"Gedicht der Woche"

(zusammengestellt von Herrn Goldschmidt)

"Wer Gedichte veröffentlicht,
wirft ein Rosenblatt in den Grand Canyon
und wartet auf das Echo."

Donald Marquis (1878 - 1937)

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Maifest
von Johann Wolfgang von Goethe

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne,
O Glück, o Lust,

O Lieb', o Liebe,
So golden schön
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn,

Du segnest herrlich
Das frische Feld -
Im Blütendampfe
Die volle Welt!

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich!
Wie blinkt dein Auge,
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst.

 


Unsere Zeit

Es ist die Zeit des stummen Weltgerichts;
In Wasserfluten nicht und nicht in Flammen:
Die Form der Welt bricht in sich selbst zusammen,
Und dämmernd tritt die neue aus dem Nichts.

Der Dichter zeigt im Spiegel des Gedichts,
Wie Tag und Nacht im Morgenrot verschwammen,
Doch wird er nicht beschwören, nicht verdammen,
Der keusche Priester am Altar des Lichts.

Er soll mit reiner Hand des Lebens pflegen,
Und, wie er für des Frühlings erste Blüte
Ein Auge hat, und sie mit Liebe bricht:

So darf er auch des Herbstes letzten Segen
Nicht übersehn, und die zu spät erglühte
Nicht kalt verschmähen, wenn den Kranz er flicht.

Friedrich Hebbel (1813-1863)

Der Autor: geb. am 18.03.1813 als Christian Friedrich Hebbel in Wesselburen als Sohn eines Maurers,
sein Vater stirbt völlig verarmt als Hebbel 14 Jahre alt ist, nach dem Tod des Vaters beginnt er eine Boten- und Schreibertätigkeit beim Kirchspielvogt Mohr, erste Veröffentlichungen in Provinzblättern, in Hamburg verliebt er sich in die Näherin Elise Lensing, 1836-39 studiert er in Heidelberg und München, er hört Vorlesungen in Jura, Geschichte, Literatur u. Philosophie, ein Reisestipendium des dänischen Königs ermöglicht den Aufenthalt in Kopenhagen (1842-43), ab 1845 lebt er in Wien, heiratet die Burgschauspielerin Christine Engelshausen, wird finanziell unabhängig, er stirbt am 13.12. 1863 an Rheuma.


Petöfi dem Sonnengott

Wie Vögel, die kaum befiedert im Frühlicht flattern,
Nächtlich aufrauschen im Nest, - schlummertrunken, -
Wähnend im Schlaf sich zu heben gen Abend oder gen Morgen:
So aus Träumen auffahrend, ungewohnt schwebender Fühlung,
Nicht ihr vertrauend - sinket betäubt ihr zurück,
Schüchterne Vögel, Gedanken.
Nacht ist's! - Betheuert der Mond euch und glitzernde Sterne,
Die Flügel verschränkt, duckt ihr zusammen im Nest;
Da schwellen Träume euch den Busen.
Aus der umfangenden Eos Saffrangebinde
Windeln sich los - so träumt ihr - die Morgenwinde und tragen
Goldbewimpelt glorreich durchs leuchtende Blau
Euer Gefieder Helikons Gipfel hinan
Zur schwankenden Flut, die sein Bild malt dem Narciß,
Und er liebt sich in ihr - nur des Liebenden Spiegel ist Liebe -
Wie ihm - schönheitslusttrunken euerm Abglanz zu lauschen
Auf sonniger Welle - sendet lieblich der heitere Gott,
Euch umleuchtend, euer Antlitz zurück euch -
Träumende Vögel, Gedanken!
Und hymnenbeschwingt, durchrudert ihr rhythmusströmenden Lüfte,
Dem tönenden Schwan nach, der frei von der Sorge Befleckung
Siegender Feuer kraftvoll - das trübe Leben, das sterblich nur ist
Über die alles schauende Zeit,
Zum hochwolkigen Zeus
Mit unsterblichem Liede hinauftönt,
Oder in wolkensammelnder Gewitter Sturmbett,
Über Donnergeprassel und wirbelnder Purpurglut
Getragen euch bringt mit sausendem Fittig.
Euch durchschauern nicht am nachtgedeckten Himmel
Die hintreibenden Winde. Denn warm eingehüllt ganz
In deiner Strahlen goldnem Schnee
Wenden das Antlitz sie dir zu, Apollon,
Der herablächelnd wieder sie anglühest, Phöbus Apollon!
Und tönest - so wähnen sie träumend und lauschen -
Zärtlichen Wiegengesang ihnen zu.
Willst du die alles schauende Zeit nicht hinein haben, so laß sie hinaus.
Und während Dunkel auf irrenden Pfaden
Der Menschen Geschicke umkreist,
Preisen den ahnungsvollen Tag sie
In sonnedurchschimmerter Nacht, dir geheiligt, o Taggott.
O wieder zu früh macht Geräusch ihr Phäanszwitschern! -
Horche, Lichtspender! Eh' noch dein siegendes Lied
Mächtig dem Widerhall ruft, dem Jo, im Traum ihr gesungen,
Süßer Zärtlichkeit voll, schlummerempfangen von dir.

