"Gedicht der Woche"

(zusammengestellt von Herrn Goldschmidt)

"Wer Gedichte veröffentlicht,
wirft ein Rosenblatt in den Grand Canyon
und wartet auf das Echo."

Donald Marquis (1878 - 1937)

neueste Gedichte sind oben

Walther von der Vogelweide:

„Uns hât der winter geschât über al“ – „Uns hat der Winter geschadet überall“
(Übersetzung im Anschluss an das Original)

I
Uns hât der winter geschât über al:
heide unde walt die sint beide nû val,
dâ manic stimme vil suoze inne hal.
saehe ich die megede an der strâze den bal
werfen! sô kaeme uns der vogele schal.

II
Möhte ich verslâfen des winters zît!
wache ich die wile, sô hân ich sîn nît,
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît.
weizgot er lât ouch dem meien den strît:
sô lise ich bluomen dâ rîfe nû lît.

Übersetzung
I
Uns hat der Winter geschadet überall:
Feld und Wald, die sind beide jetzt fahl,
wo [früher] viele Stimmen fanden lieblich ihren Hall.
Sähe ich doch die Mädchen auf der Straße den Ball
werfen! So käme uns wieder der Vögel Schall.

II
Könnte ich doch verschlafen die Winterszeit!
Durchwache ich seine Weile, so fühle ich gegen ihn Neid [=Haß],
denn seine Gewalt ist so breit und so weit.
Jedoch, weiß Gott, er wird dem Mai gegenüber verlieren den Streit:
Dann pflücke ich Blumen, wo jetzt liegt Reif.

 

Der Text des Originals folgt der schönen Minnesang-Ausgabe mit Übersetzungen und Bildern aus der manessischen Handschrift von Max Wehrli „Deutsche Lyrik des hohen Mittelalters“ im Manesse-Verlag , Zürich 1955; das abgedruckte Lied trägt dort die Nr. 95. Wissenschaftliche Notation L 39,1.
Übersetzung: Martin Schuhmann.

* der Autor: Walther von der Vogelweide, dessen Schaffensperiode vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts liegt, ist einer der facettenreichsten Lyriker der deutschen Literaturgeschichte. Das obige kleine Lied fällt durch seine betonte Einfachheit und die Sparsamkeit der Mittel auf. Zwei Reimsilben für 10 Zeilen, zwei prägnante Bilder: Die Gewissheit, dass der Winter den Kampf gegen den Sommer auch in diesem Jahr wieder verlieren wird und Walther wieder Blumen pflücken können wird; und sein Wunsch, die jungen Frauen wieder beim Ballspielen beobachten zu können. Beim letzteren führt ein unauffälliges rhetorisches Mittel zu einem schönen Effekt: Im Vers I,4, der mit dem Wort „bal“ endet, fallen Zeilenende und das Ende des Satzes nicht zusammen (man nennt das Enjambement) – und so hängt der Satz einen Moment in der Luft wie der Ball der Mädchen. Die Kunst der Dichter, die Kunst von Walther insbesondere, ist stets eine schwebende Angelegenheit; darum werden wir jetzt auch nicht lange davon reden, dass Blumenpflücken und Ballspielen in anderen Liedern als Bilder für Sex stehen. Und erst recht reden wir nicht mehr von Winter, sondern wünschen einen schönen Frühlingsbeginn, und sei es nur ein kalendarischer. Alles Gute!


Das Persönliche

Schreib, schreib ...
Schreib von der Unsterblichkeit der Seele,
vom Liebesleben der Nordsee-Makrele;
schreib von der neuen Hauszinssteuer,
vom letzten großen Schadenfeuer;
gib dir Mühe, arbeite alles gut aus,
schreib von dem alten Fuggerhaus;
von der Differenz zwischen Mann und Weib ...
Schreib ... schreib ...

Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm:
kein Aas kümmert sich darum.

Aber: schreibst du einmal zwanzig Zeilen
mit Klatsch - die brauchst du gar nicht zu feilen.
Nenn nur zwei Namen, und es kommen in Haufen
Leser und Leserinnen gelaufen.
"Wie ist das mit Fräulein Meier gewesen?"
Das haben dann alle Leute gelesen.
"Hat Herr Streuselkuchen mit Emma geschlafen?"
Das lesen Portiers, und das lesen Grafen.
"Woher bezieht Stadtrat Mulps seine Gelder?
Das schreib - und dein Ruhm hallt durch Felder und Wälder.

