der erkläre mir, warum sie so weh tut.
Liebe ist dann Liebe, wenn sie gut tut.
Tut sie weh, dann heißt sie zu Unrecht Liebe,
dann weiß ich nicht, wie man sie nennen soll.

II
Ob ich rehte râten kunne
waz die minne sî, so sprechent denne jâ.
minne ist zweier herzen wunne:
teilent sie gelîche, so ist die minne dâ.

Sol sie aber ungeteilet sîn,
sônekan sie ein herze aleine niht enthalden.
owê, woltestû mir helfen, vrouwe mîn!

II
Wenn ich richtig zu raten verstehe,
was die Liebe ist, so ruft sofort alle "Ja!".
Liebe ist Glückseligkeit für zwei Herzen:
Teilen sie beide [die Liebe] gleich,
                  dann ist die Liebe da.
Wenn es aber kein Teilen geben soll,
dann ist die Liebe für ein Herz allein zu viel.
Ach, wenn du mir nur beistehen wolltest, meine Dame!

III
Frouwe, ich trage ein teil zuo swære,
wellest dû mir helfen, sô hilf an der zît.
sî aber ich dir gar unmære,
daz sprich endeclîche: so lâz ich den strît,

Und bin von dir ein ledic man.
dû solt aber einez rehte wizzen, vrouwe:
daz dich lützel ieman baz geloben kan.

III
Herrin, ich trage etwas, das zu schwer für mich ist.
Wenn du mir helfen willst, dann beeile dich.
Bin ich dir jedoch ganz egal,
dann sag es ein für alle Mal: Dann geb ich den
                                       Kampf auf
und bin wieder ein freier Mann von dir.
Über eines musst du dir aber ganz im Klaren sein:
Dass dich fast niemand besser loben kann [als ich].

IV
Ich wil alsô singen immer,
daz si danne sprechen: ,erne sanc nie baz'.
desne gedanktestu mir nimmer!
daz verwîz ich dir alrêst, sô denne daz.
Weistû, wie sie wünschen dir?
,daz si sæelic sî, durch die man uns sus singet!'
sich, vrouwe, den gemeinen wunsch hâstû ouch von mir!

IV
Ich werde jetzt immer so singen,
dass sie danach sagen: 'Er sang nie besser'.
Dafür wirst du mir auch nicht danken!
Das werde ich dir immer vorwerfen.
Weißt du, was sie dir wünschen?
'Selig sei die, um derentwillen man uns so singt!'
Sieh her, Dame, diesen allgemeinen Wunsch
                     verdankst du mir auch!

V
Kan min vrouwe süeze siuren?
wænet sie, daz ich ir liep gebe umbe leit?

Solt ich sie dar umbe tiuren
daz si sich kêre an mîn unwerdekeit?
Sô kunde ich unrehte spehen.
wê, waz rede ich ôrlôser und ougen âne?
swen die minne blendet, wie mac der gesehen?

V
Kann meine Dame süße Sachen sauer machen?
Denkt sie, dass ich ihr Freude gebe,
                              um Leid zurückzubekommen?
Sollte ich sie darum preisen,
damit sie sich mit meiner Unwürdigkeit beschäftigt?
Dann könnte ich nicht richtig sehen!
Ach, was sag ich ohrenloser, augenloser Mann?
Der, den die Liebe blendet - wie kann der denn sehen?

* der Autor
Über mittelhochdeutsche Autoren wissen wir (fast) nichts sicher, über Walther, den wahrscheinlich bedeutendsten, aber sicher vielseitigsten deutschen Minnesänger, wenigstens eine Kleinigkeit: Er hat am 12. November 1203 in Zeiselmauer bei Wien vom Passauer Bischof Geld erhalten, um einen Pelzrock zu kaufen. Sonst hat Walther sein Leben wohl als fahrender Berufssänger verbracht: In seinen Liedern spricht er von einer Ausbildung als Minnesänger und Spruchdichter am österreichischen Hof in Wien, und dass er diesen Hof später verlassen musste. Darauf hat er an vielen verschiedenen Höfen gesungen und wechselnden Herren mit seiner politischen Liedkunst gedient. Im Lusamgärtlein des Würzburger Neumünsters wird heute noch sein Grab gezeigt, vielleicht liegt Walther dort auch.
* Buchempfehlung : Walther von der Vogelweide. Leich - Lieder - Sangsprüche.

 


 

Wilhelm Busch (1832-1908)

Trauriges Resultat einer vernachlässigten Erziehung


Ach, wie oft kommt uns zu Ohren,
Daß ein Mensch was Böses tat,
Was man sehr begreiflich findet,
Wenn man etwas Bildung hat.

Manche Eltern sieht man lesen
In der Zeitung früh bis spät;
Aber was will dies bedeuten,
Wenn man nicht zur Kirche geht!

Denn man braucht nur zu bemerken,
Wie ein solches Ehepaar
Oft sein eignes Kind erziehet.
Ach, das ist ja schauderbar!

Ja, zum Ins-Theater-Gehen,
Ja, zu so was hat man Zeit
Abgesehn von andren Dingen -
Aber wo ist Frömmigkeit?

Zum Exempel, die Familie,
Die sich Johann Kolbe schrieb,
Hat es selbst sich zuzuschreiben,
Daß sie nicht lebendig blieb.

Einen Fritz von sieben Jahren
Hatten diese Leute bloß,
Außerdem, obschon vermögend,
Waren sie ganz kinderlos.