Doch jetzt weckt Mondlicht sie,
Das jenseit der Haine scheidend herabsinkt;
Silbern leuchtet der Fluß durch Morgennebel,
Die halb du zerteilest, Himmelwandelnder!
Wie flockigte Herden hinab zur Flut sie treibend.
Schon streift die frühe Schwalbe
Mit schneidendem Flug die kreiselnden Wasser, -
Durchkreuzt lustatmend deine Bahn.
In heiterer Bläue fängt ihr nächtlich Gefieder
Deiner Pfeile blitzenden Glanz auf,
Und am weiten Himmelsbogen erspäht sie
Allein nur deines Tempels Zinne, schützender Gott,
Ihr Nest zu bauen.

So, Leuchtender! der die Himmelsfesten durchmißt,
Ermesse an deines Tempels Gebälk
Mir den Raum - klein, wie ein Vöglein bedarf -
Wo ich schlafe, in Träumen dir nach mich schwingend,
Wo dein frühester Strahl mich weckt
Und wie die Schwalbe die Flügel ich netze im Quell
Zwischen Reigen goldumschleierter Musen
Silbern - dem Rossehuf entsprudelnd - hinab vom Gipfel,
Der von allen stolzen Gebirgen zuerst am Morgen
Den purpurhüllenden Mantel abwirft vom Nacken,
Deinem feuerküssenden Strahl.
Dann wie die Schwalbe durchkreuz ich deine Bahn
Mit morgenfrischem Hauch, fort bis zum Abend
In deinem Licht, milder Gott, mich freuend,
Und beseligt, daß dein ich gehöre,
Berg ich, beim Sternenlicht im Nest mich am Tempel,
Wo du, Wissender! der Menschen sterbliche Sinne
Unsterblich erleuchtest.
Da schlaf süß ich - in Träumen schüchtern deiner Saiten Spiel rührend,
Und mich freuet ihr Klang, wie denn selber du anschlägst das Erz.
Gewaltiger! - geheimnisvoll emporblühende Göttersprache strömend.
Dann in geträumten Zwielicht blitzet vergoldet der Hain
Des heiligen Lorber, und am wankenden Zweig
Bersten schwellende Knospen dem kommenden Tag.

Bettina von Arnim (1785-1859)

Sándor Petöfi (1823-1849), ungarischer Dichter und Revolutionsheld,
fiel im ungarischen Freiheitskampf am 31.7.1849 bei Schäßburg

die Autorin: Bettina von Arnim, geb. Brentano.
geboren am 4. 4. 1785 in Frankfurt am Main,
gestorben am 20. 1. 1859 in Berlin. http://www.wortblume.de/dichterinnen/arnim_b.htm


"Der Rabe" - von Edgar Allan Poe

Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich
müde über manchem alten Folio lang vergess'ner Lehr'-
da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen,
gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her.
"'s ist Besuch wohl", murrt' ich, "was da pocht so knöchern zu mir her -
das allein - nichts weiter mehr.

Ah, ich kann's genau bestimmen: im Dezember war's, dem grimmen,
und der Kohlen matt Verglimmen schuf ein Geisterlicht so leer.
Brünstig wünscht' ich mir den Morgen;- hatt' umsonst versucht zu borgen
von den Büchern Trost dem Sorgen, ob Lenor' wohl selig wär'-
ob Lenor', die ich verloren, bei den Engeln selig wär'-
bei den Engeln - hier nicht mehr.

