"Gedicht der Woche"

(zusammengestellt von Herrn Goldschmidt)

"Wer Gedichte veröffentlicht,
wirft ein Rosenblatt in den Grand Canyon
und wartet auf das Echo."

Donald Marquis (1878 - 1937)

neueste Gedichte sind oben

Glaube an die Welt

Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
vor dem das Beste selbst zerfällt,
und wahre dir den vollen Glauben
an diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
das lächelnd auf den Säugling blickt,
und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
ist nur der eigene Widerschein.

Beutst du dem Geiste seine Nahrung,
so laß nicht darben sein Gemüt,
des Lebens höchste Offenbarung
doch immer aus dem Herzen blüht.

Ein Gruß aus frischer Knabenkehle,
ja mehr noch eines Kindes Lall’n
kann leuchtender in deine Seele
wie Weisheit aller Weisen fall’n.

Erst unter Kuß und Spiel und Scherzen
erkennst du ganz, was Leben heißt;
o lerne denken mit dem Herzen,
und lerne fühlen mit dem Geist.

Theodor Fontane (1819-1898)

Der Autor: geb. am 30.Dezember 1819 in Neuruppin, als Sohn eines Apothekers, er besucht das Gymnasium in Neuruppin und die Gewerbeschule in Berlin, von 1836-1840 absolviert er eine Apothekerlehre in Berlin, 1849 gibt Fontane seinen Apothekerberuf auf und arbeitet mit Unterbrechung bis 1859 als freier Mitarbeiter im Buero eines Ministeriums, von 1855-1859 lebt er in England als Berichterstatter, von 1860 bis 1870 arbeitet er als Redakteur der Berliner "Kreuz-Zeitung", 1870 bis 1889 ist er Theaterkritiker bei der "Vossischen Zeitung", 1876 wird er Sekretaer der Akademie der Künste Berlin und freier Schriftsteller, er stirbt am 20.9.1898 in Berlin.


 

Winter

Dezemberlied

Harter Winter, streng und rauch,
Winter, sei willkommen!
Nimmst du viel, so gibst du auch,
Das heißt nichts genommen!

Zwar am Äußern übst du Raub,
Zier scheint dir geringe,
Eis dein Schmuck, und fallend Laub
Deine Schmetterlinge,

Rabe deine Nachtigall,
Schnee dein Blütenstäuben,
Deine Blumen, traurig all
Auf gefrornen Scheiben.

Doch der Raub der Formenwelt
Kleidet das Gemüte,
Wenn die äußere zerfällt,
Treibt das Innere Blüte.

Die Gedanken, die der Mai
Locket in die Weite,
Flattern heimwärts kältescheu
Zu der Feuerseite.

Sammlung, jene Götterbraut,
Mutter alles Großen,
Steigt herab auf deinen Laut,
Segenübergossen.

Und der Busen fühlt ihr Wehn,
Hebt sich ihr entgegen,
Lässt in Keim und Knospen sehn,
Was sonst wüst gelegen.

Wer denn heißt dich Würger nur?
Du flichst Lebenskränze,
Und die Winter der Natur
Sind der Geister Lenze!

Franz Grillparzer, 1791-1872

 


Das Gute-Nacht-Lied eines Lehrers (auf Facebook)

Ich gehe jetzt ins Bett, ihr Lieben,
der Wecker klingelt um halb sieben.
Und dann mit wirklich frischem Mute,
geht's in die Woche , man muss sich spute(n).
Nehmt's mit Humor die ganze Zeit,
dann ist die Freude auch nicht weit.
Denkt an die Schnecke, macht's ihr nach,
sie geht es langsam an gemach.
Esst nicht zu viel, und wenn, dann Obst,
damit der Kreislauf nicht gleich floppst.
Trinkt Saft, nicht Bier und auch nicht Wein,
lasst alles Ungesunde sein.
Dann werdet ihr Erfolg auch haben,
an dem Feedback euch köstlich laben.
Greift auch hinein ins volle Leben,
greift nicht zu tief und nicht daneben.
Dann ist das Glück euch wirklich hold,
so wie ihr es bestimmt gern wollt.
Ich grüße Euch, und schlaft recht sacht,
bis morgen früh, um halbe acht.

Egon Goldschmidt (Lehrer am SGG)

 


Dämmrung senkte sich von oben,
Schon ist alle Nähe fern;
Doch zuerst emporgehoben
Holden Lichts der Abendstern!
Alles schwankt ins Ungewisse,
Nebel schleichen in die Höh;
Schwarzvertiefte Finsternisse
Widerspiegelnd ruht der See.

Nun im östlichen Bereiche
Ahn ich Mondenglanz und -glut,
Schlanker Weiden Haargezweige
Scherzen auf der nächsten Flut.
Durch bewegter Schatten Spiele
Zittert Lunas Zauberschein,
Und durchs Auge schleicht die Kühle
Sänftigend ins Herz hinein.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

aus: Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten

Goethe wurde am 28.8.1749 in Frankfurt(Main) geboren und starb am 22.3.1832 in Weimar.


Kindheit

Es wäre gut, viel nachzudenken, um
von so Verlornem etwas auszusagen,
von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,
die so nie wiederkamen – und warum?

Noch mahnt es uns – vielleicht in einem Regnen,
aber wir wissen nicht mehr, was das soll;
nie wieder war das Leben von Begegnen,
von Wiedersehn und Weitergehn so voll.

Wie damals, da uns nichts geschah als nur
was einem Ding geschieht und einem Tiere:
da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre
und wurden bis zum Rande voll Figur.

Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
und so mit großen Fernen überladen
und wie von weit berufen und berührt
und langsam wie ein langer neuer Faden
in jene Bilder-Folgen eingeführt,
in welchen nun zu dauern uns verwirrt.

Rainer Maria Rilke

 


Das Mondlicht

Dein gedenkend irr ich einsam
Diesen Strom entlang;
Könnten lauschen wir gemeinsam
Seinem Wellenklang!

Könnten wir zusammen schauen
In den Mond empor,
Der da drüben aus den Auen
Leise taucht hervor.

Freundlich streut er meinem Blicke
Aus dem Silberschein
Stromhinüber eine Brücke
Bis zum stillen Hain. –

Wo des Stromes frohe Wellen
Durch den Schimmer ziehn,
Seh ich, wie hinab die schnellen
Unaufhaltsam fliehn.

Aber wo im schimmerlosen
Dunkel geht die Flut,
Ist sie nur ein dumpfes Tosen,
Das dem Auge ruht.

