Krakau-Auschwitz-Fahrt 2013

Aktion Stolperstein

 

Krakau-Auschwitz-Fahrt 2013

Fotos von Tim Domanski (10 d)
 
 
 
Eindrücke zur Krakau-Auschwitz-Fahrt:
 
Eine lange Tradition hat die Krakau-Auschwitz-Fahrt am Stefan-George-Gymnasium. Initiiert wurde sie von dem SGG-Lehrer Egon Goldschmidt und ist seit mehr als zwanzig Jahren stark frequentiert bei allen Schülern ab der Jahrgangsstufe 10. Die Fahrt ist keineswegs nur Vergnügen, sondern zeigt hautnah die Verbrechen der NS-Zeit. Eindrücke, die nicht im Unterricht vermittelt werden können, sind allen Teilnehmern nahegebracht worden. Die Geschichte zog sich durch die ganze Fahrt. Zu Beginn nahmen wir an einer Stadtführung durch die Altstadt von Krakau teil. Krakau ist eine wunderschöne alte Stadt, die einen ganz besonderen Charme versprüht. Selbstverständlich besichtigten wir den Wawel und die Marienkirche, mit ihrem sagenhaften Veith-Stoß-Altar. Zweiter Programmpunkt war eine Führung durch den jüdischen Stadtteil Kazimierz. Dies ermöglichte uns Einblicke in eine besondere Kultur, die für viele von uns ,,Neuland" war. Abgerundet wurde diese Führung durch einen Besuch in einer Synagoge. Der Nachmittag stand uns zur freien Verfügung. Wir konnten uns in Krakau frei bewegen und erreichten unser zentral gelegenes Hotel immer sicher und mit allen Wertsachen, mit denen wir morgens unsere Unterkunft verlassen hatten. Das Klischee vom klauenden Polen ist - so ganz nebenbei - abgebaut worden.
Das Augenmerk dieser Studienfahrt lag auf den Besuch im KZ Auschwitz-Birkenau. Der Völkermord an Millionen von Juden wurde uns schonungslos bewusst, und jeder, der dieses furchtbare Areal gesehen hat, ist sich bewusst, dass so etwas nie wieder passieren darf. Wir hatten zweitweise das Gefühl, uns für unsere Herkunft zu schämen. Eine israelische Schülergruppe besuchte vor uns die Gedenkstätte. Die Schüler liefen mit Fahnen andächtig über das Gelände und schauten uns teilweise entsetzt an, als sie hörten, dass wir Deutsche sind. Die Folgen dieses Völkermords sind nicht mehr gut zu machen und mir persönlich ist nach diesem Erlebnis umso mehr bewusst, dass Geschichte nicht vergessen werden darf und wir immer aus ihr lernen müssen. Die Pflicht, über den Holocaust aufzuklären, muss von Generation zu Generation weitergetragen werden. Dies sind wir als Deutsche den Opfern schuldig.
Nach dem KZ-Besuch hatten wir Zeit, die bedrückenden Erlebnisse zu verarbeiten, und der Tag darauf stand uns komplett zur freien Verfügung. Während der gesamten Fahrt sind wir von unserem sympathischen Busfahrer sicher chauffiert worden. Aufgrund der Witterungsbedingungen und polnischer Schikane benötigten wir 18 Stunden, um in Krakau anzukommen; die Rückfahrt verlief zum Glück weniger zeitaufwendig.
Nach dieser Fahrt kann ich nur ein sehr positives Resümee ziehen. Die Fahrt war auf ganzer Linie ein voller Erfolg und die Schüler und Lehrer gingen mit vielen neuen Eindrücken in die Osterferien. Neben Herrn Goldschmidt begleiteten uns die Lehrerinnen Beate Schreiber und Mia Hartmann, die in Zukunft die Krakau-Auschwitz-Fahrten anbieten und durchführen wird. Ich hoffe, dass sich wieder viele Schüler für dieses einmalige Erlebnis entscheiden.