Und das seidig triste Drängen in den purpurnen Behängen
füllt', durchwühlt' mich mit Beengen, wie ich's nie gefühlt vorher;
also daß ich den wie tollen Herzensschlag mußt' wiederholen:
"'s ist Besuch nur, der ohn' Grollen mahnt, daß Einlaß er begehr'-
nur ein später Gast, der friedlich mahnt, daß Einlaß er begehr':-
ja, nur das - nichts weiter mehr."

Augenblicklich schwand mein Bangen, und so sprach ich unbefangen:
"Gleich, mein Herr - gleich, meine Dame - um Vergebung bitt' ich sehr;
just ein Nickerchen ich machte, und Ihr Klopfen klang so sachte,
daß ich kaum davon erwachte, sachte von der Türe her -
doch nun tretet ein!" - und damit riß weit auf die Tür ich - leer!
Dunkel dort - nichts weiter mehr.

Tief ins Dunkel späht' ich lange, zweifelnd, wieder seltsam bange,
Träume träumend, wie kein sterblich Hirn sie träumte je vorher;
doch die Stille gab kein Zeichen; nur ein Wort ließ hin sie streichen
durch die Nacht, das mich erbleichen ließ: das Wort "Lenor'?" so schwer -
selber sprach ich's, und ein Echo murmelte's zurück so schwer:
nur "Lenor'!" - nichts weiter mehr.

Da ich nun zurück mich wandte und mein Herz wie Feuer brannte,
hört' ich abermals ein Pochen, etwas lauter denn vorher.
"Ah, gewiß", so sprach ich bitter, "liegt's an meinem Fenstergitter;
Schaden tat ihm das Gewitter jüngst - ja, so ich's mir erklär';-
schweig denn still, mein Herze, lass mich nachsehn, daß ich's mir erklär':-
's ist der Wind - nichts weiter mehr!"

Auf warf ich das Fenstergatter, als herein mit viel Geflatter
schritt ein stattlich stolzer Rabe wie aus Sagenzeiten her;
Grüßen lag ihm nicht im Sinne; keinen Blick lang hielt er inne;
mit hochherrschaftlicher Miene flog empor zur Türe er -
setzt' sich auf die Pallas-Büste überm Türgesims dort - er
flog und saß - nichts weiter mehr.

Doch dies ebenholzne Wesen ließ mein Bangen rasch genesen,
ließ mich lächeln ob der Miene, die es macht' so ernst und hehr:
"Ward dir auch kein Kamm zur Gabe", sprach ich, "so doch stolz Gehabe,
grauslich grimmer alter Rabe, Wanderer aus nächtger Sphär'-
sag, welch hohen Namen gab man dir in Plutos nächtger Sphär'?"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

Staunend hört' dies rauhe Klingen ich dem Schnabel sich entringen,
ob die Antwort schon nicht eben sinnvoll und bedeutungsschwer;
denn wir dürfen wohl gestehen, daß es keinem noch geschehen,
solch ein Tier bei sich zu sehen, das vom Türgesimse her -
das von einer Marmor-Büste überm Türgesimse her
sprach, es heiße "Nimmermehr."

Doch der droben einsam ragte und dies eine Wort nur sagte,
gleich als schütte seine Seele aus in diesem Worte er,
keine Silbe sonst entriß sich seinem düstren Innern, bis ich
seufzte: "Mancher Freund verließ mich früher schon ohn' Wiederkehr -
morgen wird er mich verlassen, wie mein Glück - ohn' Wiederkehr."
Doch da sprach er, "Nimmermehr!"

Einen Augenblick erblassend ob der Antwort, die so passend,
sagt' ich, "Fraglos ist dies alles, was das Tier gelernt bisher:
's war bei einem Herrn in Pflege, den so tief des Schicksals Schläge
trafen, daß all seine Wege schloß dies eine Wort so schwer -
daß' all seiner Hoffnung Lieder als Refrain beschloß so schwer
dies "Nimmer - nimmermehr."

Doch was Trübes ich auch dachte, dieses Tier mich lächeln machte,
immer noch, und also rollt' ich stracks mir einen Sessel her
und ließ die Gedanken fliehen, reihte wilde Theorien,
Phantasie an Phantasien: wie's wohl zu verstehen wär'-
wie dies grimme, ominöse Wesen zu verstehen wär',
wenn es krächzte "Nimmermehr."