Daß doch mein Geschick mir brächte
Einen Blick von dir!
Süßes Mondlicht meiner Nächte,
Mädchen, bist du mir!

Wenn nach dir ich oft vergebens
In die Nacht gesehn,
Scheint der dunkle Strom des Lebens
Trauernd stillzustehn;

Wenn du über seinen Wogen
Strahlest zauberhell,
Seh ich sie dahingezogen,
Ach! nur allzuschnell!

Nikolaus Lenau (1802-1850)

Der Autor: (eigentlich: Nikolaus Franz Niembsch, ab 1820 Edler von Strehlenau) geboren am 13.8.1802 in Csatád (heute: Lenauheim) bei Temesvár; Jugendjahre in Ungarn (Pest, Tokaj, Preßburg), 1822-1832 Studium der Jurisprudenz, Philosophie, Landwirtschaft und Medizin in Wien, Ungarisch-Altenburg, später in Heidelberg. Er bringt seine Doktorarbeit nicht zum Abschluss und lebt als freier Schriftsteller von der Erbschaft seiner Großmutter. Von 1832 bis zu seinem geistigen Zusammenbruch 1844 führt er ein Pendelleben zwischen Wien und seiner Wahlheimat Schwaben; mehrere Verlobungen bricht er ab. Er dämmert 6 Jahre lang bis zu seinem Tod in einer Irrenanstalt dahin.


 

Der September

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.
Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.
Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessnen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.
Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

Erich Kästner

 


Der Schiffbrüchige

Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert!
Und ich selber, gleich einer Leiche,
Die grollend ausgeworfen das Meer,
Lieg ich am Strande,
Am öden, kahlen Strande.
Vor mir woget die Wasserwüste,
Hinter mir liegt nur Kummer und Elend,
Und über mich hin ziehen die Wolken,
Die formlos grauen Töchter der Luft,
Die aus dem Meer, in Nebeleimern,
Das Wasser schöpfen,
Und es mühsam schleppen und schleppen,
Und es wieder verschütten ins Meer,
Ein trübes, langweil'ges Geschäft,
Und nutzlos, wie mein eignes Leben.
|Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen,
Alte Erinnrungen wehen mich an,
Vergessene Träume, erloschene Bilder,
Qualvoll süße, tauchen hervor.

Es lebt ein Weib im Norden,
Ein schönes Weib, königlich schön.
Die schlanke Zypressengestalt

Umschließt ein lüstern weißes Gewand;
Die dunkle Lockenfülle,
Wie eine selige Nacht,
Von dem flechtengekrönten Haupt sich ergießend,
Ringelt sich träumerisch süß
Um das süße, blasse Antlitz;
Und aus dem süßen, blassen Antlitz,
Groß und gewaltig, strahlt ein Auge,
Wie eine schwarze Sonne.

Oh, du schwarze Sonne, wie oft,
Entzückend oft, trank ich aus dir
Die wilden Begeistrungsflammen,
Und stand und taumelte, feuerberauscht –
Dann schwebte ein taubenmildes Lächeln
Um die hochgeschürzten, stolzen Lippen,
Und die hochgeschürzten, stolzen Lippen
Hauchten Worte, süß wie Mondlicht,
Und zart wie der Duft der Rose –
Und meine Seele erhob sich
Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel!

Schweigt, ihr Wogen und Möwen!
Vorüber ist alles, Glück und Hoffnung,
Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden.
Ein öder, schiffbrüchiger Mann,
Und drücke mein glühendes Antlitz
In den feuchten Sand.

Heinrich Heine (1797-1856)

 


Begegnung in der Kastanien-Allee

Ihm ward des Eingangs grüne Dunkelheit
kühl wie ein Seidenmantel umgegeben
den er noch nahm und ordnete: als eben
am andern transparenten Ende, weit,

aus grüner Sonne, wie aus grünen Scheiben,
weiß eine einzelne Gestalt
aufleuchtete, um lange fern zu bleiben
und schließlich, von dem Lichterniedertreiben
bei jedem Schritte überwallt,

ein helles Wechseln auf sich herzutragen,
das scheu im Blond nach hinten lief.
Aber auf einmal war der Schatten tief,
und nahe Augen lagen aufgeschlagen

in einem neuen deutlichen Gesicht,
das wie in einem Bildnis verweilte
in dem Moment, da man sich wieder teilte:
erst war es immer, und dann war es nicht.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Der Autor
geboren am 4.12.1875 in Prag als Sohn eines Militärbeamten, 1886 bis 1891 Besuch der Militärschule St. Poelten, danach Militaer-Oberrealschule in Maehrisch-Weiss- kirchen, Studium der Kunst- u. Literaturgeschichte in Prag, München u. Berlin, 1899/1900 Russlandreise mit Lou Andreas-Salomé, Begegnung mit Tolstoi, 1900 lässt er sich in der Malerkolonie Worpswede nieder u. heiratet die Bildhauerin Clara Westhoff, von der er sich 1902 trennt, 1905 wird er für 8 Monate der Privatsekretär von Rodin in Paris, Reisen nach Nordafrika, Ägypten, Spanien, 1911/12 lebt er auf Schloss Duino an der Adria bei der Fürstin Marie v. Thurn u. Taxis, im 1. Weltkrieg in München, aus Gesundheitsgründen wird er aus dem österreichischen Landsturm entlassen, nach Kriegsende 1920 in Berg am Irchel (Schweiz), ab 1921 auf Schloss Muzot im Kanton Wallis, das ihm sein Mäzen Werner Reinhart zur Verfügung stellt, er stirbt am 29.12.1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.


Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
»Er kam, er kam ja immer noch«,
Die Bäume nicken sich's zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuß auf Schuß;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muß.

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.«

O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag's auch du.

Theodor Fontane (1819-1898)

Der Autor
geb. am 30.Dezember 1819 in Neuruppin, als Sohn eines Apothekers, er besucht das Gymnasium in Neuruppin und die Gewerbeschule in Berlin, von 1836-1840 absolviert er eine Apothekerlehre in Berlin, 1849 gibt Fontane seinen Apothekerberuf auf und arbeitet mit Unterbrechung bis 1859 als freier Mitarbeiter im Buero eines Ministeriums, von 1855-1859 lebt er in England als Berichterstatter, von 1860 bis 1870 arbeitet er als Redakteur der Berliner "Kreuz-Zeitung", 1870 bis 1889 ist er Theaterkritiker bei der "Vossischen Zeitung", 1876 wird er Sekretaer der Akademie der Künste Berlin und freier Schriftsteller, er stirbt am 20.9.1898 in Berlin.
Theodor Fontane: Gedichte. Reclam Verlag, 5 Euro


Wider die falsche Ehrsucht

"Mein Sohn, bist du wie ich, so geh den Weg der Ehren
Und laß dir nichts den Mut zum Königsthrone stören,"
Sprach ein bejahrter Greis, der an dem Tagus saß
Und voller Majestät von Bettelbrocken aß.
Sein Wahn klang hoch genug; doch waren seine Grillen
Bei steter Hungersnot mit Brote noch zu stillen;
Wer aber tilgt in uns das Fieber der Vernunft?
Ein jeder Tag vermehrt die kluge Narrenzunft.
Je mehr wir der Natur zum Untergange blasen,
Je mehr sieht man die Welt vor Ehrbegierde rasen,
Die dennoch, wenn sie sich in ihren Werken weist,
Von rechter Ehre kaum ein halber Schatten heißt.