 

 

“Krakau-Auschwitz-Fahrt” 2013 am SGG Bingen

aus der Sicht einer Schülerin, Anna Michel, SGG MSS 12
 
 
“The one who does not remember history, is bound to live through it again.“ Dieses Zitat von George Santayana steht in schlichten Buchstaben an einer Wand im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Was könnte besser die Beweggründe für einen Besuch in Auschwitz  auf den Punkt bringen! Man möchte nicht vergessen, deshalb ist man hier. Gleichzeitig versteht sich das Zitat aber auch als Warnung, denn wer vergisst, der hat verloren.
Auch wir, etwa 50 Schüler des SGG Bingen, haben uns entschieden, nicht vergessen zu wollen. Deshalb nutzten wir das Angebot einer freiwilligen „Krakau-Ausschwitz-Exkursion“. Zusammen mit drei Lehrern unter der Leitung von Herrn Goldschmidt- der die Fahrt übrigens schon seit geraumer Zeit alle zwei Jahre anbietet- machten wir uns am Abend des 14.3.2013 in einem Reisebus gemeinsam auf den Weg nach Polen.
Die folgenden vier Tage waren geprägt von der Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, das bedeutete konkret Erleben von Geschichte „hautnah“. Für ein solches Vorhaben eignet sich Krakau perfekt, denn es gibt dort viele Möglichkeiten, Geschichte zu ergründen.
Eine dieser Möglichkeiten ist das in Krakaus Umgebung gelegene Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz/Birkenau. In zwei Gruppen aufgeteilt und von kompetenten Fremdenführerinnen begleitet, besichtigten wir das riesige Vernichtungslager des NS-Regimes: zunächst Auschwitz eins, dann Birkenau. Wir gingen durch das Tor mit der berühmten zynischen Inschrift „Arbeit macht frei“, wir sahen hunderte Baracken, Galgen, die Schießmauer. Wir besichtigten die Ausstellung, die uns mit Fotos und Bildern - auch die der Opfer des grausamen Nazi-Arztes Mengele- konfrontierte, die uns vorbeiführte an meterlangen Schaukästen von Menschenhaar, Schuhen und Koffern. Auch Schaukästen mit Kinderkleidung und Brillen sahen wir. Wir gingen durch die erhaltene Baracke der SS-Lagerführung mit ihren grausamen Folterzellen, sahen die Eisenbahnlinie, auf der Millionen Opfer zu den riesigen Gaskammern in Auschwitz 2 gebracht wurden. Wir betrachteten Modelle der Gaskammern, sahen auch die Reste der Originalgaskammern. Zudem liefen wir durch Krematorien samt Verbrennungsöfen. Dies sind nur einige Eindrücke, die wir in Auschwitz sammelten. Auch nach dem Besuch bleibt unser nachhaltiges Entsetzen über das nach wie vor kaum vorstellbare Ausmaß der Grausamkeit, der Menschenverachtung und systematischen Vernichtung von Menschenleben.
Passend zu unserem Vorhaben, Geschichte „hautnah“ ergründen zu wollen, besichtigten wir das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz und den Stadtteil, in dem sich das jüdische Ghetto befand. Ein in vielerlei Hinsicht besonderer Programmpunkt war  der Besuch des Museums „Schindlers Fabrik“. Schindler, ein Deutscher - vielen bekannt aus Stephen Spielbergs Film „Schindlers–Liste “- rettete vielen Juden bewusst das Leben, indem er sie in seiner Fabrik arbeiten ließ. Im Schindler-Museum wird dem Besucher überdies anschaulich die Besetzung Polens durch die Nationalsozialisten sowie das alltägliche Leben im Krakauer Ghetto gezeigt. Das Gesehene ließ uns nachdenklich und traurig werden. Viele von uns schämten sich in diesen Momenten des Deutschseins. Die deutsche Sprache beispielsweise ist an diesen Orten die Sprache der Nazis, so manch einer von uns verzichtete deshalb dort lieber ganz auf das Reden. Natürlich wussten wir, dass es nicht unsere persönliche Schuld ist, trotz allem fühlten wir die historische Last.
Allerdings beschäftigten wir uns nicht nur mit der Naziherrschaft in Krakau. Vielmehr nutzten wir die vier Tage auch um Polen und die Stadt Krakau als solche zu entdecken. Krakau begeisterte uns als architektonisch wunderschöne, saubere, kulinarisch und kulturell erstklassige Stadt, die mit Sicherheit einen Urlaub wert ist.
Abschließend lässt sich festhalten: Die Exkursion hat unsere Sicht auf die Dinge nachhaltig geprägt. Unser Lehrer, Herr Goldschmidt, fand dafür meiner Meinung nach treffende Worte: „Keiner von uns hat Schuld, denn Schuld ist persönlich. Persönliche Schuld haben wir deshalb nicht, weil wir  damals noch nicht lebten. Was wir heute allerdings tragen, ist Verantwortung“.  Ich finde, dieser Verantwortung sollten wir Deutsche im Allgemeinen mehr nachkommen. Viele von uns Schülern waren vor diesem Austausch noch nie in Polen, obwohl es unser Nachbarland ist. Obwohl unsere Geschichte uns  über Jahrtausende verbindet, gibt es zu wenig Austausch auf persönlicher Ebene. Auch deshalb ist ein Besuch Krakaus und des Konzentrationslagers Auschwitz sehr zu empfehlen. George Santayanas Weisheit unterstützt diese Empfehlung: Wer sich nicht erinnert, der ist gezwungen, die Geschichte noch einmal zu erleben. Wir alle sollten uns erinnern!
 