Dieses zu erraten, saß ich wortlos vor dem Tier, doch fraß sich
mir sein Blick ins tiefste Innre nun, als ob er Feuer wär';
brütend über Ungewissem legt' ich, hin und her gerissen,
meinen Kopf aufs samtne Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr -
auf das violette Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr,
doch nun, ach! drückt nimmermehr!

Da auf einmal füllten Düfte, dünkt' mich, weihrauchgleich die Lüfte,
und seraphner Schritte Klingen drang vom Estrich zu mir her.
"Ärmster", rief ich, "sieh, Gott sendet seine Engel dir und spendet
Nepenthes, worinnen endet nun Lenor's Gedächtnis schwer;-
trink das freundliche Vergessen, das bald tilgt, was in dir schwer!"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

"Ah, du prophezeist ohn' Zweifel, Höllenbrut! Ob Tier, ob Teufel -
ob dich der Versucher sandte, ob ein Sturm dich ließ hierher,
trostlos, doch ganz ohne Bangen, in dies öde Land gelangen,
in dies Haus, von Graun umpfangen,- sag's mir ehrlich, bitt' dich sehr -
gibt es - gibt's in Gilead Balsam?- sag's mir - sag mir, bitt' dich sehr!"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

"Ah! dann nimm den letzten Zweifel, Höllenbrut - ob Tier, ob Teufel!
Bei dem Himmel, der hoch über uns sich wölbt - bei Gottes Ehr'-
künd mir: wird es denn geschehen, daß ich einst in Edens Höhen
darf ein Mädchen wiedersehen, selig in der Engel Heer -
darf Lenor', die ich verloren, sehen in der Engel Heer?"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

"Sei denn dies dein Abschiedszeichen", schrie ich, "Unhold ohnegleichen!
Hebe dich hinweg und kehre stracks zurück in Plutos Sphär'!
Keiner einz'gen Feder Schwärze bleibe hier, dem finstern Scherze
Zeugnis! Laß mit meinem Schmerze mich allein!- hinweg dich scher!
Friß nicht länger mir am Leben! Pack dich! Fort! Hinweg dich scher!"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

Und der Rabe rührt' sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer
auf der bleichen Pallas-Büste überm Türsims wie vorher;
und in seinen Augenhöhlen eines Dämons Träume schwelen,
und das Licht wirft seinen scheelen Schatten auf den Estrich schwer;
und es hebt sich aus dem Schatten auf dem Estrich dumpf und schwer
meine Seele - nimmermehr.

Edgar Allan Poe

Lesen und geniessen Sie hier das Gedicht mit 18 Illustrationen.
(Jede Strophe aufwändig und genial illustriert von Gustave Doré)

Lesen Sie hier eine Kurz Biografie und weitere Gedichte von Edgar Allen Poe


 

Ein Lied hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er's;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und läßt's vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn's Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich' und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Denn will er sich tot lachen. -

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.

Matthias Claudius (1740-1815)

Der Autor: geboren am 15.8.1740 in Reinfeld (Holstein). Pfarrerssohn; Studium der Theologie und Jura.
1764/65 Sekretär des Grafen Holstein, 1768-1770 Mitarbeiter zweier Zeitungen in Hamburg.
1771-1775 Herausgeber des "Wandsbecker Bothen", dann auf Herders Vermittlung Oberlandeskommissar in Darmstadt.
Seit 1777 freier Schriftsteller in Wandsbek. Befreundet mit Herder und Hamann.
Claudius stirbt am 21.1.1815 in Hamburg.


Die Wahl des Lebens

Erste Betrachtung.

Wohl wähle, was Du wählest!
Ein Amt macht Dich verdient,
In Häusern wohnt die Ruhe,
Vom Meer her reizt Gewinn;
Die Landlust ist voll Unschuld,
Viel' Reisen machen klug;
Die Armuth würzt die Speisen;
Den Reichthum nutze wohl!
Die Einsamkeit giebt Freiheit,
Die Ehe eignen Herd,
Die Kinder stillen Wünsche,
Und sorglos sein macht leer;
Die Jugend ist stets munter,
Das Alter klug und fromm.
Willst Du denn noch so wählen:
Todt oder nicht geboren?
Nein! es ist gut zu leben!
Drum so genieß Dein Leben
Und pflanz es sicher fort!