Ich untersuche nicht die Thaten wilder Fürsten,
Die schon nach Menschenblut im Mutterleibe dürsten,
Die eher in den Krieg als in die Schule gehn
Und auf ein jedes Wort zum Schlagen fertig stehn.
Das Blutvergießen ist doch nun zur Tugend worden;
Der ist ein schlechter Held, der nicht auch kann ermorden;
Es wird den Kindern schon von Eltern eingeprägt,

Es ist der erste Trieb, der hohe Seelen regt.
Man kauft die Mörder auf durch ausgepauckte Gelder;
Der Menschenjäger streicht durch alle Straßen, Felder
Und schleppet mit Gewalt der Witwen letztes Pfand,
Das dennoch seine Zeit viel besser angewandt,
Zum Würgeplatze fort, wo man mit ganzen Haufen
Das längst erstorbne Herz zum Sturme zwingt zu laufen
Und durch ein Marterfeu'r, das Pluto kaum erdenkt,
Oft lebend und umsonst in Pulvergrüfte senkt.
Wer wollte dieser Wut durch Sittensprüche wehren?
Die Erde müßte vor nicht Christen mehr gebären,
Europa müßte vor durch Blitz und Hagelstein
Zerstöret und die Welt voll Lappenländer sein;
Sonst, wenn der Heiland auch vom Himmel selber käme,
Wenn er die ganze Zahl der Patriarchen nähme
Und mit der Jünger Schar mit halbgesenktem Knie
"Die Lieb' ist das Gesetz!" aus vollem Munde schrie',
So würde man ihn wohl mit einer Losung ehren,
Doch nun und nimmermehr auf seinen Willen hören.

Drum lass' ich, was sich schon zur Sünde frei gemacht;
Wer aber hat den Satz der Schwärmer doch erdacht,
Die sich aus Eigensinn noch über Fürsten heben,
Durch ihr Rebellenherz den Rechten widerstreben

Und um ein einzig Wort, das auf zwei Silben kriecht,
Das nach dem Hunde schmeckt und nach der Mutter riecht,
Ihr Leben, das sie doch für Länder sollten wagen,
Wie Gaukler ohne Not der Welt zu Markte tragen?
Wer hat uns doch gesagt, daß tote Prahlerei
Der Tugend höchster Grad und dieses Ehre sei;
Wenn man ein Wappenheer von vielen Ahnen zählet,
In welchem öfters doch der Vater selber fehlet
Und die, so kurz vorher den neuen Stamm gebar,
Ein bloßes Nebenweib von geilen Fürsten war?
Wer hat uns doch gelehrt, daß man von edlem Blute
Die Tugend so erlangt, wie man mit einem Gute
Die Schaf' und Rinder erbt? Daß dieses hohe Blut
Die hohe Wirkung nur an Standestöchtern thut,
Und gleichwohl seine Kraft nicht in der Mutter stirbet,
Wenn sie sich heimlich gleich um Bürgertrost bewirbet?
Woher kommt der Betrug, wenn man der Jugend Zeit
Durch teuren Müßiggang in Karten hingestreut,
Daß man für seinen Ruhm durch leere Titel sorget
Und wie der Mond sein Licht von fremdem Lichte borget
Und doch von jedermann sich hochgepriesen hält,
Wenn man den Adel nur in Golde vorgestellt
Auf Federbüschen trägt und von geschmierten Zungen

Durch freien Tafeltrunk ein falsches Lob erzwungen?
Wie kommt es, daß ein Mann, den sonst der Kram ernährt,
Und dem der Pfefferstaub noch aus der Nase fährt,
Durch einen Adelsbrief, den sein Betrug erhandelt,
Sich augenblicklich so wie Proteus dort verwandelt,
Und sein nunmehr durch Geld hochwohlgeborner Sohn
Von Bürgen voller Schmach, von Rittern voller Hohn
Schon wie ein Ritter spricht, den Jason aufgeschrieben,
Als ihn das güldne Vließ nach Kolchos hingetrieben?

Durch was für Zauberei mag es doch wohl geschehn,
Daß, wenn ein Bücherfuchs den Titel nur gesehn,
Ihm sein erhitzter Geist den Kragen so beweget,
Daß er ein ganzes Buch mit Donner niederschläget,
Daß ein gelehrter Narr, der voller Mängel steckt,
Doch fremde Mängel stets durch seinen Wurm entdeckt,
Und alles, was er schreibt, so lachend kommt gesprungen,
Ob hätte sein Verstand den Phöbus gar verschlungen?
Was treibt den Wucherbalg, wenn er den Geiz gestillt
Und durch so langen Raub die Kasten angefüllt,
Daß er nach Hofe läuft und sich mit Sorgen plaget,
Das kaum erpreßte Gut auf leere Wechsel waget,

In fremde Schulden sinkt, durch Bankerott verdirbt
Und als ein Märtyrer von Komplimenten stirbt?
Und was sucht eine Frau, die, wenn sie prahlen wollte,
Der Ehre größten Teil vom Manne borgen sollte,
Daß sie nach neuer Art der alten Pflicht vergißt
Und ihren ganzen Ruhm nach fremden Lippen mißt,
Daß sie das Richteramt dem Spiegel anvertrauet,
Aus der geschminkten Haut ihr einen Tempel bauet
Und dann erst ruhig schläft, wenn ihr das halbe Land
Des Herzens erste Kraft zum Opfer zugewandt?