Die Sache? Interessiert in Paris und in Bentschen
keinen Menschen.
Dieweil, lieber Freund, zu jeder Frist
die Hauptsache das Persönliche ist.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

erschienen unter dem Pseudonym Theobald Tiger in: Die Weltbühne, 23.06.1931, Nr. 25, S. 928.

Der Autor: geboren am 09.01.1890 als Sohn eines Kaufmanns in Berlin, studierte dort und in Genf Jura und promovierte 1914 in Jena mit einer Arbeit über Hypothekenrecht. Für kurze Zeit war er als Bankvolontär tätig. Tucholsky war einer der bedeutendsten Gesellschaftskritiker des 20. Jahrhunderts. Er war unter den Pseudonymen Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser Mitarbeiter der "Schaubühne" und "Weltbühne", die er mit Siegfried Jacobsohn und dem späteren Friedens-Nobelpreisträger Carl von Ossietzky zu einem der aggressivsten und wirksamsten publizistischen Instrumente der Weimarer Republik machte. Seit 1924 lebte Tucholsky überwiegend im Ausland und kehrte nur sporadisch nach Deutschland zurück. Ab 1929 lebte er in Schweden. 1933 verboten die Nazis die "Weltbühne", verbrannten Tucholskys Bücher und bürgerten ihn aus. Am 21. Dezember 1935 schied er, nach quälender Krankheit und mehreren Operationen, in Hindas/Schweden freiwillig aus dem Leben.


Der Frosch und die beiden Enten

Sieh' da, zwei Enten jung und schön,
Die wollen an den Teich hingehn.

Zum Teiche gehn sie munter
Und tauchen die Köpfe unter.

Die eine in der Goschen
Trägt einen grünen Froschen.

Sie denkt allein ihn zu verschlingen.
Das soll ihr aber nicht gelingen.

Die Ente und der Enterich,
Die ziehn den Frosch ganz fürchterlich.

Sie ziehn ihn in die Quere,
Das tut ihm weh gar sehre.

Der Frosch kämpft tapfer wie ein Mann.
Ob das ihm wohl was helfen kann?

Schon hat die eine ihn beim Kopf,
Die andre hält ihr zu den Kropf.

Die beiden Enten raufen,
Da hat der Frosch gut laufen.

Die Enten haben sich besunnen
Und suchen den Frosch im Brunnen.

Sie suchen ihn im Wasserrohr,
Der Frosch springt aber schnell hervor.

Die Enten mit Geschnatter
Stecken die Köpfe durchs Gatter.

Der Frosch ist fort - die Enten,
Wenn die nur auch fort könnten!

Da kommt der Koch herbei sogleich
Und lacht: "Hehe, jetzt hab' ich euch!"

Drei Wochen war der Frosch so krank!
Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!

Wilhelm Busch (1832-1908)

aus: Fliegende Blätter und Münchner Bilderbogen 1859 - 1864
Mit Illustrationen hier: http://bit.ly/6JIdSw
der Autor: geboren am 15.April 1832 in Wiedensahl bei Hannover, gestorben am 8. Januar 1908 in Mechtshausen.
Biographielink: http://www.wilhelm-busch.de/biografie.php


Blick in die Tiefe

"Was stehst du so düster und von mir gewandt?
Was seh ich verhüllend die zitternde Hand
An's strömende Auge dich pressen?
O laß uns, Geliebte! den peinlichen Streit,
Der unsre Gemüther für Stunden entzweit,
In süßer Versöhnung vergessen!"

Und hab ich verletzt dich mit thörichtem Wort,
So mögen die eilenden Winde es fort
Wie Nebel des Morgens verjagen!
Oft kränket die Liebe so tief wie der Haß -
Was irrend an dir sie verbrochen, o laß'
Nicht Wurzeln im Herzen es schlagen!"

Wohl mag's der Liebe auch begegnen
Daß Kränze sie von Dornen flicht,
Doch selbst ihr Zürnen ist ein Segnen:
Sie tödtet, doch erniedrigt nicht.
Ihr Dolch macht breite Wunden klaffen,
Wenn er sich in die Seele taucht,
Doch stolz verschmäht sie solche Waffen
Wie du sie gegen mich gebraucht.

In ihres Zornes wildem Grauen
Ist sie ein Blitz, der zündend trifft,
Doch saugt sie nicht aus dem
Vertrauen, Das ihr geworden, heimlich Gift!
Sie drängt sich nicht in eine Seele,
Ein falscher, lauernder Spion,
Ins Antlitz ihr beweinte Fehle
Zu schleudern einst mit frechem Hohn. -

Ein See mit sanftbewegten Wogen
Schien mir dein trügerisch Gemüth,
Licht überwölbt vom Himmelsbogen,
Von duft'gen Ranken überblüht;
Allein die ersten Stürme riefen
Empor an den wahrhaft'gen Tag
Was, lang bedeckt, in seinen Tiefen
An ungeahnten Gräueln lag.