Zweite Betrachtung.

Welch Leben soll ich erwählen?
In Aemtern giebt's Verdruß,
In Häusern schwarze Sorgen
Und auf dem Meer Gefahr;
Der Landbau, ach! ermüdet,
Die Reisen matten ab;
Beschwerlich ist die Armuth,
Der Reichthum doch noch mehr.
Die Ehe bringet Plagen,
Alleinsein ist nicht gut,
Die Kinder machen Sorgen,
Und keine haben schmerzt;
Die Jugendzeit ist närrisch,
Das Alter wieder schwach.
Ach, hätt' ich wählen können:
Entweder nicht geboren,
Und? oder gleich gestorben?
Nur Phyllis zu vergnügen,
Strengt sich mein Ehrgeiz an;
Nur Phyllis zu besiegen,
Ist, was mein Herz sich wünschen kann,
Mit ihr das Loos der Erde theilen,
An ihrer Hand zum schönern Himmel eilen.

Johann Gottfried von Herder (1744-1803)

Der Autor: geb. am 25.8.1744 in Mohrungen (Ostpreußen) als drittes Kind des Kantors und Volksschullehrers Gottfried Herder und seiner zweiten Frau. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und besucht die Lateinschule in Mohrungen. 1760 wird er Kopist beim Diakon der Mohrungener Stadtkirche. In der Pfarrbibliothek, mit ihrem großen Bestand antiker und zeitgenössischer Literatur, betreibt er autodidaktische Studien.
1762 erscheint sein erstes Gedicht "Gesang an Cyrus", Immatrikulation an der Universität Königsberg zum Theologiestudium. Er hört Vorlesungen Immanuel Kants und wird sein Schüler. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Nachhilfelehrer. Nebenbei schreibt er literaturtheoretische Texte, Rezensionen und Gedichte.
1764 wird er Kollaborator (Aushilfslehrer) an der Domschule in Riga, 1765 legt er das theologische Examen ab und wird Prediger an der Domkirche und erhält eine feste Anstellung als Lehrer. In den "Rigaischen Anzeigen" und der "Königsbergischen Zeitung" beginnen Beiträge Herders zu erscheinen.
1769 tritt er eine Reise nach Frankreich an. In Paris Bekanntschaft mit Denis Diderot. Auf seiner Rückreise lernt er 1770 in Hamburg Gotthold Ephraim Lessing und Matthias Claudius kennen. Später Bekanntschaft mit Goethe, den er nachhaltig beeinflusst.
Im April 1771 tritt er die Stelle eines Hofpredigers und Konsistorialrats in Bückeburg, der Residenz des Grafen von Schaumburg-Lippe, an. Mit seiner in Straßburg verfassten "Abhandlung über den Ursprung der Sprache" (gedruckt 1772) gewinnt Herder die Preisaufgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften. In dieser Schrift erklärt er die Sprachentwicklung und die Entstehung der Nationalsprachen auf dem Hintergrund der natürlichen geographischen, klimatischen und sozialen Bedingungen eines Volkes.
1773 Heirat mit Karoline Flachsland. 1775 wird er Superintendent in Bückeburg. Auf Vermittlung von Wieland und Goethe wird Herder 1776 in Weimar zum Generalsuperintendenten, Oberkonsistorialrat und Hofprediger ernannt.
1777 erste Auseinandersetzungen mit Goethe. 1801 wird er zum Präsidenten des Oberkonsistoriums ernannt. Am 8. Oktober erhebt der bayerische Kurfürst Maximilian IV. Joseph Herder in den Adelsstand. 1803 Krankheit und Kuraufenthalte in Eger und Franzensbad. August: Reise nach Dresden.
Er stirbt am 18. Dezember 1803 in Weimar.


Der Skorpion, die Schildkröte und die Gans

Eine Traumfabel.