"Die Ehre treibet sie, die Ehre," wirst du sprechen.
Daß man der Ehre doch die Knochen müßte brechen,
Eh sie zu Stande kommt, wenn sie sich so verliert,
Daß sie aus Menschentalk nur Affenzeug gebiert!
Wie glücklich bist du doch, o David, noch gewesen,
Daß Gott zu solcher Zeit zum Fürsten dich erlesen,
Da Wahn und Thorheit noch den Scepter nicht erlangt
Und man den wahren Ruhm der Tugend nur gedankt.
Wie niedrig würden doch jetzt deine Thaten klingen,
Man würd' ein Spötterlied auf allen Gassen singen.
"Ist dieser," spräche man, "nun Fürsten zugezählt,
Der lieber schnelle Pest als Schwert und Krieg erwählt?
Soll der ein Musterbild der größten Helden heißen,
Der sich mit Steinen läßt von Ackerknechten
schmeißen?
Man sieht wohl, daß der Thron die Trägheit nur verdeckt,
Daß ihm das Hirtenblut noch in den Adern steckt,
Daß er den Goliath durch Schäferlist erknicket
Und Joab ihm mit Recht die Thränen vorgerücket."
Was wäre Salomo bei dieser wilden Zeit?
Ein schulgelehrter Mann, der Grillen ausgestreut,
Der Fürstenkinder will nach Bürgersitten messen
Und bei der Poesie den Degen gar vergessen.
Hätt' er zu rechter Zeit den Unterthan gedrückt,
Des Pöbels Raserei die Federn ausgepflückt,
So hätte nicht sein Sohn, der klüger war geboren,
Zehn Teile von der Macht des Königreichs verloren.
Wo bleibt jetzt Ahasver mit seiner Bürgerbraut,
Sarmatiens Piast, der noch den Pflug gebaut,
Und wo ganz Asien, da, was der Hof belohnet,
In Ämtern, aber nicht auf Rittersitzen wohnet,
Da durch des Vaters Tod der Adel auch vergeht
Und nichts als nur der Weg zur Tugend offen steht,
Da sich ein Krämer nicht mit neuen Namen kleidet,
Die Kriegeskunst den Held und Bürger unterscheidet
Und alles, was der Fleiß zu hohen Stufen treibt,
Auch sein Verdienst zugleich ins Buch der Ehre schreibt?
Wo bliebe Sokrates, der bei so vielem Wissen
Wie unsre Weisen doch kein Marterbuch erkrissen,

Der jeden Punkt der Zeit nicht ohne Müh' erspart
Und ein lebendig Buch durch sein Exempel ward?
Und wo nun jene Frau, die, als der König fragte,
Wer an der Tafel doch am meisten ihr behagte,
Zur klugen Antwort nur acht Worte ließ ergehn:
Sie habe weiter nichts als ihren Mann gesehn?

O Närrin, hör' ich schon, o blinde Närrin! schreien.
Wer will bei Tafeln sich an alter Kost erfreuen?
Der Mann ist für die Not des Hauses wohl bestellt,
Nicht aber auch ein Bild, das immer wohl gefällt.
Das alte Testament ist nunmehr aufgehoben,
Da Weiber nichts gethan als Kuchen eingeschoben.
Dort strich der Männer Ruhm den Weibern Farben an;
Jetzt sieht man, daß ein Weib auch Männer machen kann,
Wenn sie des Fürsten Sinn durch ihren Witz ergetzet,
Den halb verzagten Mann auf Ehrenstühle setzet,
Die grobe Bürgermilch durch Ritterblut erhöht
Und von geborgter Kraft mit Helden schwanger geht.

"O rasender Poet!" hör' ich noch weiter rufen,
"Bau dir ein Narrenhaus auf deine Tugendstufen!
So lange sich der Kreis der Erden nicht verkehrt,
So bleibt der Degen wohl der Ehre Richterschwert.
Viel besser als ein Mann der Hölle zugestorben,

Als mit der feigen Schar das Himmelreich erworben."
"O plumpes Bürgerholz!" fährt auch ein Ritter auf,
"Was stört dein Tintenwitz der Ahnen Heldenlauf?
Du hast das dumme Salz von Brüsten eingesogen,
Die nur mit Unverstand nach Pöbelart betrogen.
Die Laster kennen nicht der Damen keusche Schoß,
Der Adel spricht sie schon von allem Urteil los,
Und ein bei Rübensaft und Kraut ernährter Magen
Hat nach der Sittenkunst der Großen nicht zu fragen."
"O Federfechter!" schreit ein neu getaufter Held,
Dem sein erkaufter Mut die Leber aufgeschwellt,
"Man sieht wohl, daß du nur im Staube stets gesessen
Und bei geträumter Kunst dein altes Blut vergessen,
Das doch aus Wappen floß. Dächt' alles so wie du,
So müßt' ein Bauer nur bei seiner Milch und Kuh,
Ein hoher Bürgergeist im Rate nur verderben
Und durch versäumten Bau der Adel gar ersterben."
"O blinder Musensohn!" erhebt sich ein Pedant,
"Wer kluge Bücher kennt, schilt nicht der Weisen Stand.
Schreib, wie du schreiben sollst, so hast du nicht zu schreien;
Was ärgerst du die Welt, die du doch kannst erfreuen?
Frißt dir das Alter nicht schon des Verstandes Haus,
So laß den andern Teil von deinen Briefen aus."
"O bettlender Poet!" läßt sich ein Jude hören,
Den kluge Dieberei doch endlich noch zu Ehren

Und an den Hof gebracht, "was gehn dich Wechsler an,
Durch die ein König erst als König leben kann?
Willst du des Glückes Fall am Nächsten nicht erdulden,
So geh und sammle Geld und zahle deine Schulden,
So lern das Einmaleins und tilge nach und nach
Durch wuchernde Vernunft dein langes Ungemach."

Genug, genug, genug! Ich will ja gerne schweigen,
Eh mir die Kinder noch die Sittenlehre zeigen.
Ich weiß ja endlich wohl, daß dieses Ehre heißt,
Wenn man von Jugend auf der Ehre nachgereist,
Wenn nur ein König schlägt, wenn ihn die Not gedrungen,
Und doch auch Friede sucht, wenn er den Feind bezwungen.
Ich weiß, daß Ehre nicht durch Pöbelworte fällt
Und wer nur Herz besitzt, das Herz auch wohl behält,
Daß man am klügsten fährt, wenn man vor Narren schweiget
Und für das Vaterland doch Löwenkräfte zeiget,
Der Fürsten hohen Spruch mehr als sich selber acht't,
Den alten Adel ehrt, doch nicht zum Götzen macht,
Sich nicht aus Phantasei nach Hungertiteln dränget,
Die Ritterwappen nicht an Pfefferbuden hänget,
Bei langer Wissenschaft nur kurze Bücher schreibt

Und in Gedanken stets ein Ungelehrter bleibt.
Ich weiß auch, daß ein Mann den Weg der Ehre kennet,
Der nicht nach Ehr' und Glück auf Silberschlitten rennet,
Daß keusche Sittsamkeit und nicht befleckte List
Des Frauenzimmers Glanz und rechter Adel ist,
Und daß ein Weiser denn sich über Weise hebet,
Wenn er für andre mehr als für sich selber lebet,
Von seinem Überfluß den andern unterstützt
Und für das bloße Recht in dem Gerichte sitzt.
Ich weiß, daß Scipio viel höher war zu loben,
Da ihn das Glücke warf, als da es ihn erhoben,
Daß Witz und Tugend noch am Narrenfieber liegt,
So lang ein großer Geist sich selber nicht besiegt,
Und wir den höchsten Punkt erst in der Ehre finden,
Wenn unsre Seelen sich mit Gottesfurcht verbinden.