Nun wird mancher wohl sich denken:
Fritz wird gut erzogen sein,
Weil ein Privatier sein Vater;
Doch da tönt es leider: Nein!

Alles konnte Fritzchen kriegen,
Wenn er seine Eltern bat,
Äpfel-, Birnen-, Zwetschgenkuchen,
Aber niemals guten Rat.

Das bewies der Schneider Böckel,
Wohnhaft Nr. 5 am Eck;
Kaum daß dieser Herr sich zeigte,
Gleich schrie Fritzchen: "Meck, meck, meck!"

Oftmals, weil ihn dieses kränkte,
Kam er und beklagte sich,
Aber Fritzchens Vater sagte:
Dieses wäre lächerlich.

Wozu aber soll das führen,
Ganz besonders in der Stadt,
Wenn ein Kind von seinen Eltern
Weiter nichts gelernet hat?

So was nimmt kein gutes Ende. -
Fast verging ein ganzes Jahr,
Bis der Zorn in diesem Schneider
Eine schwarze Tat gebar.

Unter Vorwand eines Kuchens
Lockt er Fritzchen in sein Haus,
Und mit einer großen Schere
Bläst er ihm das Leben aus.

Kaum hat Böckel dies verbrochen,
Als es ihn auch schon geniert,
Darum nimmt er Fritzchens Kleider,
Welche grün und blau kariert.

Fritzchen wirft er schnell ins Wasser,
Daß es einen Plumpser tut,
Kehrt beruhigt dann nach Hause,
Denkend: So, das wäre gut!

Ja, es setzte dieser Schneider
An die Arbeit sich sogar,
Welche eines Tandlers Hose
Und auch sehr zerrissen war.

Dazu nahm er Fritzchens Kleider,
Weil er denkt: Dich krieg' ich schon!
Aber ach! Ihr armen Eltern,
Wo ist Fritzchen, euer Sohn?

In der Küche steht die Mutter,
Wo sie einen Fisch entleibt,
Und sie macht sich große Sorge:
Wo nur Fritzchen heute bleibt?

Als sie nun den Fisch aufschneidet,
Da war Fritz in dessen Bauch. -
Tot fiel sie ins Küchenmesser,
"Fritzchen!" war ihr letzter Hauch.

Wie erschrak der arme Vater,
Der grad eine Prise nahm;
Heftig fängt er an zu niesen,
Welches sonst nur selten kam.

Stolpern und durchs Fenster stürzen,
Ach, wie bald ist das geschehn!
Ach! Und Fritzchens alte Tante
Muß auch grad vorübergehn.

Dieser fällt man auf den Nacken,
Knacks! Da haben wir es schon! -
Beiden teuren Anverwandten
Ist die Seele sanft entflohn.

Drob erstaunten viele Leute,
Und man munkelt allerlei,
Doch den wahren Grund der Sache
Fand die wackre Polizei.

Nämlich eins war gleich verdächtig:
Fritz hat keine Kleider an!
Und wie wäre so was möglich,
Wenn es dieser Fisch getan?

Lange fand man keinen Täter,
Bis man einen Tandler fing,
Der, es war ganz kurz nach Ostern,
Eben in die Kirche ging.

Ein Gendarm, der auf der Lauer,
Hatte nämlich gleich verspürt,
Daß die Hose dieses Tandlers
Hinten grün und blau kariert.

Und es war ein dumpf' Gemurmel
Bei den Leuten in der Stadt,
Daß 'ne schwarze Tandlerseele
Dieses Kind geschlachtet hat.

Hochentzücket führt den Tandler
Man zur Exekution;
Zwar er will noch immer mucksen,
Aber wupp! Da hängt er schon. -

Nun wird mancher hier wohl fragen:
Wo bleibt die Gerechtigkeit?
Denn dem Schneidermeister Böckel
Tut bis jetzt man nichts zuleid.

Aber in der Westentasche
Des verstorbnen Tandlers fand
Man die Quittung seiner Hose
Und von Böckeis eigner Hand.

Als man diese durchgelesen,
Schöpfte man sogleich Verdacht,
Und man sprach zu den Gendarmen:
"Kinder, habt auf Böckel acht!"

Einst geht Böckel in die Kirche.
Plötzlich fällt er um vor Schreck,
Denn ganz dicht an seinem Rücken
Schreit man plötzlich: "Meck, meck, meck!"

Dies geschah von einer Ziege;
Doch für Böckel war's genug,
Daß sein schuldiges Gewissen
Ihn damit zu Boden schlug.

Ein Gendarm, der dies verspürte,
Kam aus dem Versteck herfür,
Und zu Böckel hingewendet,
Sprach er: "Böckel, geh mit mir!"

Kaum noch zählt man 14 Tage,
Als man schon das Urteil spricht:
Böckel sei aufs Rad zu flechten.
Aber Böckel liebt dies nicht.

Ach! Die große Schneiderschere
Ließ man leider ihm, und schnapp!
Schnitt er sich mit eignen Händen
Seinen Lebensfaden ab.

Ja, so geht es bösen Menschen.
Schließlich kriegt man seinen Lohn.
Darum, o ihr lieben Eltern,
Gebt doch acht auf euern Sohn.

aus: Fliegende Blätter und Münchner Bilderbogen 1859 - 1864
Biographielink: http://www.wilhelm-busch.de/biografie.php


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