Am weidenreichen Spreegestade,
Wo die gesicherte Najade
Ihr lockigt Haupt noch stolzer trug,
Seitdem in Sachsenland Held Heinrich Feinde schlug;
Am Spreegestade kroch aus einem holen Baum
Ein Skorpion, das glaubt man kaum.
Giebts zu Berlin auch Skorpionen?
Ich dachte, daß sie nur in heißen Ländern wohnen.
Mein Leser, höre doch, ich sah ihn nur im Traum.
Er kroch am Ufer hin und wieder,
Und sah, von bittern Neid bewegt,
Ins grüne Schilf scheelsüchtig nieder
Auf ein Geschöpf, das sich mit breitem Schilde trägt,
Und schmackhaft ist am Fleisch, und nach dem Tode glänzet
In seinem Deckel schön polirt.
Der Skorpion mit Gift zum Schadenthun geschwänzet
Von der Natur, und nicht geziert
Mit bunten Flecken, wie die Schlangen,
Der Skorpion kroch an das Schilf
Und sprach: dir Freundin sey geklaget mein Verlangen,
Dort übern Strome will mein Bruder mich umfangen,
Und schwimmen kann ich nicht; du aber kannst, ach hilf
Mit deinen Rudern mir herüber!
Die Kröte mit dem Schilde spricht:
Gefälligkeit ist meine Pflicht,
Und kein Geschäfte war mir lieber
Als dies; mein Schild ist breit genug.
Sie sprichts: er setzt sich auf und da sie nun getreulich
Den giftigen Verräther trug,
Schwamm eine Gans daher und schlug
Mit beiden Flügeln auf, und schrie: das ist abscheulich!
Jetzt flößt dir guten Schwimmerin
Der, den du trägst, das Gift im Rücken.
Verdammter! sprach hierauf die treue Trägerin,
Mich panzert die Natur zu sehr vor deinen Tücken,
Dein Gift floß schadlos in den Fluß;
Sey du ihm nachgestürzt! Hier tauchte sie ihn nieder -
Der Skorpion hat noch viel Schwestern und viel Brüder.
O daß nicht jeder Mensch nach dem Verräther Kuß,
Den er gegeben hat, also ersaufen muß!

Anna Louisa Karsch (1722-1791)

die Autorin: geb. 1.12.1722, in Schlesien als Tochter eines Gastwirts, sie heiratet sechzehnjährig einen Tuchmacher, von dem sie sich nach schlechter Behandlung scheiden lässt, danach Heirat mit dem Schneider Karsch, einem Alkoholiker, verfasst patriotische Gesänge und Gelegenheitsgedichte als Geldverdienst,
Kontakte zu Lessing, Mendelssohn, Herder, Goethe.
Gleim sorgt 1764 für die Veröffentlichung ihrer Gedichte, sie stirbt am 12. 10. 1791 in Berlin


 

Ins Unendliche strebt...

Ins Unendliche strebt sich die Bildung der Zeit zu erweitern,
Aber dem breiteren Strom droht die Verflachung bereits.

Fülle die Jugend mit würdigem Stoff und in froher Begeistrung
Lehre sie glühn! Die Kritik kommt mit den Jahren von selbst.

Immer behalte getreu vor Augen das Höchste, doch heute
Strebe nach dem, was heut du zu erreichen vermagst.

Nicht wer Staatstheorien doziert, ein Politiker ist nur,
Wer im gegebenen Fall richtig das Mögliche schafft.

Stets zu Schwärmen gesellt sich das Volk der geschwätzigen Stare,
Einsam sucht sich der Aar über den Wolken die Bahn.

Bester, du hast ein Gewissen für das, was sittlich und wahr ist,
Warum fehlt es dir, ach, nur für das Schöne so ganz?

Nicht bloß, wer im Gemüt abstreifte den Zügel der Sitte,
Wer sich des Häßlichen nicht schämt, er ist auch ein Barbar.

Eile mit Weile! Den Kahn erst lerne zu steuern im Hafen,
Eh' zur Entdeckungsfahrt mächtige Segel du spannst.

Stolz und schweigend enthüllt sein Werk uns der Meister; im eitlen
Selbstlob birgt ein Gefühl heimlicher Schwäche sich nur.

Tiefer erscheint trübströmende Flut, durchsichtige flacher,
Aber das Senkblei lehrt oft, daß dich beides getäuscht.

Ist denn die Blume nur da zum Zergliedern? Weh dem Geschlechte,
Das, anstatt sich zu freun, jegliche Freude zerdenkt!