Allein da die Natur aus ihren Angeln bricht
Und jeder Affe doch von lauter Tugend spricht,
Da mich die Weiber auch schon in die Schule treiben,
Wo würd' ich vor der Macht so vieler Feinde bleiben?
Nein, nein, ich will nur gehn, eh sich die Schar bewegt
Und mir die große Kunst mit Birkenwischen legt,
Eh sich das Altertum um meinen Buckel rühret
Und mich ein neuer Wurm mit Heringssuppen
schmieret,
Eh ein gelehrter Bär das Tintenfaß ergreift
Und mich mit einer Flut von Schriften gar ersäuft,
Eh mir der Handelsmann, wenn mich die Blöße plaget,
Den hinkenden Kredit auf ewig untersaget,
Und eh das Nymphenvolk, das voller Rache brennt,
Mich ein ich weiß nicht was von allen Buhlern nennt.
Die Zeiten sind vorbei, die noch den Dichter ehrten;
Jetzt steckt die ganze Kraft nur in den Schriftgelehrten;
Drum pack' ich meinen Kram wie Welsche wieder ein
Und lasse Kupfer Gold und Narren Weise sein.

Benjamin Neukirch (1665-1729)

Der Autor:
geb. am 27.03.1665 als Sohn eines Juristen und Ratsherrn bei Guhrau in Schlesien. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, durch finanzielle Unterstützung kann er aber das Gymnasium in Breslau und Thorn besuchen. 1684 studiert er in Frankfurt/Oder Jura, Geschichte und Staatswissenschaften. 1687-1691 ist er als Advokat in Breslau tätig. 1692 zieht er nach Berlin, um am Berliner Hof eine Stellung zu finden, gerät doch schon bald in Geldschwierigkeiten, 1693 hält Neukirch Vorlesungen in Halle. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Hofmeister und Reisebegleiter junger Adliger. 1703 erhält er die Berufung als Professor der Poesie und Rhetorik an die Ritterakademie in Berlin. 1718 wird die Akademie geschlossen, Neukirch wird Hofrat und Erzieher des Erbprinzen Karl Wilhelm Friedrich in Ansbach. Nach knapp 10 Jahren tritt er in den Ruhestand. Er stirbt, verarmt und völlig vereinsamt, am 15.08.1729 in Ansbach, wo sich sein Grab befindet.


 

Wilhelm Busch : Der Philosoph

Ein Philosoph von ernster Art,
Der sprach und strich sich seinen Bart:
»Ich lache nie. Ich lieb' es nicht,
Mein ehrenwertes Angesicht
Durch Zähnefletschen zu entstellen
Und närrisch wie ein Hund zu bellen;
Ich lieb' es nicht, durch ein Gemecker
Zu zeigen, daß ich Witzentdecker;
Ich brauche nicht durch Wertvergleichen
Mit andern mich herauszustreichen,
Um zu ermessen, was ich bin,
Denn dieses weiß ich ohnehin.
Das Lachen will ich überlassen
Den minder hochbegabten Klassen.
Ist einer ohne Selbstvertraun
In Gegenwart von schönen Fraun,
So daß sie ihn als faden Gecken
Abfahren lassen oder necken,
Und fühlt er drob geheimen Groll
Und weiß nicht, was er sagen soll,
Dann schwebt mit Recht auf seinen Zügen
Ein unaussprechliches Vergnügen.
Und hat er Kursverlust erlitten,
Ist er moralisch ausgeglitten,
So gibt es Leute, die doch immer
Noch dümmer sind als er und schlimmer.
Und hat er etwa krumme Beine,
So gibt's noch krümmere als seine.
Und tröstet sich und lacht darüber
Und denkt: Da bin ich mir doch lieber.
Den Teufel lass' ich aus dem Spiele.
Auch sonst noch lachen ihrer viele,
Besonders jene ewig Heitern,
Die unbewußt den Mund erweitern,
Die, sozusagen, auserkoren
Zum Lachen bis an beide Ohren.
Sie freuen sich mit Weib und Kind
Schon bloß, weil sie vorhanden sind.
Ich dahingegen, der ich sitze
Auf der Betrachtung höchster Spitze,
Weit über allem Was und Wie,
Ich bin für mich und lache nie.«

 


 

Protest

Wenn ich verachte heimliches Verschwören,
Und wenn ich hasse Meuchelmörderhand,
Wenn in des Volkserretters Ruhmgewand
Verhüllte Schufte meinen Groll empören,

Reih ich das Königstum den Himmelsgaben,
Verlaßner Völker Vaterhaus und Hort.
O glaubet nicht, ich liebe drum sofort,
Was jetzt und hier an Königen wir haben.

O glaubet nicht, ich führe keinen Zunder
Im Herzen für des Zornes edle Glut,
Tritt wo ein Fürst sein Volk im Übermut,
Noch daß ich ehren kann gekrönten Plunder.

Nie wird mein Flügelroß zum Schindergaule
Für meine Ehre, und mich strafe Gott,
Sing ich ein Fürstenlied, daß mir, zum Spott,
Die Hand vom Saitenspiel herunterfaule.

Nikolaus Lenau (1802-1850)

Der Autor
(eigentlich: Nikolaus Franz Niembsch, ab 1820 Edler von Strehlenau) geboren am 13.8.1802 in Csatád (heute: Lenauheim) bei Temesvár; Jugendjahren in Ungarn (Pest, Tokaj, Preßburg), 1822-1832 Studium der Jurisprudenz, Philosophie, Landwirtschaft und Medizin in Wien, Ungarisch-Altenburg, später in Heidelberg. Er bringt seine Doktorarbeit nicht zum Abschluss und lebt als freier Schriftsteller von der Erbschaft seiner Großmutter. Von 1832 bis zu seinem geistigen Zusammenbruch 1844 führt er ein Pendelleben zwischen Wien und seiner Wahlheimat Schwaben; mehrere Verlobungen bricht er ab. Er dämmert 6 Jahre lang bis zu seinem Tod in einer Irrenanstalt dahin.