Zwar hat des Sturmes Nachtgefieder
Zur Ruhe sich nunmehr gelegt,
Mich aber täuscht der See nicht wieder -
Ich weiß, was seine Tiefe hegt!
Entfremdet bist du meinem Herzen,
Zerrissen jedes Liebesband!
Wie möchte mit der Natter scherzen,
Wer ihres Stiches Qual empfand!

Betty Paoli (1814-1894)

aus: Paoli - Neue Gedichte. (1856)

* die Autorin:
geb. am 30.12.1814 als Tochter eines ungarischen Adeligen u. einer Belgierin in Wien, eigentlich: Babette Elisabeth Glück, sie stammte aus ärmlichen Verhältnissen u. verdiente sich in jungen Jahren ihren Lebensunterhalt u.a. als Erzieherin in Russland u. Polen,
1832/33 veröffentlichte sie erste Gedichte in Prager und Wiener Zeitungen, sie war als Sprachlehrerin u. Übersetzerin (u.a. von Puschkin u. Turgenjew) tätig, von 1841-43 als Gesellschafterin im Hause des Philanthropen u. Schriftstellers Josef Wertheimer, wo sie u.a. Adalbert Stifter, Franz Grillparzer u. Nikolaus Lenau kennenlernte,
1849-52 hielt sie sich im Ausland auf, sie lebte ab 1852 meist in Wien u. war Literatur- u. Kunstkritikerin des 'Wiener Lloyd' u. der 'Österreichischen Zeitung' in Wien u. betätigte sich auch als Burgtheater-Referentin, zusammen mit ihrer Freundin Ida von Fleischl war Paoli später kunstkritische Beraterin Marie von Ebner-Eschenbachs, von der sie gezielt gefördert wurde, Grillparzer nannte sie den "ersten Lyriker Österreichs", sie starb am 5.7.1894 in Baden bei Wien.
* Buchempfehlungen: Frauen dichten anders. 181 Gedichte mit Interpretationen herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki


Des Morgens

Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher
Eilt schon die wache Quelle; die Birke neigt
Ihr schwankes Haupt und im Geblätter
Rauscht es und schimmert; und um die grauen

Gewölke streifen rötliche Flammen dort,
Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;
Wie Fluten am Gestade wogen
Höher und höher die Wandelbaren.

Komm nun, o komm, und eile mir nicht zu schnell,
Du goldner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!
Denn offener fliegt, vertrauter dir mein
Auge, du Freudiger! zu, solange du

In deiner Schöne jugendlich blickst und noch
Zu herrlich nicht, zu stolz mir geworden bist;
Du möchtest immer eilen, könnt ich,
Göttlicher Wanderer, mit dir! - doch lächelst

Des frohen Übermütigen du, daß er
Dir gleichen möchte; segne mir lieber dann
Mein sterblich Tun und heitre wieder,
Gütiger! heute den stillen Pfad mir!

Friedrich Hölderlin (1770-1843)

 

der Autor:
geb. am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, besucht Kloster- schulen in Denkendorf u. Maulbronn, dort bereits erste dichterische Versuche, beeinflusst von Christian Daniel Schubart, Edward Young, Friedrich Gottlieb Klopstock und Friedrich von Schiller, anschließend Theologiestudium in Tübingen, verfasst anfangs Hymnen die unter dem Eindruck intensiven Naturerlebens stehen, später mischen sich, resultierend aus den Ereignisen der Franz. Revolution, unterstützt von seinen Freunden Schelling und Hegel, zu dem idealistisch-politische Töne in seine Dichtung,
1790 Magisterexamen, 1794 Begegnung mit Schiller, Hofmeister bei Charlotte von Kalb in Weimar,
1796 Hauslehrer bei dem Frankfurter Bankier Gontard, tiefe Zuneigung zu dessen Frau Susette,
1798 Bruch mit den Gontards, es folgen Jahre rastloser Wanderschaft u. innerer Unruhe,
1807 wird er nach einjährigem Aufenthalt in der Tübinger Heilanstalt als unheilbar entlassen, die restlichen vier Jahrzehnte seines Lebens fristet er geistig umnachtet unter der Obhut einer Tischlerfamilie,
er stirbt am 7. Juni 1843 in Tübingen.
Buchempfehlung: Sämtliche Gedichte und Hyperion (Taschenbuch) von Friedrich Hölderlin Insel Verlag, 10 Euro


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