Torheit bleibt's, im Gesang um den Preis der Geschichte zu ringen,
Doch der poetische Stoff kann ein historischer sein.

Freilich für ein Gedicht ist Schönheit immer das Höchste,
Nur nicht jeglicher Zeit Höchstes ein schönes Gedicht.

Ward dir Großes versagt, so übe die Kunst an bescheidnen
Stoffen und strebe mit Ernst, Meister im Kleinen zu sein.

In dem kastalischen Born, dem begeisternden, sprudelt ein Tropfen
Lethe; jeglichen Schmerz dämpft er, so lange du singst.

Emanuel Geibel (1815-1884)
aus: Geibel: Spätherbstblätter (1877)

* der Autor: geboren am 17.10.1815 in Lübeck als siebtes von acht Kindern in einem reformierten Pfarrhaus. 1835 beginnt er in Bonn ein Theologiestudium, wechselt aber bald zur klassischen Philologie. Ab 1836 ist er in Berlin, wo er Chamisso und Eichendorff kennenlernt. 1838 nimmt er eine Stelle als Hauslehrer in Athen an, nach seiner Rückkehr veröffentlicht er 1840 mit großem Erfolg seine ersten Gedichte, der preußische König setzt ihm 1842 eine lebenslange Pension aus. In den weiteren Jahren hält er sich überwiegend bei Freunden (Kerner, Freiligrath, Strachwitz) auf. 1852 wird er, einem Ruf König Maximilians II. folgend, Ehrenprofessur für deutsche Literatur und Poetik in München. 1868 kehrt er nach Lübeck zurück, dort stirbt er am 6.4.1884.


Fußball

(nebst Abart und Ausartung)

Der Fußballwahn ist eine Krank-
Heit, aber selten, Gott sei Dank.
Ich kenne wen, der litt akut
An Fußballwahn und Fußballwut.
Sowie er einen Gegenstand
In Kugelform und ähnlich fand,
So trat er zu und stieß mit Kraft
Ihn in die bunte Nachbarschaft.
Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,
Ein Käse, Globus oder Igel,
Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,
Ein Kegelball, ein Kissen war,
Und wem der Gegenstand gehörte,
Das war etwas, was ihn nicht störte.
Bald trieb er eine Schweineblase,
Bald steife Hüte durch die Straße.
Dann wieder mit geübtem Schwung
Stieß er den Fuß in Pferdedung.
Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.
Die Lampenkuppel brach sofort.
Das Nachtgeschirr flog zielbewußt
Der Tante Berta an die Brust.
Kein Abwehrmittel wollte nützen,
Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,
Noch Puffer außen angebracht.
Er siegte immer, 0 zu 8.
Und übte weiter frisch, fromm, frei
Mit Totenkopf und Straußenei.
Erschreckt durch seine wilden Stöße,
Gab man ihm nie Kartoffelklöße.
Selbst vor dem Podex und den Brüsten
Der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,
Was er jedoch als Mann von Stand,
Aus Höflichkeit meist überwand.
Dagegen gab ein Schwartenmagen
Dem Fleischer Anlaß zum Verklagen.
Was beim Gemüsemarkt geschah,
Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.
Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen
Durch Publikum wie wilde Bienen.
Da sah man Blutorangen, Zwetschen
An blassen Wangen sich zerquetschen.
Das Eigelb überzog die Leiber,
Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.
Kartoffeln spritzten und Citronen.
Man duckte sich vor den Melonen.
Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.
Dann donnerten die Kokosnüsse.
Genug! Als alles dies getan,
Griff unser Held zum Größenwahn.
Schon schäkernd mit der U-Bootsmine
Besann er sich auf die Lawine.
Doch als pompöser Fußballstößer
Fand er die Erde noch viel größer.
Er rang mit mancherlei Problemen.
Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?
Dann schiffte er von dem Balkon
Sich ein in einem Luftballon.
Und blieb von da an in der Luft,
Verschollen. Hat sich selbst verpufft. -
Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,
Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

aus: Joachim Ringelnatzens Turngedichte (1920-1923)
der Autor: geboren am 7.8.1883 in Wurzen/Sachsen; gestorben am 17.11.1934 in Berlin.
Biographielink: http://www.ringelnatzstiftung.de/ringelnatz.htm


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