Das Jahr

In einem Lande möcht' ich wohnen,
Wo der Natur gesetzter Zwang
Hinwandeln läßt durch glüh'nde Zonen
Des Jahres unverrückten Gang;
Wo nach des Winters Regengüssen
Ein langer fester Sommer kommt
Und auch die Menschen fühlen müssen,
Daß nicht ein wirrer Wechsel frommt.

Und wäre das mir nicht beschieden,
So möcht' ich wohnen an dem Pol,
Wo eines tiefen Winters Frieden
Ich mir ließ auch gefallen wohl;
Da muß des Menschen Geist versenken
Sich können in des Daseins Schacht
Und still sich nach den Sternen lenken
In ewig heller Winternacht.

Unselig ist der Mitte Schwanken,
Dem hier wir unterworfen sind,
Wo Stunden wechseln wie Gedanken
Und die Gedanken wie der Wind;
Wo keine ruhige Entfaltung
Erlaubt des Jahrlaufs wilde Hast
Und in verworrner Welthaushaltung
Mensch und Natur hat nirgends Rast.

Friedrich Rückert (1788-1866)

Der Autor :geb. am 16.5.1788 in Schweinfurt, nach dem Besuch des Gymnasiums studiert er ab 1805 Jura und Philologie in Würzburg und Heidelberg, 1811 habilitiert er, er hält Vorlesungen über griechische und orientalische Mythologie, wird Gymnasiallehrer und Privatgelehrter. In Stuttgart und Coburg arbeitet Rückert auch als Redakteur. 1826 wird er Professor der orientalischen Sprachen in Erlangen und erhält auch eine Professur in Berlin. Im Dezember 1833 erkranken alle sechs Kinder Rückerts an Scharlach. Am 31. Dezember 1833 stirbt Rückerts jüngstes Kind und einzige Tochter Luise. Am 16. Januar 1834 stirbt Rückerts Sohn Ernst. Die übrigen vier Kinder erholten sich von der Krankheit. 1848 zieht er auf das Gut seiner Frau. Rückert stirbt am 31.1.1866 in Neuses bei Coburg.


Winter

In den jungen Tagen
Hatt ich frischen Mut,
In der Sonne Strahlen
War ich stark und gut.

Liebe, Lebenswogen,
Sterne, Blumenlust!
Wie so stark die Sehnen!
Wie so voll die Brust!

Und es ist zerronnen,
Was ein Traum nur war;
Winter ist gekommen,
Bleichend mir das Haar.

Bin so alt geworden,
Alt und schwach und blind,
Ach! verweht das Leben,
Wie ein Nebelwind!

Adelbert von Chamisso (1781-1838)

Der Autor:
eigentlich: Louis Charles Adélaïde de Chamisso de Boncourt, geboren am 30.1.1781 auf Schloss Boncourt (Champagne),
Chamissos Familie flieht während der franz. Revolution nach Deutschland, 1796 wird er Page der Königin von Preußen, 1798 bis 1807 preußischer Offizier, 1815-18 unternimmt er eine Weltumseglung, nach seiner Rückkehr wird er Adjunkt am Botanischen Garten in Berlin, später Vorsteher des Herbariums, Chamisso betätigt sich neben seinen Studien als Naturforscher als Erzähler und Lyriker.
Sein Liederkreis "Frauenliebe und -leben" wurde von Robert Schumann vertont.
Er stirbt am 21.8.1838 in Berlin.
Adelbert von Chamisso im Lyrikmailarchiv
http://www.lyrikpost.de/blog/category/alle-autoren-bei-lyrikmail/adelbert-von-chamisso-gedichte/

 

Schnee

Fällt um dunkle Bäume weich der Schnee,
Lange sacht, dann aufgewirbelt, jäh.

Hüllt den Tag in dämmerndes Gewühl,
Breitet auf die Erde Pfühl um Pfühl.

Wandert einer, und er sieht den Flaum;
Denkt er: weiches Bette, weiter Raum!

Wandert einer und er weiss kein Dach,
Denkt: hier fände ich ein Wohngemach!

Ist wie zugehangen rings die Welt,
Schiebt sich eng zusammen wie ein Zelt.

Busch und Bäume stehen unbewegt
Und von Einsamkeit wie eingehegt.

Friedrich Freiherr von Logau (1604-1655)

Der Autor:
geb. im Januar 1605 oder Juni 1604 in Schlesien.
Verfasser von satirischen Sinngedichten (Dt. Sinn-Getichte Drey Tausend, 1654);
herausragender Epigrammatiker des Barock; Mitglied der 'Fruchtbringenden Gesellschaft'.
Er starb am 24. (oder 25.) Juli 1655 in Liegnitz.

Daniel Rose und Anna Löbbe

3. Sept. 1640.

Der Herbst gibt schon sich an durch kurtzen Tag vnd Regen,
Man lieset Wein vnd Obst, das Korn ist abgemeyt,
Die Braut spricht aber, jetzt sey jhre Rosen-Zeit,
Ist Rosen-lüstern mehr als sie zu seyn hat pflegen.

Wie kläglich thut sie bloß der lieben Rosen wegen?
Mein, gebt sie jhr doch hin, geht aber was beyseit,
Gebt achtung, wie sie sich der Rosen halber frewt,
Vnd seht, sie wil sie gar auch in jhr Bette legen.

Was macht jhr, Jungfraw Braut? jhr fehlt der Sachen gantz,
Die Ros' ist hier nicht zu, sie sol in ewren Krantz.
Wer nicht der Rosen Nutz erkennt, sol sie nicht brechen.

Doch geht es vns nicht an, jhr habt die Ros' allein;
Wisst aber gleichwol, daß bey Rosen Dornen seyn,
Gebraucht euch ihrer wol, vnd hüttet euch: sie stechen.

Simon Dach (1605 - 1659)

aus: Weltliche Lieder. Hochzeitsgedichte.
der Autor: geboren am 29. Juli 1605 in Memel, gestorben 1659 in Königsberg.
Biographielink:http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Dach

Walther von der Vogelweide:

„Uns hât der winter geschât über al“ – „Uns hat der Winter geschadet überall“
(Übersetzung im Anschluss an das Original)

I
Uns hât der winter geschât über al:
heide unde walt die sint beide nû val,
dâ manic stimme vil suoze inne hal.
saehe ich die megede an der strâze den bal
werfen! sô kaeme uns der vogele schal.