 
Halina Birenbaum 
 
Vom Ende an
 
Mein Leben hatte am Ende seinen Anfang …
Zuerst lernte ich den Tod, die Grausamkeit kennen
Und erst danach die Geburt
In Ruinen aufgewachsen, unter der Herrschaft des Hasses
sah ich erst später, wie man ein Heim erbaut 
 
Das war die gewohnte Atmosphäre meiner Kindheit
Später erst sah ich auch Licht
entdeckte das Blühen 
 
Nur die Liebe kannte ich immer
Auch wenn es noch schlimmer als schrecklich war
selbst in der Hölle begegnete sie mir. 
 
Mein Leben begann am Ende
und kehrte zum Anfang zurück
Ich bin wieder auferstanden
Nichts war umsonst
Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.
In mir ist die Kraft nicht aufzugeben
Ich bin ein Beweis 
 
1983
Aus dem Polnischen mit Nea Weisberg-Bob
 
 
 
Ruth Klüger
 
DER KAMIN
 
Täglich hinter den Baracken
Seh ich Rauch und Feuer stehn.
Jude, beuge deinen Nacken,
Keiner hier kann dem entgehn.
Siehst du in dem Rauche nicht
Ein verzerrtes Angesicht?
Ruft es nicht voll Spott und Hohn:
Fünf Millionen berg' ich schon!
Auschwitz liegt in meiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.
Täglich hinterm Stacheldraht
Steigt die Sonne purpurn auf,
Doch ihr Licht wirkt öd und fad,
Bricht die andre Flamme auf.
Denn das warme Lebenslicht
Gilt in Auschwitz längst schon nicht.
Blick zur roten Flamme hin:
Einzig wahr ist der Kamin.
Auschwitz liegt in seiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.
Mancher lebte einst voll Grauen
Vor der drohenden Gefahr.
Heut' kann er gelassen schauen,
Bietet ruh'g sein Leben dar.
Jeder ist zermürbt von Leiden,
Keine Schönheit, keine Freuden,
Leben, Sonne, sie sind hin,
Und es lodert der Kamin.
Auschwitz liegt in seiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.
Hört ihr Ächzen nicht und Stöhnen,
Wie von einem, der verschied?
Und dazwischen bittres Höhnen,
Des Kamines schaurig Lied:
Keiner ist mir noch entronnen,
Keinen, keine werd ich schonen.
Und die mich gebaut als Grab
Schling ich selbst zuletzt hinab.
Auschwitz liegt in meiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt. 
 
„Der Kamin“ stammt von der dreizehnjährigen Ruth Klüger, geschrieben Auschwitz 1944. „... Tod nur rettet vor dem Tode“ wurde von Hermann Adler im Ghetto Wilna verfaßt.
 
 

Weitere Informationen auch in der Facebook-Gruppe zur Krakau-Auschwitz-Fahrt.

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