II
Möhte ich verslâfen des winters zît!
wache ich die wile, sô hân ich sîn nît,
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît.
weizgot er lât ouch dem meien den strît:
sô lise ich bluomen dâ rîfe nû lît.

Übersetzung
I
Uns hat der Winter geschadet überall:
Feld und Wald, die sind beide jetzt fahl,
wo [früher] viele Stimmen fanden lieblich ihren Hall.
Sähe ich doch die Mädchen auf der Straße den Ball
werfen! So käme uns wieder der Vögel Schall.

II
Könnte ich doch verschlafen die Winterszeit!
Durchwache ich seine Weile, so fühle ich gegen ihn Neid [=Haß],
denn seine Gewalt ist so breit und so weit.
Jedoch, weiß Gott, er wird dem Mai gegenüber verlieren den Streit:
Dann pflücke ich Blumen, wo jetzt liegt Reif.

 

Der Text des Originals folgt der schönen Minnesang-Ausgabe mit Übersetzungen und Bildern aus der manessischen Handschrift von Max Wehrli „Deutsche Lyrik des hohen Mittelalters“ im Manesse-Verlag , Zürich 1955; das abgedruckte Lied trägt dort die Nr. 95. Wissenschaftliche Notation L 39,1.
Übersetzung: Martin Schuhmann. * der Autor: Walther von der Vogelweide, dessen Schaffensperiode vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts liegt, ist einer der facettenreichsten Lyriker der deutschen Literaturgeschichte. Das obige kleine Lied fällt durch seine betonte Einfachheit und die Sparsamkeit der Mittel auf. Zwei Reimsilben für 10 Zeilen, zwei prägnante Bilder: Die Gewissheit, dass der Winter den Kampf gegen den Sommer auch in diesem Jahr wieder verlieren wird und Walther wieder Blumen pflücken können wird; und sein Wunsch, die jungen Frauen wieder beim Ballspielen beobachten zu können. Beim letzteren führt ein unauffälliges rhetorisches Mittel zu einem schönen Effekt: Im Vers I,4, der mit dem Wort „bal“ endet, fallen Zeilenende und das Ende des Satzes nicht zusammen (man nennt das Enjambement) – und so hängt der Satz einen Moment in der Luft wie der Ball der Mädchen. Die Kunst der Dichter, die Kunst von Walther insbesondere, ist stets eine schwebende Angelegenheit; darum werden wir jetzt auch nicht lange davon reden, dass Blumenpflücken und Ballspielen in anderen Liedern als Bilder für Sex stehen. Und erst recht reden wir nicht mehr von Winter, sondern wünschen einen schönen Frühlingsbeginn, und sei es nur ein kalendarischer. Alles Gute!

Das Persönliche

Schreib, schreib ...
Schreib von der Unsterblichkeit der Seele,
vom Liebesleben der Nordsee-Makrele;
schreib von der neuen Hauszinssteuer,
vom letzten großen Schadenfeuer;
gib dir Mühe, arbeite alles gut aus,
schreib von dem alten Fuggerhaus;
von der Differenz zwischen Mann und Weib ...
Schreib ... schreib ...

Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm:
kein Aas kümmert sich darum.

Aber: schreibst du einmal zwanzig Zeilen
mit Klatsch - die brauchst du gar nicht zu feilen.
Nenn nur zwei Namen, und es kommen in Haufen
Leser und Leserinnen gelaufen.
"Wie ist das mit Fräulein Meier gewesen?"
Das haben dann alle Leute gelesen.
"Hat Herr Streuselkuchen mit Emma geschlafen?"
Das lesen Portiers, und das lesen Grafen.
"Woher bezieht Stadtrat Mulps seine Gelder?
Das schreib - und dein Ruhm hallt durch Felder und Wälder.

Die Sache? Interessiert in Paris und in Bentschen
keinen Menschen.
Dieweil, lieber Freund, zu jeder Frist
die Hauptsache das Persönliche ist.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

erschienen unter dem Pseudonym Theobald Tiger in: Die Weltbühne, 23.06.1931, Nr. 25, S. 928. Der Autor: geboren am 09.01.1890 als Sohn eines Kaufmanns in Berlin, studierte dort und in Genf Jura und promovierte 1914 in Jena mit einer Arbeit über Hypothekenrecht. Für kurze Zeit war er als Bankvolontär tätig. Tucholsky war einer der bedeutendsten Gesellschaftskritiker des 20. Jahrhunderts. Er war unter den Pseudonymen Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser Mitarbeiter der "Schaubühne" und "Weltbühne", die er mit Siegfried Jacobsohn und dem späteren Friedens-Nobelpreisträger Carl von Ossietzky zu einem der aggressivsten und wirksamsten publizistischen Instrumente der Weimarer Republik machte. Seit 1924 lebte Tucholsky überwiegend im Ausland und kehrte nur sporadisch nach Deutschland zurück. Ab 1929 lebte er in Schweden. 1933 verboten die Nazis die "Weltbühne", verbrannten Tucholskys Bücher und bürgerten ihn aus. Am 21. Dezember 1935 schied er, nach quälender Krankheit und mehreren Operationen, in Hindas/Schweden freiwillig aus dem Leben.

Der Frosch und die beiden Enten

Sieh' da, zwei Enten jung und schön,
Die wollen an den Teich hingehn.

Zum Teiche gehn sie munter
Und tauchen die Köpfe unter.

Die eine in der Goschen
Trägt einen grünen Froschen.

Sie denkt allein ihn zu verschlingen.
Das soll ihr aber nicht gelingen.

Die Ente und der Enterich,
Die ziehn den Frosch ganz fürchterlich.

Sie ziehn ihn in die Quere,
Das tut ihm weh gar sehre.

Der Frosch kämpft tapfer wie ein Mann.
Ob das ihm wohl was helfen kann?

Schon hat die eine ihn beim Kopf,
Die andre hält ihr zu den Kropf.

Die beiden Enten raufen,
Da hat der Frosch gut laufen.

Die Enten haben sich besunnen
Und suchen den Frosch im Brunnen.

Sie suchen ihn im Wasserrohr,
Der Frosch springt aber schnell hervor.

Die Enten mit Geschnatter
Stecken die Köpfe durchs Gatter.

Der Frosch ist fort - die Enten,
Wenn die nur auch fort könnten!

Da kommt der Koch herbei sogleich
Und lacht: "Hehe, jetzt hab' ich euch!"

Drei Wochen war der Frosch so krank!
Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!

Wilhelm Busch (1832-1908)

aus: Fliegende Blätter und Münchner Bilderbogen 1859 - 1864
Mit Illustrationen hier: http://bit.ly/6JIdSw
der Autor: geboren am 15.April 1832 in Wiedensahl bei Hannover, gestorben am 8. Januar 1908 in Mechtshausen.
Biographielink: http://www.wilhelm-busch.de/biografie.php

Blick in die Tiefe

"Was stehst du so düster und von mir gewandt?
Was seh ich verhüllend die zitternde Hand
An's strömende Auge dich pressen?
O laß uns, Geliebte! den peinlichen Streit,
Der unsre Gemüther für Stunden entzweit,
In süßer Versöhnung vergessen!"

Und hab ich verletzt dich mit thörichtem Wort,
So mögen die eilenden Winde es fort
Wie Nebel des Morgens verjagen!
Oft kränket die Liebe so tief wie der Haß -
Was irrend an dir sie verbrochen, o laß'
Nicht Wurzeln im Herzen es schlagen!"

Wohl mag's der Liebe auch begegnen
Daß Kränze sie von Dornen flicht,
Doch selbst ihr Zürnen ist ein Segnen:
Sie tödtet, doch erniedrigt nicht.
Ihr Dolch macht breite Wunden klaffen,
Wenn er sich in die Seele taucht,
Doch stolz verschmäht sie solche Waffen
Wie du sie gegen mich gebraucht.

In ihres Zornes wildem Grauen
Ist sie ein Blitz, der zündend trifft,
Doch saugt sie nicht aus dem
Vertrauen, Das ihr geworden, heimlich Gift!
Sie drängt sich nicht in eine Seele,
Ein falscher, lauernder Spion,
Ins Antlitz ihr beweinte Fehle
Zu schleudern einst mit frechem Hohn. -

Ein See mit sanftbewegten Wogen
Schien mir dein trügerisch Gemüth,
Licht überwölbt vom Himmelsbogen,
Von duft'gen Ranken überblüht;
Allein die ersten Stürme riefen
Empor an den wahrhaft'gen Tag
Was, lang bedeckt, in seinen Tiefen
An ungeahnten Gräueln lag.

Zwar hat des Sturmes Nachtgefieder
Zur Ruhe sich nunmehr gelegt,
Mich aber täuscht der See nicht wieder -
Ich weiß, was seine Tiefe hegt!
Entfremdet bist du meinem Herzen,
Zerrissen jedes Liebesband!
Wie möchte mit der Natter scherzen,
Wer ihres Stiches Qual empfand!

Betty Paoli (1814-1894)

aus: Paoli - Neue Gedichte. (1856)

* die Autorin:
geb. am 30.12.1814 als Tochter eines ungarischen Adeligen u. einer Belgierin in Wien, eigentlich: Babette Elisabeth Glück, sie stammte aus ärmlichen Verhältnissen u. verdiente sich in jungen Jahren ihren Lebensunterhalt u.a. als Erzieherin in Russland u. Polen,
1832/33 veröffentlichte sie erste Gedichte in Prager und Wiener Zeitungen, sie war als Sprachlehrerin u. Übersetzerin (u.a. von Puschkin u. Turgenjew) tätig, von 1841-43 als Gesellschafterin im Hause des Philanthropen u. Schriftstellers Josef Wertheimer, wo sie u.a. Adalbert Stifter, Franz Grillparzer u. Nikolaus Lenau kennenlernte,
1849-52 hielt sie sich im Ausland auf, sie lebte ab 1852 meist in Wien u. war Literatur- u. Kunstkritikerin des 'Wiener Lloyd' u. der 'Österreichischen Zeitung' in Wien u. betätigte sich auch als Burgtheater-Referentin, zusammen mit ihrer Freundin Ida von Fleischl war Paoli später kunstkritische Beraterin Marie von Ebner-Eschenbachs, von der sie gezielt gefördert wurde, Grillparzer nannte sie den "ersten Lyriker Österreichs", sie starb am 5.7.1894 in Baden bei Wien.
* Buchempfehlungen: Frauen dichten anders. 181 Gedichte mit Interpretationen herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki

Des Morgens

Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher
Eilt schon die wache Quelle; die Birke neigt
Ihr schwankes Haupt und im Geblätter
Rauscht es und schimmert; und um die grauen

Gewölke streifen rötliche Flammen dort,
Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;
Wie Fluten am Gestade wogen
Höher und höher die Wandelbaren.

Komm nun, o komm, und eile mir nicht zu schnell,
Du goldner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!
Denn offener fliegt, vertrauter dir mein
Auge, du Freudiger! zu, solange du

In deiner Schöne jugendlich blickst und noch
Zu herrlich nicht, zu stolz mir geworden bist;
Du möchtest immer eilen, könnt ich,
Göttlicher Wanderer, mit dir! - doch lächelst

Des frohen Übermütigen du, daß er
Dir gleichen möchte; segne mir lieber dann
Mein sterblich Tun und heitre wieder,
Gütiger! heute den stillen Pfad mir!

Friedrich Hölderlin (1770-1843)

 

der Autor:
geb. am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, besucht Kloster- schulen in Denkendorf u. Maulbronn, dort bereits erste dichterische Versuche, beeinflusst von Christian Daniel Schubart, Edward Young, Friedrich Gottlieb Klopstock und Friedrich von Schiller, anschließend Theologiestudium in Tübingen, verfasst anfangs Hymnen die unter dem Eindruck intensiven Naturerlebens stehen, später mischen sich, resultierend aus den Ereignisen der Franz. Revolution, unterstützt von seinen Freunden Schelling und Hegel, zu dem idealistisch-politische Töne in seine Dichtung,
1790 Magisterexamen, 1794 Begegnung mit Schiller, Hofmeister bei Charlotte von Kalb in Weimar,
1796 Hauslehrer bei dem Frankfurter Bankier Gontard, tiefe Zuneigung zu dessen Frau Susette,
1798 Bruch mit den Gontards, es folgen Jahre rastloser Wanderschaft u. innerer Unruhe,
1807 wird er nach einjährigem Aufenthalt in der Tübinger Heilanstalt als unheilbar entlassen, die restlichen vier Jahrzehnte seines Lebens fristet er geistig umnachtet unter der Obhut einer Tischlerfamilie,
er stirbt am 7. Juni 1843 in Tübingen.
Buchempfehlung: Sämtliche Gedichte und Hyperion (Taschenbuch) von Friedrich Hölderlin Insel Verlag, 10 Euro

Ältere "Gedichte der Woche", Schuljahr 2008-2009